[❧] Chapter 20

149 9 0
                                    

Alisons POV

Noch bevor Adrien den Wagen auf einen Parkplatz in der Nähe lenkte und meinte, dass wir an unserem Ziel angekommen wären, wusste ich bereits, wo wir uns befanden. Nicht nur, weil dieses Gebäude sowohl für Touristen als auch New Yorker bekannt war, sondern da ich vor einigen Jahren mit meinen Eltern hier gewesen war. Einige Wochen vor ihrem Autounfall, eine Zeit in der meine größte Sorge noch die Planung meines siebzehnten Geburtstags war. Wir waren gerade von einem Besuch bei meiner Tante zurückgekehrt, die ununterbrochen von dem Museum schwärmte, das ihre beste Freundin besucht hatte, als sie hier in New York gewesen war. Sie hatte Mom und Dad vollkommen mit ihrer Schwärmerei angesteckt, sodass die beiden sofort nach unserer Rückkehr dorthin wollten. Mein jüngeres Ich hatte lautstark protestiert, da es deutlich wichtigere Dinge zu erledigen gab. Doch meine Eltern waren nicht eingeknickt, wofür ich ihnen im Nachhinein unglaublich dankbar war. Die Erinnerung an diesen Tag war selbst nach einigen Jahren noch immer so klar und präsent, dass mir schwer ums Herz wurde. Ich hatte Angst, dass ich eines Tages aufwachte und plötzlich nicht mehr wusste, wie sich ihre Stimmen anhörten oder die Erinnerung an ihre Gesichter verblaste. Auch wenn die Zeit manche Wunden heilte und den Schmerz erträglicher machte, sorgte sie auch dafür, dass wir die schönen Momente in unseren Leben allmählich vergessen, wenn wir sie nicht irgendwie festhielten.

»Ist alles in Ordnung?« Fragte Adrien mich, nachdem wir aus dem Wagen ausgestiegen waren und mein Blick sich starr auf das Gebäude vor uns richtete. Die Laternen um uns herum, ließen mich die vertrauten Umrisse erahnen und verstärkten den Drang in meinem Inneren, wieder an die Vergangenheit zurück zu denken. Es war schon etwas ironisch, dass Adrien mich genau zu diesem Museum gebracht hatte.

»Ja klar, ich musste nur daran denken, dass ich das letzte Mal mit meinen Eltern hier war.« Antwortete ich mit gesenkter Stimme und schluckte den Kloß in meinem Hals hinunter.

»Und dieser Tag war nicht so schön?« Schlussfolgerte er zögerlich, als er meinen finsteren Gesichtsausdruck bemerkte, der lediglich verhindern sollte, dass ich in Tränen ausbrach.

»Doch, der Tag war toll. Um ehrlich zu sein sogar einer der schönsten.« Lächelte ich und sah den Tag vor meinem inneren Auge ablaufen. »Es ist nur...ich vermisse sie unglaublich.« Rang ich mich ab zu sagen, denn Adriens tiefer Blick sorgte dafür, dass die Worte nur so aus mir heraussprudelten. Es war das erste Mal, dass ich das laut aussprach. Überraschenderweise fühlte ich mich unfassbar erleichtert, die Worte losgeworden zu sein, die mir schon seit geraumer Zeit wie ein großer Backstein auf der Seele lagen. Ich schätzte es auch sehr, dass Adrien nicht weiter nachfragte, was hinter meinem Gesagten steckte. Vermutlich konnte er es sich bereits denken und trotzdem war er so taktvoll und behielt die Fragen, die sich trotzdem in seinen Augen wiederspiegelten, für sich.

»Das erste Mal war ich mit meiner Cousine hier.« Begann er und als ich wieder zu ihm sah, bemerkte ich, dass auch er an einen Tag aus der Vergangenheit dachte, der ihm ebenfalls viel bedeutete.

»Wir waren beide elf Jahre alt und hatten gerade beschlossen, unseren Müttern, die in ein Gespräch vertieft waren, einen kleinen Schrecken einzujagen. So sind wir losgerannt, direkt auf den Eingang des Museums zu, was nur wenige Meter entfernt war. Natürlich bekamen sie das erst mit, als wir bereits an den Wachmännern vorbeigerannt und ins Innere geschlüpft sind. Sie waren außer sich vor Sorge und haben überall nach uns gesucht, bis sie von einem der Wachmänner, der uns gesehen hatte, gesagt bekamen, wo wir uns befanden.« Sein Blick lag auf dem Eingang des Museums, aber mit den Gedanken war er mit Sicherheit ganz wo anders.

»Als sie uns gefunden haben, kannst du dir sicherlich vorstellen, wie sehr sie uns zur Schnecke machten. Wir haben aber gar nichts von ihrem Gesagten mitbekommen, da wir viel zu beeindruckt und fasziniert von den riesigen Gemälden waren. Irgendwann haben sie es aufgegeben und stattdessen gemeint, dass wir uns die restlichen Bilder auch noch anschauen können, wenn wir einmal hier waren.« Langsam klärte sich sein Blick wieder und fand den meinen. Ich hatte die ganze Zeit neben ihm gestanden und ihn bewundert angeschaut, da er so offen und selbstverständlich eine wichtige Erinnerung aus seinem Leben mit mir teilte. Wieder zeigte er mir seine verletzliche Seite und ich lernte etwas über den Mann, der hinter der Maske steckte. Es bereitete mir großen Spaß, ihm zuzuhören, wie er von seinem Leben sprach. Die Unterhaltung, die wir führten, unterschied sich sowieso von den anderen, die wir bereits geführt hatten. Diese hier war intimer, sie bestand aus Wörtern und Erinnerungen, die unglaubliches Gewicht hatten und deren Bedeutung kaum zu übersehen war.

»Seitdem komme ich mindestens einmal im Jahr hier her, um mir die Gemälde anzuschauen, die mich als Kind so gefesselt haben. Früher immer mit meiner Mutter, seit einigen Jahren alleine, da sie nicht mehr hier lebt.« Adrien beeindruckte und überraschte mich immer mehr mit seinen Worten. Vor einigen Minuten hätte ich nicht gedacht, dass er aus einer Erinnerung eine Art Brauch machte, den er jedes Jahr versuchte einzuhalten. Vielleicht sollte ich mir an seiner Methode ein Beispiel nehmen.

»Das ist wirklich eine tolle Idee diesen Tag in Ehren zu halten.« Meinte ich und schenkte ihm ein ehrliches Lächeln, was er sofort erwiderte.

»Hast du diesen Ort hier zufällig ausgewählt, oder wusstest du, das auch er mir viel bedeutet?« Fragte ich ihn dann neugierig und blickte zu ihm auf. Bevor er antwortete, presste er kurz die Lippen aufeinander, so als ob er nachdenken musste, was er am besten sagen sollte.

»Ich hatte diesen Ort schon von Anfang an im Sinn gehabt, aber trotzdem habe ich Liz gefragt, ob sie weiß, wo du schon immer mal hinwolltest. Sie meinte nur, dass dir dieses Museum hier wichtig ist, du aber nicht geschafft hast, es ein weiteres Mal zu besuchen.« Erklärte er, woraufhin ich nickte und mein Blick wieder zu dem Gebäude glitt. Schon von hier konnte ich die Wörter erkennen, die über dem Eingang prangten. Museum of Modern Art. Ich hatte seit dem Tod meiner Eltern schon öfter daran gedacht, ein weiteres Mal hierherzukommen. Warum ich es dennoch nicht getan hatte, wusste ich nicht. Vermutlich war ich zu feige und konnte mich nicht dazu überwinden, weil ich wusste, dass ich an jeder Stelle mit einer Erinnerung an meine Eltern konfrontiert wurde. Das war in der jetzigen Situation unausweichlich. Dieser Gedanke würde mich sonst in Panik versetzen und doch verspürte ich gerade eher etwas wie Erleichterung. Denn jetzt konnte ich mich nicht mehr davor drücken; nicht mehr davonlaufen, wie ich es sonst gern tat. Und mir wurde klar, dass der Hauptgrund dafür Adrien war. Auch wenn er gerade weder mit mir redete, noch mich irgendwie berührte, war es doch seine Präsenz, seine Nähe, die dafür sorgte, dass die Angst und Panik ausblieb. Und auch wenn er es nicht wusste, sorgte er dafür, dass ich eine Linie überschritt, die mir alleine zu überschreiten nicht gelungen wäre. Bei diesem Gedanken wurde mir wieder bewusst, dass wir noch immer auf dem Parkplatz standen. Allmählich spürte ich auch, wie mir die Kälte wieder die Arme hochkroch und für eine Gänsehaut sorgte. Trotz, dass wir uns im Zentrum New Yorks befanden, war es im Augenblick ruhiger als sonst. Eine Sache, die dafür sorgte, dass ich Adriens einnehmende Präsenz umso deutlicher wahrnahm. Genauso wie seinen intensiven Blick, den er wieder auf mich gerichtet hatte und der sich anfühlte, als würde er in die tiefsten Schichten meines Inneren blicken.

»Ich schätze wir verbinden beide schöne Erinnerungen mit diesem Ort.« Entschied ich mich dann zu sagen und lächelte aufrichtig. Ich konnte mich nicht davon abhalten, zu ihm zu schauen, um seine Reaktion nicht zu verpassen. Sein gefühlvoller Blick ging mir direkt unter die Haut und sorgte dafür, dass es mir die Sprache verschlug. Etwas, was für mich unüblich war.

»Dann wird es Zeit, eine weitere schöne Erinnerung hier zu schaffen.« Erwiderte er und griff nach meiner Hand. Als wir uns daraufhin wieder in Bewegung setzten, breitete sich ein warmes Gefühl in meiner Brust aus und ich konnte nicht länger ignorieren, dass sich etwas zwischen Adrien und mir verändert hatte. Etwas, bei dem ich mir nicht sicher war, ob ich es einfach so ignorieren konnte. Und wollte.

The Perfect MistakeWo Geschichten leben. Entdecke jetzt