Lucy // 438

4 1 0
                                        

438 Tage danach
Lucy

Die Regenwolken hängen schwer über der Stadt, und der Wind wirbelt lose Blätter über den Gehweg, als ich mit schnellen Schritten durch die Straßen eile. Mein Regenschirm ist irgendwo in der Wohnung, in einer Ecke, die ich vergessen habe, und ich habe nicht die Geduld, um zurückzugehen. Der Regen durchnässt meine Haare, die an meinem Gesicht kleben, aber ich ignoriere es. Mein Atem geht flach, mein Brustkorb hebt sich schneller, als er sollte, und ich zwinge mich, ruhiger zu werden. 

„Noch ein Block," murmele ich vor mich hin, mein Blick auf das Krankenhaus gerichtet, das wie ein kaltes Monument vor mir aufragt. 

Jeden Schritt, den ich näher komme, spüre ich die Schwere in meiner Brust mehr. Es ist die Art von Last, die ich seit Monaten mit mir herumtrage – eine Mischung aus Schuldgefühlen, Sorgen und der immer wieder aufkeimenden Frage, ob irgendetwas von dem, was wir tun, tatsächlich einen Unterschied macht. 

Im Foyer des Krankenhauses begrüßt mich der allzu vertraute Geruch von Desinfektionsmittel und steriler Luft. Die Empfangsdame nickt mir flüchtig zu, sie erkennt mich inzwischen, fragt nicht nach meinem Namen. Ich bin ein Teil dieses Ortes geworden, genauso wie Jasper, der immer noch in seinem Bett liegt, unbeweglich und stumm. 

Ich erreiche das Zimmer und öffne die Tür leise. Die Geräte piepen im gleichen Rhythmus wie immer, ein beruhigender, aber auch qualvoller Klang. Ich lasse die Tür hinter mir ins Schloss fallen und lehne mich für einen Moment dagegen. Mein Blick fällt auf Jasper – er sieht genauso aus wie gestern. Und vorgestern. Und vor einem Monat. 

„Hey," sage ich leise, als würde er mich hören. Ich trete näher an das Bett, ziehe mir den Stuhl heran und lasse mich schwer darauf sinken. Meine Hände ruhen auf meinen Knien, und für einen Moment weiß ich nicht, was ich sagen soll. 

„Ich war vorhin mit Jay unterwegs," beginne ich schließlich, meine Stimme bricht die Stille. „Er... na ja, er ist immer noch wütend. Aber das weißt du bestimmt." 

Mein Lachen klingt falsch, und ich halte inne, schließe für einen Moment die Augen. „Weißt du, manchmal frage ich mich, wie du das gemacht hättest, wenn die Rollen vertauscht wären. Wenn du hier sitzen würdest, bei mir, während ich..." Meine Stimme versagt, und ich schüttle den Kopf. „Es tut weh, Jasper. Jeden Tag tut es weh, und ich weiß nicht, wie ich weitermachen soll." 

Ich starre auf seine Hand, die reglos auf der weißen Bettdecke liegt. Langsam greife ich danach, halte sie in meinen Händen, spüre die Wärme, die mich daran erinnert, dass er noch da ist, auch wenn es sich nicht so anfühlt. 

„Lucy?" Jays Stimme kommt von der Tür, und ich drehe mich überrascht um. Er lehnt an der Tür, seine Arme verschränkt, und sein Gesichtsausdruck ist schwer zu deuten. 

„Was machst du hier?" frage ich, und meine Stimme klingt schärfer, als ich beabsichtigt habe. 

Er zuckt mit den Schultern, kommt ins Zimmer und bleibt schließlich am Fußende des Bettes stehen. „Ich wusste, dass du hier sein würdest." 

Ich öffne den Mund, um etwas zu sagen, aber er hebt eine Hand. „Lass mich ausreden, okay? Ich weiß, dass ich manchmal unfair bin. Und ich weiß, dass ich dir vorgeworfen habe, zu viel für Alexa zu tun. Aber... das war nicht fair. Du tust, was du kannst, um alles zusammenzuhalten. Für sie, für mich, für... ihn." Sein Blick fällt auf Jasper, und für einen Moment sieht er so aus, als hätte er alles verloren. 

„Jay," beginne ich, aber er schüttelt den Kopf. „Nein, lass mich das sagen. Ich wollte nur, dass du weißt, dass ich das sehe. Und dass ich nicht wütend bin. Nicht wirklich. Zumindest nicht auf dich." 

Seine Worte treffen mich tief, und ich spüre, wie meine Kehle sich zuschnürt. Ich nicke langsam, unfähig, etwas zu sagen, und er setzt sich auf den anderen Stuhl, der an der Wand steht. 

Wir sitzen still da, die einzigen Geräusche sind das Piepen der Maschinen und unser Atmen. Es ist eine Art von Frieden, die wir seit über einem Jahr nicht mehr hatten, und für einen Moment fühle ich mich fast... okay.

Wir verlassen das Krankenhaus, und der Regen hat nachgelassen. Die Luft ist frisch und kühl, und ich ziehe meine Jacke enger um mich. Neben mir bleibt Jay still, seine Hände in den Taschen seiner Jeans vergraben. Die Straße ist ruhig, das Licht der Straßenlaternen reflektiert sich in den Pfützen, und unsere Schritte hallen leise wider.

„Es tut gut, bei ihm zu sein," sage ich schließlich und breche die Stille. „Auch wenn er nicht antworten kann. Es fühlt sich... richtig an."

Jay nickt langsam, sein Blick auf den Boden gerichtet. „Ja," murmelt er. „Es bringt zumindest etwas Normalität. Oder so etwas Ähnliches."

Wir gehen eine Weile schweigend weiter, jeder in seinen eigenen Gedanken gefangen. Ich denke an Jasper, an die Vergangenheit, an die Ungewissheit der Zukunft. Doch meine Gedanken werden unterbrochen, als ich in der Ferne Stimmen höre. Es ist nur ein leises Murmeln, kaum mehr als ein Flüstern im Wind, aber es reicht, um mich aufmerksam zu machen.

„Hörst du das?" frage ich leise und bleibe stehen. Jay hebt den Kopf, lauscht, und sein Gesicht verhärtet sich leicht.

Wir folgen dem Geräusch, bis wir um eine Ecke biegen und auf eine vertraute Silhouette stoßen. Alexa steht dort, die Arme verschränkt, ihre Haltung wirkt angespannt, aber kontrolliert. Neben ihr steht dieser Nicholas, der lässig gegen eine Laterne lehnt, sein Gesicht halb im Schatten verborgen. Sie scheinen in eine Diskussion vertieft zu sein, aber als wir näher kommen, heben Beide den Blick.

„Alexa?" frage ich und spüre, wie eine Mischung aus Erleichterung und Unruhe in mir aufsteigt. Ihre Augen verengen sich leicht, und für einen Moment denke ich, dass sie einfach weglaufen wird. Doch stattdessen zieht sie die Schultern zurück und mustert uns mit diesem kühlen, distanzierten Blick, den ich zu gut kenne.

„Was macht ihr hier?" fragt sie, ihre Stimme schneidend und präzise. Es ist kein Vorwurf, nicht wirklich, aber es hat diesen Tonfall, der mich immer das Gefühl gibt, mich verteidigen zu müssen.

„Wir könnten dasselbe fragen," wirft Jay ein und sieht zwischen Alexa und Nicholas hin und her. „Wo wart ihr? Was treibt ihr nachts in der Gegend hier?"

Nicholas hebt eine Augenbraue, ein leichtes Lächeln spielt auf seinen Lippen. „Spaziergang," sagt er schlicht, aber der Tonfall in seiner Stimme lässt vermuten, dass es weit mehr ist als das.

Alexa verdreht die Augen. „Es geht euch nichts an." Ihre Stimme ist kühl, aber ich sehe die Spannung in ihrer Haltung, den Schatten in ihren Augen, den sie nicht ganz verbergen kann.

„Alexa, komm schon," sage ich leise und mache einen Schritt auf sie zu. „Wir machen uns nur Sorgen. Das ist alles."

„Worum genau macht ihr euch Sorgen?" fragt sie, ihre Stimme schneidend. „Ich komme schon klar. Ich brauche eure Hilfe nicht."

„Es geht nicht darum, ob du Hilfe brauchst," mische ich mich ein, meine Stimme fester als ich es erwartet hätte. „Es geht darum, dass du ständig alles machst um dich in Gefahr zu bringen."

Eine unangenehme Stille breitet sich aus, die nur durch das leise Tropfen von Regenwasser unterbrochen wird. Nick räuspert sich schließlich, bricht die Spannung.
„Vielleicht sollten wir das hier verschieben," sagt er leise, sein Blick auf Alexa gerichtet. „Es gibt Wichtigeres zu tun."

Alexa sieht ihn an, und für einen Moment scheint sie mit sich zu ringen. Doch dann nickt sie knapp. „Wir sollten los." Sie wirft mir einen letzten Blick zu, einer Mischung aus Schmerz und Trotz, bevor sie sich umdreht und mit Nicholas in die Dunkelheit verschwindet.

Jay seufzt leise, seine Hände in den Taschen vergraben, während wir schweigend zusehen, wie sie verschwinden. „Sie wird für immer so unausstehlich sein,oder?" fragt er schließlich, seine Stimme kaum mehr als ein Flüstern.

Ich spüre den Kloß in meiner Kehle, aber ich antworte nicht. Ich weiß, dass er recht hat. Und ich weiß, dass nichts, was ich jetzt sagen könnte, das ändern würde.

What happend to usGeschichten, die süchtig machen. Entdecke jetzt