423 Tage danach
Alexa
Ich starre die Lichtfetzen an, die vorbeifahrende Auto's an die Decke von Nicholas Ein-Zimmer-Wohnung projizieren. Ich höre ihn leise schnarchen und kann grob seine Umrisse erkennen, wenn ich meinen Blick zu dem ausgeklappten Schlafsofa gleiten lasse.
Ich kann nicht schlafen.
Schon bevor Travis mein Leben ruiniert hat, war schlafen ein Luxus für mich. Seit der Nacht schlafe ich kaum noch wenn ich nüchtern bin, aber gerade brauche ich einen klaren Kopf um ihn finden zu können. Bei Avery und Jayson liegen im Badezimmerspiegelschrank noch die blöden Schlaftabletten die ich nie genommen habe, weil sie mit Alkohol eine fiese Mischung ergeben und es mir gereicht hat mir ein Mal den Magen auspumpen zu lassen.
Zum hundertsten Mal quietscht die Matratze unter mit als ich meine Position ändere und schließlich laut ausatme.
Als würde Nick erst jetzt bemerken, dass ich seit drei Stunden gezwungener Maßen wach bin, schaltet er seine Handytaschenlampe an und leuchtet mir direkt ins Gesicht.
Ich kann mir vorstellen, dass ich wie ein Trottel aussehe während ich versuche meine Augen teilweise offen zu halten um ihn irgendwie sehen zu können.
"Willst du nicht langsam mal schlafen?"
Er legt sein Telefon auf dem Tisch ab und lässt es die Decke anleuchten. Durch das spärliche helle Licht sehen seine Augen so aus als wären sie tiefschwarz.
Tatsächlich kann ich Nick leiden, jede Faser meines Körper sträubt sich dagegen aber ich habe das Gefühl als könnten wir Freunde werden. Lucy würde mich wahrscheinlich sofort in die geschlossene Anstalt schicken wenn sie das hört, weil das komplett gegen meine Prinzipien geht, aber auf eine verdrehte Art und Weise finde ich es nicht einmal schlimm.
"Ich brauche meine Tabletten, die sind bei Lucy und Jay," erkläre ich ihm während ich aufstehe.
"Ich werde mich wohl oder übel dahin auf den Weg machen müssen," teile ich mit.
Ich schnappe mir meine Schuhe und werfe einen meiner Hoodies über, als auch Nick sich seine Jacke von einem der Stühle in der Küche schnappt und mir zum wiederholten Mal seine Lederjacke in die Hand drückt.
"Du musst mich nicht fahren," erkläre ich mit einem Blick auf die Wanduhr.
Er schüttelt jedoch den Kopf, "es ist dunkel draußen."
Obwohl er weiß, dass ich die letzten Monate in den schlimmsten Gegenden der umliegenden Städte unterwegs gewesen bin versucht er mich zu schützen.
Den Weg zu Jay und Lucys Wohnung hat er sich gemerkt und er runzelt leicht die Stirn als ich unten an der Haustür des Mehrfamilienhauses mit einer Karte aus meinem Portemonnaie einen Schlitz bei den Briefkästen freilege aus dem ich den Schlüssel zu Wohnung ziehe.
Meinen eigenen habe ich wie das Telefon einfach achtlos in die Wohnung geworfen, auch wenn ich letzteres inzwischen sehr bereue.
Die Wohnung ist dunkel und still und genauso bewege ich mich ins Wohnzimmer, ich schalte kein Licht an sondern schleiche mich weiter ins Badezimmer. Mühsam öffne ich den Spielschrank und taste vorsichtig nach der gelben Packung, die Lucy zu meinem Glück nicht weggeworfen hat. Ich habe den Schrank gerade wieder geschlossen und bin schon fast wieder im Wohnzimmer, da erklingt hinter mir ein lautes Würgen gefolgt von ekelhaftem Platschen.
Ich schalte das Licht ein.
Lucy hängt zwischen der Wand und dem Klo mit ihrem Kopf über der Schüssel, einem unglaublich unordentlichen Dutt auf dem Kopf und zwei Flaschen neben sich, die eine voll die andere leer, einfach nur da. Sie übergibt sich noch einmal greift dann unkoordiniert zur Spülung und tut so, als hätte sie mich dann erst gesehen.
"Oh Hey," sie lallt deutlich.
Ich ziehe fragend eine Augenbraue in die Höhe und mustere ihr Erscheinungsbild, sie sieht fertig aus.
"Hast du das getrunken?" Ich deute auf den Schnaps der eigentlich mir gehört.
Sie greift danach und lässt die leere Flasche klirrend umfallen bevor sie einen großen Schluck aus der zweiten nimmt.
"Du warst es scheinbar ja nicht," gibt sie trocken zu.
Seit der Party bei Jas hat Lucy keinen Alkohol mehr angerührt umso verwirrter bin ich, dass sie sich freiwillig so den Kopf wegsäuft.
Erst jetzt bemerke ich, dass Jay scheinbar nicht zuhause ist und kann eins und ein zusammen zählen.
"Warum habt ihr euch gestritten?"
Sie lacht erbost und zeigt dann mit dem Finger auf mich, trifft aber mehr die Wand hinter mir.
"Wegen dir!"
Sie kotzt ein weiteres Mal und spült sofort wieder ab. Ich verdrehe die Augen.
"Du hättest mir einfach meine Tabletten wieder geben können," merke ich an.
Sie schaut zu der Packung in meiner Hand und zieht dann laut stark die Nase hoch.
Ich kann gar nicht so schnell reagieren da hat sie mit ihrer Hand ins Klo gefasst und eine ganze Ladung vom Toilettenwasser trifft mich im Gesicht und am Oberkörper.
Ich erstarre.
"Hast du nicht getan."
"Probier mal vielleicht schmeckt es noch nach Morphium," zickt sie.
"Wobei ich es dir gönnen würde wenn es nach meiner Kotze schmeckt."
Wütend greife ich nach der vollen Flasche und nehme sie ihr weg. Ihr protestierendes Gemurmel übergehe ich dabei einfach.
"Zumindest hab ich es versucht," ruft sie mir hinterher als ich gerade dabei bin durchs Wohnzimmer zu verschwinden.
Ich bleibe stehen, gebe ihr die Chance zu Ende zu sprechen.
"Ich hab versucht zu verstehen warum du es so gut findest dich mit dem ganzen Zeug abzuschießen," es klirrt und dann höre ich wie sie sich bewegt bevor sie sich einfach auf die Couch fallen lässt.
"Bin zu dem Entschluss gekommen, dass du einfach nur feige bist," so als würde sie mir das nur nebenbei an den Kopf werfen schaltet sie den Fernseher ein und ignoriert mich dann.
"Du bist feige, weil du Jas nicht retten konntest, weil du denkst du wärst ach so stark. Aber soll ich dir mal was sagen Alexandra?"
Ich schlucke heftig als sie meinen vollen Namen benutzt, viel zu sehr treffen mich ihre Worte an einem Ort tief in meiner Brust den ich versuche zu töten.
"Du bist mit Abstand die Schwächste von uns."
Wie eingefroren stehe ich noch einige Minuten einfach so im Wohnzimmer, bevor ich es schaffe mich aus der Starre zu lösen und traue mich erst wieder aufzuatmen als ich die Wohnungstür hinter mir zu ziehe.
Auf eine Art und Weise hat Lucy recht, ich bin feige und versuche mit Tabletten und allem anderen die Bilder von mir zu schieben, ich versuche den Tod meines Cousins zu verkraften und die Tatsache, dass Jasper nie wieder er selber sein wird. Und wenn ich darauf hätte antworten müssen, wäre die Wahrheit, dass es nicht klappt. Egal wie viel Morphium oder Alkohol ich in meinen Körper pumpe um die Gefühle in mir zu töten, sie kommen immer wieder zurück.
Trotzdem träume ich nachts von Timo und trotzdem verfolgen er und Bene mich überall hin. Ich sehe die Beiden in jeder freien Sekunde und Jasper sitzt wie eine Stimme der Vernunft auf meiner Schulter die ich geflissentlich ignoriere.
Egal was ich auch versuche, ich werde immer wissen, dass ich sie alle drei auf dem Gewissen habe. Sie alle drei und Mia, die der auslösende Stein der Lawine gewesen ist.
Nick schafft es gerade so nach mir zu greifen als ich auf die Straße trete und alles über mir zusammen bricht. Wie eine Welle die mich mit sich reißt strömen Tränen in Sturzbächen aus meinen Augen während mein Körper unkontrolliert heftig zittert und ich mich versuche an Nicholas festzuklammern. Ich habe keine Ahnung wie lange er mich einfach nur festhält. Er lässt meine Tränen versiegen und fährt dann ohne ein Wort darüber zu verlieren mit mir nach Hause.
Wahrscheinlich ist dieser Zusammenbruch längst überfällig gewesen, aber ich bin froh, dass er vor ihm passiert ist.
Als die Tür hinter uns wieder ins Schloss fällt und wir in der dunklen Wohnung stehen ist es so als wäre es okay. Seit langem fühle ich mich für einen Moment in Ordnung, weil ich mir selber die Wahrheit zugestanden habe.
"Willst du darüber reden?"
Ich schüttle nur den Kopf und lasse mich wieder auf der Luftmatratze nieder. Stumm weine ich vor mich hin, während Lucys Worte mir nachhängen und kann nicht verhindert plötzlich aufzuschluchzen. Ohne, dass ich hätte reagieren können ist Nick plötzlich neben mir und nimmt mich zum zweiten mal an diesem Abend weinend in den Arm. Er streicht beruhigend über meinen Rücken während ich den Kopf auf seiner Brust ablege und dann schließlich irgendwann einschlafe, ohne eine einzige Tablette in meinem Körper. Einzig und allein mit meiner ausgelaugten Seele.
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What happend to us
Teen FictionWir waren vier Freunde. Jetzt sind wir das was von uns übrig ist.
