442 Tage danach
Lucy
Der Regen prasselt gegen die Scheiben, während ich auf dem Sofa sitze und in meinen Händen ein Foto von uns vieren halte – Alexa, Jay, Jasper und mir. Es ist fast seltsam, wie glücklich wir darauf aussehen. Unsere Gesichter strahlen etwas aus, das ich inzwischen kaum noch erkenne: Leichtigkeit.
Damals schien alles so einfach zu sein, so sicher. Aber jetzt fühlt sich alles wie ein zerbrochenes Puzzle an, bei dem die wichtigsten Teile fehlen.
„Warum will sie nicht einfach zurückkommen?" murmele ich, eher zu mir selbst als zu Jay. Er sitzt am Küchentisch, ein Buch vor sich, das er schon eine halbe Stunde lang anstarrt, ohne eine einzige Seite umzublättern.
Er hebt den Kopf und sieht mich an, seine Augen müde. „Weil sie stur ist. Und weil sie glaubt, dass sie alles alleine regeln muss."
Ich lege das Foto auf den Couchtisch und ziehe die Knie an meine Brust. „Sie wohnt bei diesem Typen, Nicholas. Du hast ihn gesehen, Jay. Er..." Ich zögere, suche nach den richtigen Worten. „Er scheint nett zu sein, aber ich weiß nichts über ihn. Und ich finde das beunruhigend."
Jay schnaubt leise und lehnt sich zurück, die Arme verschränkt. „Vielleicht solltest du sie einfach machen lassen. Alexa ist erwachsen. Sie kann selbst entscheiden, mit wem sie abhängt."
„Du verstehst es nicht," sage ich, meine Stimme eine Spur lauter, als ich beabsichtigt habe. „Ich mache mir Sorgen. Nicholas könnte sonst wer sein. Vielleicht nutzt er sie aus, vielleicht hat er irgendwelche Hintergedanken. Und sie ist so... so verloren, Jay. Sie sieht es vielleicht nicht, aber sie braucht uns. Sie vertraut doch sonst auch nie jemandem."
Er zuckt mit den Schultern und greift nach seinem Glas Wasser. „Vielleicht braucht sie uns, vielleicht nicht. Aber sie will uns nicht. Und ehrlich gesagt, ich hab keine Energie mehr, ständig hinter ihr herzurennen. Keiner von uns zieht so eine Show ab wie sie."
Seine Worte treffen mich härter, als sie sollten. Ich beiße mir auf die Lippe, um die Wut in mir zu unterdrücken.
„Du redest, als hätte sie uns hintergangen. Sie versucht nur, mit allem klarzukommen. Und wenn das bedeutet, dass sie bei Nicholas bleiben will, dann sollten wir zumindest herausfinden, ob er es ernst mit ihr meint oder ob er sie nur benutzt. Oder ob er vielleicht der nächste Psychopath ist der sie umbringen will."
Jay stellt das Glas mit einem lauten Klirren auf den Tisch. „Du verschwendest deine Zeit, Lucy. Sie hat sich entschieden, uns nicht mehr zu brauchen. Und dieser Nicholas..." Er macht eine abwertende Geste. „Warum sollte ich meine Zeit damit verschwenden, mich über ihn zu informieren? Er ist selbst Schuld wenn er gerne Zeit mit ihr verbringt."
„Weil es Alexa ist!" Ich springe auf, meine Hände zu Fäusten geballt. „Weil sie uns wichtig sein sollte! Wir waren uns doch alle mal wichtig!"
„Eben und was ist mit mir, Lucy?" Er erhebt sich ebenfalls, und seine Stimme ist jetzt rau vor Ärger. „Was ist mit uns? Du bist so besessen von Alexa, dass du vergisst, dass ich auch hier bin. Dass ich auch..." Er bricht ab und schüttelt den Kopf, bevor er sich abwendet. „Weißt du was? Vergiss es, darüber streiten wir immer."
Ich stehe da, mein Atem schwer, während die Worte in der Luft hängen. Der Raum fühlt sich plötzlich zu eng an, zu stickig. Jay geht ins Schlafzimmer und schließt die Tür hinter sich. Zurück bleibt nur die Stille und das leise Trommeln des Regens gegen die Fenster.
Ich lasse mich zurück aufs Sofa fallen und fahre mir mit den Händen durchs Gesicht. Meine Gedanken sind ein Chaos, ein endloses Durcheinander aus Sorgen und Schuldgefühlen. Vielleicht hat Jay recht. Vielleicht sollte ich Alexa loslassen, sie ihren eigenen Weg gehen lassen. Aber wie soll ich das tun, wenn der Gedanke an sie, allein mit diesem Fremden, mich jede Nacht wach hält?
Mein Blick fällt auf mein Handy, das auf dem Couchtisch liegt. Für einen Moment überlege ich, Jeremy anzurufen und ihn zu bitten, mehr über Nicholas herauszufinden. Doch dann lege ich das Telefon wieder weg. Wenn Alexa jemals herausfindet, dass ich das getan habe, würde sie mich hassen. Und das kann ich nicht riskieren, nicht wo wir jetzt schon so ein schlechtes Verhältnis haben.
Stattdessen starre ich auf das Foto vor mir, auf die Versionen von uns, die wir längst verloren haben. Und ich frage mich, wie viel von uns noch übrig ist.
Ich starre auf das Foto, während die Zeit sich quälend langsam voranschleppt. Der Regen trommelt weiter gegen die Fenster, und die Wohnung fühlt sich leer an, obwohl Jay nur ein paar Schritte entfernt ist. Das Foto in meinen Händen erzählt eine Geschichte, die ich fast vergessen habe – von uns als Einheit, unzertrennlich, bevor alles auseinanderbrach.
Aber jetzt... jetzt schwirrt dieser Nicholas in meinen Gedanken. Ich kenne ihn kaum. Das Wenige, das ich über ihn weiß, reicht nicht aus, um mich zu beruhigen. Alexa lebt bei ihm, vertraut ihm – und das bedeutet, dass ich es auch tun sollte, oder? Aber warum fühlt sich das alles so falsch an? Wieso sucht sie sich gerade jetzt jemanden um ihm zu vertrauen?
Ich schiebe das Foto zur Seite und greife nach dem Laptop, der auf dem Couchtisch liegt. Mein Herz schlägt schneller, während ich überlege, was ich suchen soll. Es fühlt sich wie ein Verrat an, nach Informationen über ihn zu graben, ohne dass Alexa davon weiß. Aber wenn ich ehrlich bin, tue ich das nicht, weil ich ihn misstrauisch bin – es geht mir um sie. Um die Art und Weise, wie sie sich zurückgezogen hat, wie sie uns immer weiter wegstößt. Vielleicht ist das meine Art, sie zurückzuholen.
Ich beginne zu tippen, doch gerade als ich „Nicholas Novus" in die Suchleiste eingebe, höre ich die Tür des Schlafzimmers. Jay kommt heraus, seine Haare zerzaust, seine Augen dunkel vor Müdigkeit. Er bleibt stehen, sieht mich an und hebt eine Augenbraue, als er den Laptop in meinen Händen bemerkt.
„Was machst du da?" fragt er, die Worte schärfer, als ich erwartet habe.
„Ich... ich wollte mehr über Nicholas herausfinden," gebe ich zu, meine Finger vom Touchpad wegziehend, als hätte ich etwas Verbotenes getan. „Nur um sicherzugehen, dass Alexa wirklich nicht in Gefahr ist."
Jay starrt mich einen Moment lang an, dann seufzt er schwer und lässt sich in den Sessel fallen. „Lucy, hör auf damit. Du wirst dich nur verrückt machen."
„Vielleicht, aber was ist, wenn ich recht habe?" Ich schaue ihn an, die Frustration in meiner Stimme deutlich. „Was, wenn er nicht der ist, für den er sich ausgibt? Was, wenn Alexa..." Ich breche ab, unfähig, den Satz zu beenden.
„Was, wenn Alexa uns nicht braucht?" Jays Stimme ist leise, aber es steckt ein seltsamer Ton von Bitterkeit darin. „Du klammerst dich an sie, Lucy. Und ich verstehe das. Aber sie ist nicht mehr die Alexa, die wir kannten. Und du kannst sie nicht zwingen, zurückzukommen."
„Es geht nicht darum, sie zurück zu zwingen," schieße ich zurück, meine Stimme lauter, als ich wollte. „Es geht darum, sicherzustellen, dass sie nicht... dass sie nicht allein ist. Wieso will sie allein sein?"
Jay schnaubt leise und reibt sich mit einer Hand über das Gesicht. „Vielleicht ist das das Einzige, was ihr noch bleibt."
Seine Worte treffen mich, aber nicht so, wie er es vielleicht beabsichtigt hat. Ein Teil von mir weiß, dass er recht hat. Alexa hat sich immer abgeschottet, selbst in ihren besten Momenten. Aber das bedeutet nicht, dass ich sie einfach aufgeben kann. Nicht, wenn ich weiß, wie sehr sie leidet, selbst wenn sie es nicht zugibt.
„Ich kann das nicht zulassen," sage ich schließlich, meine Stimme entschlossen. „Ich werde nicht zusehen, wie sie sich selbst zerstört."
Jay sieht mich an, seine Augen voller Müdigkeit und etwas anderem, das ich nicht deuten kann. „Tu, was du tun musst, Lucy. Aber ich bin raus, ich werde nicht noch mehr für sie aufgeben."
Er steht auf und verschwindet wieder im Schlafzimmer, die Tür hinter sich schließend. Zurück bleibt ich allein mit meinen Gedanken, die sich immer wieder im Kreis drehen. Vielleicht hat er recht. Vielleicht bin ich zu fixiert auf Alexa. Aber wenn ich sie nicht beschütze – wer dann? Immerhin hat sie mich auch immer mit ihrem Leben beschützt und es sogar fast für mich geopfert.
Der Laptop bleibt unbeachtet neben mir liegen, während ich die Hände in mein Gesicht presse und tief durchatme. Egal, was Jay sagt, ich werde nicht aufhören, nach Antworten zu suchen. Nicht, solange ich glaube, dass Alexa uns noch braucht – auch wenn sie es selbst nicht sehen kann.
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What happend to us
Teen FictionWir waren vier Freunde. Jetzt sind wir das was von uns übrig ist.
