6. Vollmond

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Es war kurz nach Mitternacht als Katy das Buch zuklappte und seufzte. Sie wollte einfach nicht zur Ruhe kommen, egal was sie tat. Grace und Tristan waren bereits im Bett, sie hatte sie gehört, als sie vor der Tür standen und diskutiert hatten, ob sie nochmal nach ihr sehen würden. Julian war ebenfalls in seinem Zimmer, sie hatte noch vor kurzem die Musik durch die Wand schallen gehört, ehe sie verstummt war. 
Langsam stand sie auf und ging zum Fenster. Es war eine sternenklare Nacht, sodass man den Vollmond, welcher oben am Himmel thronte, gut erkennen konnte. Er ließ die Nacht hell erscheinen, sodass eine gute Sicht möglich war. Katy wusste nicht, was sie dazu bewegte, doch sie wollte frische Luft schnappen gehen. Leise trat sie die Treppe hinunter, darauf bedacht, niemanden zu wecken. Im Eingangsbereich zog sie sich ihre Schuhe an und schnappte sich einen Schlüssel, den sie von Grace bekommen hatte, damit sie das Haus später ohne Probleme wieder betreten konnte. 

Hinter dem Haus von ihrer Tante begann der Wald. Das junge Mädchen entschied sich dazu, den kleinen Pfad zu folgen, der mitten in den Wald führte. Manchmal hörte sie ein leises Rascheln, welches vermutlich von einem Tier verursacht wurde, doch sie verspürte keine Angst. Durch den hellen Mond sah sie ihren Weg klar vor sich. Die kühle Abendluft tat gut, sie fegte ihren Kopf leer und ließ sie aufatmen.
Einige Zeit später, es war für sie unmöglich zu sagen, wie viel genau, kam sie auf einer kleinen Lichtung an, wo ein Teich lag. Das Wasser glitzerte im Mondlicht und die spiegelhafte Oberfläche reflektierte das Bild des Mondes über ihr. Langsam ließ sie sich in das Gras gleiten, was sich sanft unter ihren Fingern anfühlte. Sie fragte sich, wie ihr leben wohl einst gewesen war. Wollte sie es überhaupt wissen? Sie verspürte leichte Angst bei dem Gedanken, denn sie wusste ja nicht, ob das, was sie vergessen hatte, gut war. Es würde ihr allerdings Gewissheit verschaffen.

Da fiel ihr etwas auf. Der Wald schien verstummt zu sein, kein einziges Geräusch drang zu ihr durch, kein Tier schien sich mehr zu regen. Langsam stand sie auf. Ein ungutes Gefühl beschlich sie, ähnlich wie eine Vorahnung, dass gleich etwas passieren würde. Vielleicht wurde sie auch einfach paranoid. Trotzdem, dachte sie sich, wäre es nicht verkehrt, den Heimweg anzutreten. Sie ging wieder zu dem Pfad, als sie ein tiefes Knurren hörte. Sofort blieb sie stocksteif stehen vor Angst. Sie wusste nicht, was hinter ihr war, aber es war ihr sicher nicht freundlich gestimmt. Als sie das Knurren wieder hörte, diesmal lauter, drehte sie sich ganz langsam um. Auf der Lichtung, knapp neben der Stelle, wo sie gerade noch gesessen hatte, stand ein Wolf oder ein zu groß geratener Hund. Sein Fell war grau und schimmerte im Mondlicht und jede Faser seines Körpers schien au Muskeln zu bestehen. Die leuchtenden, goldenen Augen des Tieres fixierten sie. Sie japste vor Angst auf. Es gab kein Entkommen, das wusste sie. Wenn sie rennen würde, würde er sie verfolgen und gewinnen. Langsam trat sie einen Schritt zurück.
"Ganz ruhig", sagte sie mit zittriger, angsterfüllter Stimme, doch das schien den Wolf nur wütender zu machen. Ohne Vorwarnung sprang er los und landete auf ihr. Sie fiel zu Boden und die Tannenzapfen bohrten sich in ihren Rücken, während sie durch das Gewicht des Tieres kaum atmen konnte. Er knurrte nochmal, ehe er seine Zähne tief in ihre Schulter vergrub. Katy schrie, sie schrie wie am Spieß, doch sie wusste, dass es nun vorbei war. Durch die immer tiefer dringenden Zähne japste sie erst, ehe sich ihre Welt mit Schwärze füllte und sie das Bewusstsein verlor. 

Der Wolf ließ von ihr ab und betrachtete den Biss, ehe er sanft darüber schleckte. Die goldenen Augen wurden zu einem sturmgrau. Plötzlich sprang er zurück und jaulte auf vor Schmerz. Zwei weitere Wölfe, kleiner als der erste, betraten die Lichtung, sie waren dem Ruf ihres Anführers gefolgt. Als sie das Mädchen erblickten, hielten sie erschrocken inne und einer von ihnen sah zu dem Vollmond hinauf. 
Dort wo der graue Wolf war, stand nun ein Mann, unbekleidet und riesig. Er beugte sich hinunter zu dem Mädchen und hob sie sanft auf, um sie an seine Brust zu drücken.  Eine Träne verließ seine Augen. Ein anderer stand hinter ihm und legte ihm beruhigend eine Hand auf die Schulter. 
"Sie wird das überleben", sagte er leise zu seinem Freund, anscheinend wohl bewusst, dass dies kein Trost sein würde und die Vorwürfe, die er sich machte, nicht lindern würde. 
"Ich hab sie verletzt. Gerade SIE. Ich hatte mich nicht unter Kontrolle...der Vollmond....und ihr Geruch", in seiner Stimme schwang etwas verzweifeltes mit, während er das zierliche Mädchen betrachtete. Das Blut quoll aus der Bisswunde hervor, die tiefer war, als es nötig gewesen wäre. Stumm lief der Junge los, mit dem Mädchen im Arm, so als ob sie nichts wiegen würde. Die beiden anderen folgten ihm erst, ehe sie als Wölfe vorneweg rannten um Bescheid zu sagen, dass sie kommen würden. 

Der Junge betrachtete das Mädchen, als es in  dem Krankenzimmer lag. Der Arzt hatte die Bisswunde verbunden und sie hierher gebracht, wo sie sich ausruhen konnte. Der Junge blieb die ganze Zeit an ihrer Seite. während der Arzt herausfinden wollte, wer sie war. Da kam ein anderes Mädchen in den Raum gestürzt und wurde leichenblass. 
"Katy...was ist mir ihr passiert?", fragte sie den Jungen scharf, welcher sofort reumütig den Kopf senkte, allerdings im Gedanken immer wieder den Namen wiederholte. Katy. So hieß sie also. 
"Ich hab die Beherrschung verloren...und sie gebissen", gab er leise zu. Alice schrie auf und sah ihn wütend an. 
"Du hast was? Wieso? Könnt ihr euch nicht einmal wie Menschen verhalten?", rief sie und warf die Arme in die Luft. 
"ich hab sie gerochen...und der Vollmond...ich konnte mich nicht beherrschen. Alice...es ist SIE", meinte er verzweifelt. 
"Sie ist meine Cousine und sie hat weiß Gott schon genug durchgemacht, du hirnamputierter, instinktgetriebener Vollidiot!", fauchte Alice, "Wie soll ich das denn bitte meinen Eltern erklären? Sie wissen doch hiervon nichts!"
Hale zuckte ratlos mit den Schultern. Das war nicht seine Angelegenheit, dachte er sich, ehe sein Blick wieder auf das wunderschöne Mädchen glitt. 

Herz Des MondesGeschichten, die süchtig machen. Entdecke jetzt