413 Tage danach
Lucy
Als ich meinen Führerschein vor einem halben Jahr gemacht habe, war er eigentlich dafür gedacht, dass Jayson nicht mehr meinen Chauffeur spielen muss. Alexa jedoch hat seitdem die beste Gelegenheit gefunden sich Nachts von mir abholen zu lassen.
Wenn meine beste Freundin mal wieder zu tief ins Glas geschaut hat, was seit geraumer Zeit zu einem Dauerzustand - den sie nicht wahrhaben will - geworden ist, klingelt Nachts das Telefon bei uns Zuhause. Anfangs hatte Jay noch Verständnis für ihre Situation, zumal er verstehen konnte, dass es schwer für sie gewesen sein muss uns zu sehen, aber Jas verloren zu haben.
Jeremy Henderson, Sohn von Hauptkommissar Henderson, der vor einem Jahr meine Aussage aufgenommen hat, hatte zur selben Zeit wie wir seinen Abschluss gemacht und ist dann in die Fußstapfen seines Vaters getreten. Jeremy und sein Vater haben am meisten Verständnis für unsere, beziehungsweise Alexas, Situation und helfen wo sie können, vor allem retten sie sie oft vor Anzeigen.
Mein Handy vibriert auf dem Nachttisch und als würde Jayson wissen wer anruft bevor ich abhebe dreht er sich mit einem genervten Ton von mir weg.
"Hallo," nehme ich ab und schiele zu meinem Wecker auf dem Nachttisch.
03:17
"Polizeikommissaranwärter Henderson Junior, Polizeistation Mainfort Lake" meldet Jeremy sich mit seiner Floskel.
Ich lasse ihn nicht einmal zu Wort kommen, sondern stehe schon auf und schlüpfe in meine Pantoffeln.
"Ich bin auf dem Weg," erkläre ich ihm, schnappe meinen Schlüssel und fahre zur Wache.
Die Stadt ist gespenstisch ruhig und innerlich mache ich mich auf jeden Zustand gefasst, in dem Alexa sich jetzt befinden könnte. Seit der Nacht ist Alexa nicht mehr die selbe, auch wenn sie vorher schon eine Menge getrunken hat, übertrifft ihr jetziger Konsum alles. Für die Uni interessiert sie sich so gut wie gar nicht, stattdessen folgt sie irgendwelchen Spuren von Travis, die er nie hinterlassen hat. Meistens schwänzt sie die Pflichtstunden bei ihrem Therapeuten und ist auch öfter Tage lang weg. Jay hat irgendwann beschlossen ihr mit Ignoranz entgegen zu treten und so hat er sie auch schon ein paar mal einfach über Nacht auf der Wache gelassen. Dass sie bei uns wohnt stört ihn auch ziemlich, aber solange Alexa sich nicht selber auf die Reihe bekommt will ich sie nicht alleine lassen.
Ich parke direkt vor der Tür und spaziere dann an der Beamtin am Eingang vorbei direkt zu Jeremys Schreibtisch. Dieser sitzt über einem Haufen an Papierkram und kritzelt mit seinem Kugelschreiber darauf herum. Ich räuspere mich um seine Aufmerksamkeit zu erlangen.
Er sieht müde aus, aber soweit ich weiß ist das die dritte Schicht die er hintereinander übernommen hat.
"Wie schlimm ist es?"
Begrüße ich ihn.
Ein leichtes Schmunzeln legt sich auf seine Lippen, obwohl diese Situation jedes mal gleich unangenehm ist.
"Sie ist betrunken in die Kirche eingebrochen um die Geburtenregister einzusehen," er seufzt als er aufsteht und wir in die Richtung der Übergangszellen laufen.
"Die Kollegen die sie aufgegriffen haben mussten ihr Handschellen zur Beruhigung anlegen und konnten gerade noch verhindern, dass jemand Anzeige erstattet," wir laufen die paar Stufen in den Keller, bevor er die Tür aufschließt und ich Alexa hinter dem silbernen Gitter wie so oft auf der Plastikliege vorfinde.
Sie trägt einen schwarzen Hoodie und genauso schwarze Shorts und ich kann ihr genau ansehen, dass sie das ein oder anderen Glas zu viel hatte. Ihre Haare hängen wirr aus ihrem Zopf und als sie mich sieht schleicht sich ein spöttischer Ausdruck in ihr Gesicht.
"Mama ist da," witzelt sie als Jeremy die Tür aufschließt und ihr dann auch die Handschellen abnimmt.
Ich ignoriere ihren Tonfall und bedanke mich bei Jeremy, während sie ihm einfach einmal auf die Schulter tätschelt und mir dann nach draußen folgt.
Ohne Worte lässt Alexa sich in den Beifahrersitz sinken und scheint schlafen zu wollen.
In mir kocht irgendwas über.
Sie benimmt sich wie das letzte Arschloch, ständig muss einer von uns seinen Kopf für sie hinhalten und sie sieht es einfach als selbstverständlich an, es ist für sie normal geworden.
Mit aller Kraft trete ich auf die Bremse und halte auf der dunklen leeren Straße an.
Wir schweigen ein paar Sekunden im Auto, dann drehe ich mich völlig verständnislos zu ihr um.
"Was," ich fixiere ihre Augen.
"Wirklich was ist dein scheiß Problem?"
Alexa blickt mir ohne zu zucken zurück in die Augen. Wir wissen Beide, dass es auf alles bezogen ist. Ich will wissen, warum sie nie mit uns zu Abend isst, ich will wissen warum sie sich ständig so betrinkt, ich will einfach wissen was gerade in ihr vorgeht um zu wissen, warum sie noch mehr ein Arschloch ist als vor dem ganzen Mist.
Alexa nimmt mich mal wieder nicht ernst, sie lacht rau auf und sieht mir dann wieder ernst ins Gesicht.
"Ich hab kein Problem, ist doch alles supi," ihre Stimme trieft nur so vor Ironie, dass es mich wütend macht.
"Oh warte, eins habe ich doch," sie tippt sich an die Stirn als wäre es ihr gerade wieder eingefallen.
"Hasi ist alleine Zuhause und friert weil sein Baby nicht anwesend ist," zieht sie mich auf.
Hasi nenne ich Jay meistens während er bei Baby hängen geblieben ist.
Ich weiß, dass Alexa unsere Beziehung nicht ernst nehmen kann aber, dass gibt ihr kein Recht so abschätzig darüber zu reden.
Ohne zu überlegen steigere ich unseren Streit weiter.
"Raus!"
"Und dann?" Spottet sie.
"STEIG AUS," knurre ich.
Zu meiner Verwunderung steigt sie tatsächlich aus und steht dann vor der geöffneten Tür und sieht mich lachend an.
"So, jetzt bin ich draußen. Das ändert trotzdem nichts an der Situation," sie schüttelt den Kopf.
"Bleib ruhig auf deinem Regenbogen sitzen und füttere die Einhörner mit Zuckerwatte, irgendwann reicht es ihm," prophezeit sie.
Alexa läuft die Straße weiter entlang und zwanghaft fahre ich im Schritttempo neben ihr her.
"Du bist meine beste Freundin!"
Meine Stimme bebt.
"Du solltest dich für mich freuen, genauso wie ich mit dir leide," werfe ich ihr vor.
Alexa faltet ihre Hand zur Faust und lockert diese dann wieder, sie wird wütend.
"Ich wiederhole mich nur," sie versucht ihre Stimme ruhig zu halten.
"Ihr beide denkt, dass euer Trauma eure Liebe ist," sie beugt sich ein Stück ins Auto.
"Aber Traumas kann man heilen und dann Lucy wird er dich nur noch als Betthäschen sehen und du wirst dir die Augen bei mir ausheulen," sagt sie.
Ich schlucke einfach was sie mir an den Kopf wirft und ziehe den Wohnungsschlüssel aus meiner Seitentür.
Mit einem Klirren landet er vor ihren Füßen bevor ich sie ein letztes Mal ansehe.
"Lauf nach Hause," erkläre ich und trete dann aufs Gas.
Die Autotür knallt zu und als ich um die nächste Ecke biege, verschwindet Alexa in der Dunkelheit der Nacht.
DU LIEST GERADE
What happend to us
Teen FictionWir waren vier Freunde. Jetzt sind wir das was von uns übrig ist.
