VI - Deserteure

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Jahr 350 nach dem Götterkrieg, Spätherbst

Lager des Kaiserlichen Heeres nahe Andras, Flusslande


Zwei Tage. Zwei Tage ohne Nahrung oder Wasser. Zwei Tage bei Kälte und Schlamm und Nebel. Zwei Tage, aber endlich hatte er Andras erreicht. Anfangs war er gerannt. Er wollte nur weg von Cruidín. Er hatte es schnell bereut. Verbissen war er länger gerannt, als er konnte. Mit jedem Schritt hatte er diese verfluchten Monster hinter sich gespürt. Bald war er erschöpft. Seine Lunge brannte, seine Muskeln schrien. Doch er rang seinem Körper den Weg ab.

Die Nacht war schlimmer als der Tag. Kälter. Nasser. Trotz seiner Erschöpfung schlief er kaum. Jeden Moment rechnete er damit, dass der Tod aus der Nacht nach ihm greifen würden um ihn in die Dunkelheit zu ziehen.

Am zweiten Tag begann er damit zu hadern, ob er seine schwere Armbrust einfach liegen lassen sollte. Ohne ihr Gewicht würde er schneller vorankommen. Nein. Er klammerte sich an sie; sie war sein Leben, sein Seil, das ihn vor dem Ertrinken rettete. Er würde sie nicht aufgeben.

Gegen Mittag begannen seine Sinne in kleinen Wellen zu verschwimmen – Der Nebel in ihm wie der Nebel um ihn. Jeder Gedanke, jede Intention nur blasse Schemen durch milchig weißen Dunst. Er verließ sich einzig darauf, dass ihn seine Beine weiter tragen würden. Einen Fuß vor den anderen. Einfach weiter. Schritt um schleppenden Schritt. Immer weiter. Er würde Andras erreichen, dort würden ihn die Mauern schützen.

Mit der letzten Erinnerung an die Sonne, versteckt hinter zerfransten Tannen, dunklen Schatten vor dem blutroten Himmel, stolperte er am Abend des zweiten Tages endlich in das Lager der Kaiserlichen Schwerter. Schon von weitem hatten ihn die Banner gegrüßt: Das schwarze Schwert auf blau-weißem Grund, der goldene Kranz darum. Heilige, er war so froh, sie endlich zu sehen. Die Verzweiflung, die ihn all diese Zeit angetrieben hatte, drohte seinen Körper zu verlassen und seine Beine unter ihm nachzugeben.

Und dann traf es ihn wie ein Schlag ins Gesicht: Nachschub war bereits auf dem Weg gewesen. Nur leider zu spät. Zu spät für Róise oder Caolán. Zu spät für Cruidín.

Die Armbrust geschultert schleppte er sich stolpernd an den Zelten vorbei. Vorbei an Soldaten, die ruhig da saßen und redeten; ruhig ihren Aufgaben nachgingen; kochten, Löcher flickten; Äxte, Speere, Schwerter schliffen. So ruhig. Viel zu ruhig. Sie wussten noch nicht, dass im Westen die Verteidigungslinie gefallen war, dass der Tod auf sie zu marschierte, rannte. Mit Panzer und Klaue und gezacktem Kiefer.

Er musste einen Offizier finden; jemanden, der ihm zuhören würde. Sie mussten ihm zuhören oder all diese Männer und Frauen würden mit vor Stolz geschwellter Brust in ihr Ende laufen.

Schritt für erschöpften Schritt kämpfte er sich weiter durch das Lager, bis ihn beim dritten Zeltring endlich jemand aufhielt.

"Soldat! Rang und Namen!"

Langsam hob er den Kopf, um zu sehen, wer ihn anschrie; jegliche Disziplin und schnelle Antwort aus seinem Körper geblutet. Vor ihm stand eine Frau in der Montur eines Vizefeldwebels, aber etwas schien nicht zu stimmen. Die Details waren anders.

Er salutierte nicht.

"Áed Cahill. Gefreiter. Sechster Bogen-Trupp. Dritter Zug an der westlichen Grenze." Die Worte fühlten sich kantig an in seinem Rachen. Er hustete.

"Warum hast du deinen Posten verlassen, Cahill?" Von oben sah sie auf ihn herab. In ihrer Stimme lag kein Mitleid für seinen Zustand. Die Armbrust rutschte von seiner Schulter. Der Stahl ihrer Frage schnitt durch ihn wie durch nasses Papier und hinterließ nur matschige Fetzen.

Necrosis (Weltentod I) [Deutsch]Geschichten, die süchtig machen. Entdecke jetzt