436 Tage danach
Alexa
Es ist still in der Wohnung, bis auf das leise Klicken von Nicks Tastatur. Das Fenster steht offen, und die kalte Morgenluft dringt herein, trägt den Geruch von Salzwasser und altem Holz mit sich. Der Hafen hat seine eigene Melodie, ein Mix aus knarrenden Booten, Möwengeschrei und dem rhythmischen Klatschen der Wellen. Ich habe mich an den Klang gewöhnt – er ist in den letzten Wochen zu einer Art Konstante geworden.
Nick sitzt am Küchentisch, die Augen auf den Laptop gerichtet, während seine Finger über die Tasten fliegen. Sein Fokus ist bewundernswert, fast schon einschüchternd. Ich strecke mich auf der Luftmatratze aus, mein Rücken protestiert gegen das dünne Polster. Die kleinen Details der Wohnung um mich herum – die losen Klamotten auf dem Boden, die halb leeren Bierflaschen auf dem Couchtisch – wirken wie eine Szenerie, die ich in- und auswendig kenne. Und doch fühle ich mich fehl am Platz. Oder vielleicht bin ich es, die nicht mehr weiß, wohin sie gehört.
„Ich hab was gefunden," sagt Nick plötzlich, ohne den Blick vom Bildschirm zu nehmen. Seine Stimme reißt mich aus meinen Gedanken. Ich rolle mich von der Matratze und werfe einen Blick über seine Schulter. Auf dem Bildschirm leuchten mehrere Chatfenster, die nacheinander neue Nachrichten ausspucken.
„Im Süden?" Ich versuche, die Muster zu erkennen, die er in den Karten eingezeichnet hat. Es ist wie ein Puzzle, ein Netz aus Punkten und Linien, das sich langsam verdichtet. „Er bewegt sich Richtung Süden, oder?"
Nick nickt knapp, greift nach einem Stift und markiert einen weiteren Punkt auf der Karte. „Er bleibt in Bewegung, aber er bleibt nie lange genug, um Spuren zu hinterlassen. Es ist, als wolle er gefunden werden, aber nur von den Richtigen."
Ich mustere ihn, den Schatten seines Bartes, der ihm ein paar Jahre älter aussehen lässt, und die leichte Falte, die sich auf seiner Stirn bildet, wenn er konzentriert ist. Er hat etwas Beruhigendes an sich, eine Ruhe, die ich selten bei Menschen finde. Doch in genau diesem Moment fühle ich, wie sich etwas in mir regt. Es ist klein, kaum mehr als ein Flüstern, aber es ist da, und es irritiert mich zutiefst. Ich zwinge mich, den Blick abzuwenden.
„Gut," murmele ich und stehe abrupt auf. Die Luft zwischen uns fühlt sich plötzlich zu dicht an, zu schwer. „Ich geh los."
„Alexa..." Seine Stimme hält mich zurück. Ich drehe mich zu ihm um, die Hand schon an der Türklinke.
„Ich komm mit."
Die Einfachheit seiner Worte trifft mich unvorbereitet, und ich nicke nur, unfähig, etwas zu erwidern.
Wenige Minuten später stehen wir draußen. Die kalte Brise schlägt mir ins Gesicht, und ich ziehe Nicks Lederjacke enger um mich. Sie riecht nach ihm, nach einem Mix aus Waschmittel und etwas, das ich nicht genau definieren kann. Es beruhigt mich, und gleichzeitig macht es mich wütend, weil ich nicht weiß, warum. Mein Kopf ist ein Chaos, wie immer, aber jetzt scheint es sich auf eine neue Art zuzuspitzen.
Nick bleibt stehen, die Karte in der Hand, und überprüft die Wegbeschreibung zum Lagerhaus.
„Das ist nicht weit," sagt er, sein Blick über die dunkle Straße wandernd. Der Mond hängt hoch am Himmel, kalt und unbeweglich.
„Dann los," erwidere ich, mit mehr Nachdruck, als ich beabsichtigt habe.
Die Fahrt durch die dunklen Straßen hat eine seltsame Atmosphäre – das Surren des Motors, der Wind, der mir ins Gesicht schlägt, und die kleinen Lichter, die wie Flammen an den Rändern der Stadt flackern. Es gibt mir Zeit zum Nachdenken, fast zu viel Zeit.
Als wir anhalten und absteigen, schneidet die Stille scharf. Das Lagerhaus ist groß, eine Silhouette gegen den Himmel, und die Umgebung riecht nach Rost und feuchtem Beton.
„Sieht verlassen aus," murmelt Nick, die Taschenlampe zückend.
„Das ist es doch immer." Ich folge ihm ins Gebäude, die Sohlen meiner Stiefel kratzen über den Boden. Der Geruch von altem Holz und Ölfässern ist schwer und unangenehm.
Nick bleibt an einer Treppe stehen, die in die Dunkelheit führt. „Warum machst du das eigentlich, Alexa?" Seine Stimme klingt vorsichtig, fast zögernd. Es ist das erste Mal, dass er mich direkt fragt – nicht über Travis, sondern über mich.
„Warum riskierst du so viel, obwohl du weißt, was es mit dir macht?"
Ich halte inne. Die Frage fühlt sich an wie ein Stein, der mitten in meinen Gedanken ins Wasser fällt. Wellen breiten sich aus, treffen Ecken, die ich lieber unberührt gelassen hätte.
„Weil ich muss," sage ich schließlich, meine Stimme leise, aber fest. „Weil ich ihn finden muss. Es ist... alles, was ich habe. Alles andere – Lucy, Jay – es ist kaputt. Sie sind kaputt, und ich... Ich kann es nicht reparieren. Aber das hier..." Ich zeige mit einem leichten Kopfnicken auf die Dunkelheit vor uns. „Das kann ich zu Ende bringen."
Nick sagt nichts, aber sein Blick bleibt auf mir haften. Ich hasse es, dass er so viel versteht, ohne dass ich viel erklären muss.
„Lucy macht mich wahnsinnig," platze ich schließlich heraus, weil ich das Schweigen nicht ertragen kann. „Sie denkt, sie weiß, was gut für mich ist. Aber sie hat keine Ahnung, was in meinem Kopf vorgeht. Und Jay... Gott, Jay..." Meine Stimme bricht für einen Moment. „Er sieht mich an, als wäre ich eine tickende Zeitbombe. Als würde ich jeden Moment explodieren. Und vielleicht hat er recht."
Nick setzt die Taschenlampe ab, sein Gesicht halb im Schatten.
„Vielleicht glauben sie, dass du mehr bist als das. Vielleicht geben sie dir nicht auf, weil sie wissen, dass du stärker bist, als du dir selbst zutraust."
Seine Worte machen mich sprachlos. Es ist, als würde er in die Teile von mir sehen, die ich seit Jahren begraben habe.
„Du kannst mit mir reden, weißt du," fügt er leiser hinzu. „Wenn du willst."
Ich will antworten, aber ein Geräusch unterbricht mich abrupt.
Nick geht mit federndem Schritt voraus, hält schützend einen seiner Arme vor mich. Dann stößt er vorsichtig eine Tür auf.
Quietschend baumelt eine einzelne Glühbirne von der Decke und beleuchtet einen fensterlosen dreckigen Raum. Verlassen in der Mitte steht ein Tisch auf dem ein Buch liegt. Schon als meine Finger zitternd das Papier erreichen, weiß ich genau von wem es ist.
Im schaukelnden Licht kann ich trotzdem klar und deutlich die schwarze Schrift an der Wand lesen.
'Netter Haarschnitt'
Es ist eine persönliche Botschaft, die nur ich verstehen kann.
Dieser Bastard.
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What happend to us
Novela JuvenilWir waren vier Freunde. Jetzt sind wir das was von uns übrig ist.
