Jahr 349 nach dem Götterkrieg, Spätsommer
Rúnknǫttr, Titanengrab
Eine ausführliche Einführung in die moderne Medizin von Alenia Boetheia war bei weitem nicht so interessant, wie Iora es sich nach Thorgests Beschreibungen vorgestellt hatte. Doch er hatte es in der Stadt für sie besorgt und war nach langer Suche so stolz gewesen, endlich ein Exemplar gefunden zu haben. Er hatte darauf bestanden, dass es das beste Buch seiner Art sei und solch eine Fülle an praktischer Erfahrung nirgends sonst so gut dokumentiert zu finden war. "Und wenn du meine Schülerin sein willst, musst du auch etwas von Medizin verstehen. Nicht, dass noch jemand Fragen stellt." Zumindest der Titel war akkurat: diese Einführung war ausführlich. Aber sie brachte sich nicht dazu, mehr als nur lustlos darin herumzublättern.
Thorgest und Giræsea hatten darauf bestanden, mit ihr über ihre Vision zu sprechen. Erst war sie ihnen ausgewichen, hatte gesagt, dass ihr nur schwindlig war - das war zumindest keine Lüge gewesen - doch dann hatte Giræsea irgendetwas davon gesagt, dass sie geschrien hatte und vielleicht hatte Iora das etwas irritiert und ihre Zunge war etwas schärfer gewesen, als nötig gewesen wäre und Giræsea hatte darauf bestanden und "Hab ich nicht!" und "Oh doch!" und schließlich hatte Thorgest gesagt, dass sie wirklich geschrien hatte und dass er sich Sorgen gemacht hatte und dann konnte sie nicht mehr aus. Also war sie vage geblieben. Danach hatten die beiden sie dann damit zumindest in Ruhe gelassen, aber sie konnte es Thorgest ansehen, dass er noch immer darüber nachdachte. Um die Schatulle hatte sie seitdem einen großen Bogen gemacht. Zwei– dreimal hatte sie nach unten gesehen, um sich zu vergewissern, dass wirklich kein Blut von ihren Klauen tropfte.
Als sie die Stufen hinab gestiegen waren, zum Grund der Schlucht, zu dem gewaltigen Tor im Fels mit Flügeln aus Eisen und Ehrfurcht, hatte sie wieder angefangen, es zu spüren: Als würde sie beobachtet. Als würde jemand auf sie zeigen, ihr die Kapuze vom Kopf reißen, wenn sie nicht aufpasste. Tausend Augen auf ihr, obwohl sie niemandem begegnet waren, bevor sie die halbe Strecke nach unten zurückgelegt hatten. Sie hatte sich umgedreht und dort war niemand gewesen, kein paar Augen, das sie verfolgte. Als sie dann endlich dort unten im Schatten sonnenverdunkelnder Klippen gestanden waren, umgeben von so vielen anderen Zwergen, Menschen, Orks und Felin, von Karren und Eseln und Ochsen und Pferden, hatte sie sich gewünscht, die Schatten würden sie verschlucken. Augen, so viele Augen, zu viele Augen, sie sahen sie, sie hatte sich an etwas festhalten wollen, sie hatte nichts gefunden, sie hatte sich an die Kleider, die sie am Leib trug, geklammert. Vor ihnen war ein Wagen kontrolliert worden und der Fahrer hatte mit einem Wachmann gestritten. Ein anderer Wachmann hatte zu ihnen herüber gesehen und sie zu sich gewunken. Giræsea hatte ihre Hand zum Gruß gehoben und sie waren zu ihm hinüber gegangen. Thorgest hatte gesagt, "Ich mach das", doch dann hatte ihnen die Wache nochmal etwas in einer Sprache, die Iora nicht verstand, zugerufen und sie waren einfach an ihm vorbei gegangen.
Dann hatte Rúnknǫttrs Dunkelheit sie verschlungen.
Ein steter Strom an Seelen durch die Kiefer aus Eisen und den Rachen aus Fels hinunter, um in Eingeweiden ewiger Nacht verdaut zu werden. Und Iora hatte viele halb verdaute Seelen gesehen auf ihrem Weg. Unerwünscht am Straßenrand - oder was in diesen in den Stein gehauenen Gängen als Straßen galt - ungesehen im Versuch, zu vergessen. Die offene Hand, bittend, so bewusst ungesehen ignoriert. Es waren mehr, tiefer in der Stadt. Und dort begann auch der Koloss seinen Kampf gegen eine ungesprochene Krankheit zu verlieren. Ausgezehrte, hohle Rippen, die Haut darüber papierdünn und blutleer und mag kaum noch verbergen, was darunter schwindet. Und egal was er verschlang, er mochte seinen Verfall nicht zu stoppen. Leere Fenster und leere Stände und halbleere Stände, von denen niemand kaufte und schwaches Licht hinter Fenstern, in denen sich kaum ein Schatten regte. Und leere Straßen und die Frage, wohin all die Leute verschwunden waren.
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Necrosis (Weltentod I) [Deutsch]
FantasíaDie Welt liegt im Sterben. Die Bäume verdorren, der Boden wird unfruchtbar und die Toten weigern sich, tot zu bleiben. Wie eine Krankheit breitet es sich vom Westen her aus. Aus dem Eisenwald heraus und über die zentralen Ebenen und die Flusslande. ...
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