429 Tage danach
Lucy
Die Uhr über dem Eingang des Gerichts tickt unnachgiebig. Mein Fuß wippt nervös auf dem gefliesten Boden, während meine Augen immer wieder zur Tür wandern. Die Zuschauerreihen um uns herum sind voll, ein Gemurmel liegt wie ein Summen in der Luft. Jeder will das Urteil hören. Jeder will wissen, was aus Noah wird – und vielleicht auch, was aus uns geworden ist.
Jay sitzt neben mir, seine Arme verschränkt, der Blick starr nach vorne gerichtet. Er hat seit unserer letzten Auseinandersetzung kaum mit mir gesprochen, und die Stille zwischen uns fühlt sich schwerer an als die Luft im Saal. Sein Kiefer ist angespannt, und ich weiß, dass er immer noch sauer ist. Aber jetzt ist nicht der Moment, darüber nachzudenken. Nicht, wenn Noahs Zukunft auf dem Spiel steht.
„Noch fünf Minuten," murmle ich zu mir selbst, mehr als zur Beruhigung als zur Information. Jay sagt nichts.
Es ist schwer, hier zu sitzen. Schwerer als ich erwartet hatte. Die vergangenen Tage waren eine endlose Wiederholung aus Schuldgefühlen, Erinnerungen und schmerzhaften Gesprächen. Ich kann nicht aufhören, an den Ausdruck in Noahs Augen zu denken, als die Verhandlung endete. Er hat versucht, stark zu wirken, aber ich kenne ihn. Ich habe die Erschöpfung gesehen, die Angst, das leise Aufgeben.
Die Türen am vorderen Ende des Saals öffnen sich, und eine Welle an Bewegung geht durch die Menge, als der Richter und die Anwälte ihre Plätze einnehmen. Noah wird hineingeführt, seine Schultern sind gesenkt, aber sein Gesicht zeigt keine Emotionen. Mein Herz zieht sich zusammen, als ich ihn sehe.
Die Verlesung des Urteils zieht sich in die Länge. Die Worte des Richters verschwimmen, und mein Fokus zerbricht immer wieder. Es ist, als würde mein eigenes Herz in Zeitlupe schlagen, während die Sekunden sich wie Stunden anfühlen. Jay bleibt neben mir völlig still, aber ich spüre die Spannung in seinem Körper.
„Im Namen des Volkes..." Die Worte des Richters reißen mich zurück in die Gegenwart. Ich halte den Atem an.
Das Urteil ist milder als erwartet. Eine Geldstrafe, ein Entzug der Lehrbefugnis für drei Jahre. Kein Gefängnis. Kein weiterer öffentlicher Pranger. Es ist... eine Erleichterung, denke ich. Ein kleines Stück Hoffnung inmitten des Scherbenhaufens, der unser Leben ist.
Noah blickt sich um, sein Blick trifft meinen, und für einen Moment scheint es, als würde er mir danken wollen. Aber dann wendet er sich wieder nach vorne. Der Moment ist vorbei.
Als die Menge sich auflöst, stehe ich langsam auf. Jay bleibt sitzen, seine Augen auf Noah gerichtet, der mit seinem Anwalt spricht. „Das war's dann," sagt er schließlich, leise, aber mit einer Schärfe, die mich zusammenzucken lässt.
Ich nicke nur, unsicher, was ich sagen soll. Der Knoten in meiner Brust löst sich nicht, auch nicht, als wir das Gericht verlassen. Das Urteil ist gefallen, aber die Wunden, die in dieser Nacht entstanden sind, brauchen mehr als ein paar Worte, um zu heilen.
Draußen scheint die Sonne unerbittlich auf das Kopfsteinpflaster vor dem Gerichtsgebäude, als ich meinen ersten Atemzug in der frischen Luft nehme. Doch die Luft fühlt sich schwer an, als würde die Last des letzten Jahres mich immer noch nach unten ziehen. Menschen scharen sich um die Treppen, Reporter mit Mikrofonen und Kameras, neugierige Zuschauer, die auf irgendein Spektakel hoffen.
Jay schlurft hinter mir her, seine Schultern hängen, aber seine Schritte klingen fest auf den Stufen. „Hoffentlich war's das jetzt endlich," murmelt er, die Worte halb an mich gerichtet, halb an sich selbst. Seine Stimme klingt erschöpft, fast resigniert.
Ich sage nichts, während wir die Menge durchbrechen und uns auf die andere Straßenseite retten. Kameras und Mikrofone folgen uns, aber Jay wirft ihnen einen eisigen Blick zu, der sie zumindest kurz auf Distanz hält. Für einen Moment bin ich dankbar dafür.
„Das Urteil war mild," sagt er schließlich, als wir in die Seitenstraße einbiegen. „Vielleicht ein bisschen zu mild, wenn du mich fragst. Aber wenigstens ist er kein Monster, wie alle ihn darstellen wollen."
Ich nicke langsam. „Es ist besser, als ich befürchtet habe." Meine Stimme zittert leicht, aber ich versuche, ruhig zu klingen. Es ist nicht viel, aber es fühlt sich an wie ein kleiner Sieg in einer langen Reihe von Niederlagen.
Jay bleibt stehen, seine Hände in den Taschen seiner Jacke vergraben. „Und was jetzt? Krankenhaus?" Seine Worte sind neutral, ohne Vorwurf, und ich bin erleichtert, dass er nicht mit mir streiten will.
„Ja," antworte ich leise. Meine Gedanken schweifen zu Jasper, und der Kloß in meiner Kehle wird größer. Es fühlt sich an, als würde ich ihn jedes Mal ein Stück mehr verlieren, wenn ich ihn so daliegen sehe, bewegungslos, während die Welt sich weiterdreht.
Jay nickt. „Ich fahr dich hin." Sein Ton ist fast sanft, und es überrascht mich, wie viel Erleichterung ich bei diesen einfachen Worten fühle.
Wir setzen unseren Weg schweigend fort, und obwohl die Stille schwer ist, fühlt sie sich diesmal nicht wie eine Bürde an. Es ist ein Moment des Friedens, so kurz er auch sein mag.
Das Krankenhaus hat diese sterile, unpersönliche Atmosphäre, die mich jedes Mal erdrückt, wenn ich durch die Drehtüren trete. Der Geruch von Desinfektionsmittel, die gedämpften Gespräche, das gelegentliche Piepsen der Monitore – all das erinnert mich an die schmerzhaften Stunden, die wir hier verbracht haben. Jay geht schweigend neben mir, seine Hände in die Taschen gesteckt, seine Augen starr geradeaus gerichtet.
„Jedes Mal fühlt es sich an, als würde die Zeit hier stehen bleiben," murmle ich, mehr zu mir selbst als zu ihm. Er nickt kaum merklich, seine Haltung angespannt. Wir kennen diesen Ort zu gut. Zu viel Schmerz, zu viele unausgesprochene Worte, die hier hängen wie ein Nebel.
Als wir Jaspers Zimmer erreichen, bleibt Jay stehen. Für einen Moment denke ich, dass er nicht hineingehen will, aber dann holt er tief Luft und öffnet die Tür. Das Zimmer ist so vertraut wie immer – der leise Rhythmus des Monitors, das sachte Summen der Geräte, die an Jasper angeschlossen sind. Aber heute fühlt sich etwas anders an. Vielleicht liegt es daran, dass die Schwere der letzten Tage uns beide noch mehr belastet.
Jay zieht einen Stuhl an Jaspers Bett heran, während ich mich auf die andere Seite setze. Ich nehme Jaspers Hand in meine, so vorsichtig, als könnte er zerbrechen, und starre auf sein Gesicht. Seine Wangen sind eingefallen, seine Haut blass, und die Narben, die Travis ihm zugefügt hat, sind noch immer deutlich sichtbar. Es zerreißt mich jedes Mal, ihn so zu sehen – diesen Schatten des Menschen, der einst unser Fels in der Brandung war.
„Weißt du," beginnt Jay plötzlich, seine Stimme leise, fast brüchig. „Manchmal frage ich mich, ob er uns hört. Ob er weiß, dass wir hier sind."
Ich sehe zu ihm hinüber, überrascht von der Verletzlichkeit in seinem Ton. Es ist selten, dass Jay über seine Gefühle spricht, besonders über Jasper. „Ich glaube schon," sage ich schließlich. „Ich hoffe es zumindest."
Er lehnt sich zurück und verschränkt die Arme, sein Blick ruht auf Jasper. „Er hätte das alles nie verdient. Keiner von uns hätte das verdient. Aber er am wenigsten." Seine Stimme ist schwer, voller Schuld und Schmerz.
„Jay," sage ich leise. „Wir konnten nichts tun. Wir waren alle in dieser Situation gefangen. Und egal, wie oft wir uns diese Nacht wieder und wieder in unseren Köpfen abspielen, wir können es nicht ändern."
Er schnaubt leise, aber ohne wirkliche Wut. „Das weiß ich, Lucy. Aber es fühlt sich nicht so an. Es fühlt sich an, als hätte ich ihn im Stich gelassen." Seine Augen sind glasig, und ich spüre, wie der Kloß in meinem eigenen Hals wächst.
Ich greife nach seiner Hand, halte sie fest in meiner eigenen. „Du hast niemanden im Stich gelassen, Jay. Wir haben alle alles getan, was wir konnten."
Eine Weile herrscht Schweigen, nur das leise Piepen des Monitors füllt den Raum. Ich denke an all die Male, die wir hier gesessen haben, an die Gespräche, die wir geführt haben, an die stillen Momente wie diesen.
„Weißt du, manchmal wünschte ich mir, dass er einfach aufwacht und uns anschreit," sagt Jay schließlich, seine Stimme kaum mehr als ein Flüstern. „Dass er uns sagt, wie dumm wir waren, dass wir uns die Schuld geben."
Ich lächle leicht, obwohl die Tränen in meinen Augen brennen. „Ja, das wäre irgendwie typisch für ihn."
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What happend to us
Teen FictionWir waren vier Freunde. Jetzt sind wir das was von uns übrig ist.
