IV - Initiation

29 6 6
                                        

Jahr 349 nach dem Götterkrieg, Sommer

Nördlich von Ardport, Titanengrab


Gemächlich trottete der Esel hinter Meister und Schülerin her. Schon seit Stunden trug er ihre Last. Als sie aufgebrochen waren, wollte die Sonne gerade untergehen und nun standen die Monde - Sénbhe und Dhénia - schon hoch am Himmel und tauchten die drei in fahles Licht. Stumme wachten die silber-weißen Schwester über die schlafende Welt hier unten, während sie dort oben im endlosen Meer der Sterne ihre immer gleichen Bahnen zogen. Dhénia, die kleinere, stets ein bisschen schneller, ihrer großen Schwester immer ein Stück voraus. So tanzten sie über den Nachthimmel, wenn ihre Mutter tief unter dem Meer im Westen schlief.

"Wie weit denn noch?", fragte Iora ihren Meister, der die ganze Zeit über nicht ein einziges Wort gesprochen hatte. Es hatte sie zunehmend nervöser gemacht, da er sonst nur sehr selten zum Schweigen neigte. Was hätte sie jetzt für eine Lektion gegeben. Die Stille dagegen nagte an ihr. Sie war es, die Iora mehr Unbehagen bereitete, als Göttern gegenüberzutreten.

"Siehst du die Säule da vorne, die aus dem Titanengrab wächst?" Ohne sich zu ihr umzudrehen, wies er mit dem ausgestreckten Arm weit in die Ferne. Sie konnte in der Dunkelheit kaum ausmachen, worauf er deutete. "Dort müssen wir hin. Dort habe ich vor Jahren die Runen in den Stein gemeißelt. Dort werden die Daeva dich in ihre Jünger aufnehmen." Diese Erklärung tat nichts, um Ioras Gemüt zu beruhigen.

Danach verfiel der Meister wieder seinem Schweigen. Den Rest des Weges bis zur Brücke, die sie auf die steinerne Plattform bringen würde, sprach er kein weiteres Wort und ließ sie mit ihren Gedanken alleine. Oft hatte er ihr gesagt, sie solle die Zeit nutzen, in der er ihr nichts beibrachte, um selbst über die Dinge nachzudenken, doch in dieser Stille war keine Zeit, um über die Natur des Lebens oder die Entwicklung verschiedener Arten zu sinnieren. Keine Zeit, kein Raum, keine Ruhe. Ihre Gedanken waren ein Himmel voll aufgeschreckter Vögel und dunklen Wolken und einem aufziehenden Sturm, der lose Blätter und Staubschwaden vor sich her trieb. Und sie stand dort und versuchte zumindest einen der Vögel zurück in seinen Käfig zu locken. Es gelang ihr nicht.

Sie hatte für Stärke gebetet und für Klarheit. Sie wusste nicht, ob es etwas gebracht hatte. Hatten ihre Ahnen sie überhaupt gehört? Sie wusste ja nicht einmal, wer sie waren. Reiter in der Steppe weit im Süden? Jäger in den Eisenwäldern? Ihre Eltern... Warum waren sie fortgegangen? Es fühlte sich auf jeden Fall nicht so an, als würden sie ihr in dieser Prüfung beistehen. Vielleicht lag es an den Gebeten selbst. Theologie war zwar eines der Gebiete, in denen ihr Meister sie unterrichtet hatte, doch es war nichts weiter als Theorie. Stammbäume. Die Natur der Göttlichkeit. Wie sich Riten über die Jahrhunderte verändert hatten. Aber wie man richtig betete? Nicht die geringste Ahnung. Brachte ihr das Wissen etwas, dass Irdorath Mutter und Vater aller Elfen war? Jäger auf dem Wind? Nicht wirklich. Sie hatte versucht, sie anzusprechen. Bat sie, ihr beizustehen, sollte etwas geschehen, wie sie vermutete, dass man es tat. Antwort hatte sie keine erhalten.

Endlich erreichten sie die steinerne Säule. Eine von vielen Inseln in einem See aus Nichts. Dunkelheit, die sich in den Abgrund erstreckte. Und der einzige Weg, dieses Schwarz, das kein Wasser war, zu überqueren, war eine wenig vertrauenserweckende Brücke. Sie knarzte und schwang unter jedem Schritt, doch am Ende standen sie wieder auf festem Boden. In der Mitte des Plateaus gab der alte Magier ein Zeichen, dass sie hier halten würden. Den Esel band Iora an dem vertrockneten, knorrigen Baum fest, der sich trotz aller Widerstände diesen kargen Ort als seine Heimat auserkoren hatte und sich an den letzten Rest Leben klammerte, der noch in ihm war. Sie sah etwas poetisches darin, wie er hier um sein Überleben kämpfte. Sie wusste nicht, was genau.

Necrosis (Weltentod I) [Deutsch]Geschichten, die süchtig machen. Entdecke jetzt