Jahr 349 nach dem Götterkrieg, Sommer
Myrar, Titanengrab
Giræsea stand an die steinerne Brüstung gelehnt und sah hinunter auf den Markt von Myrar, auf dem unter dem blassen Licht der Monde nun auch endlich das Nachtleben zum Erliegen kam. Der Wind wehte letzte Stimmen aus verlassenen Gassen zu ihr hinauf und es zwang ihr ein Lächeln auf die Lippen. Der sanfte Kuss des Weines und ihr alter Freund hatten ihr für einen Moment die Last von den Schultern genommen. Zusammen mit Thorgest hatte sie zwei Flaschen Wein geleert und zumindest in diesem kostbaren Augenblick, mit den funkelnden Sternen über ihr, der sanften Brise auf ihrem Gesicht, der Erinnerung von Gelächter in ihrem Hals und einer wohligen Wärme in ihrem Bauch, war die Welt ihr Freund. Und als ihre Augen begannen zu brennen und sich Tränen darin sammelten, kämpfte sie nicht dagegen an. Sie war zu lange allein gewesen. Allein mit ihren Träumen und ihren Gedanken und Fremden, immer selbst die Fremde. Sie erlaubte sich, Wasser darüber zu vergießen.
Als ihnen der Wein ausgegangen war, hatte sie angeboten, auf den Markt zu gehen und noch eine zu organisieren, doch Thorgest hatte abgewunken. Sie wollte keine schlechte Gastgeberin sein. Mehr noch wollte sie aber für einen Abend vergessen, was vor ihr lag.
Die Nacht war zu kurz. Sie hätte gerne noch länger Geschichten erzählt, hätte noch mehr gelacht, sie hätte noch mehr getrunken. Wenn die Sonne wieder am Himmel stand, müsste sie wieder die Wirklichkeit ihrer Situation konfrontieren. Sie sah hinab auf Schatulle, die vor ihr auf der Brüstung lag. Ist sie das alles wirklich wert? Wofür das alles? Dunkles Holz, verziert mit Bändern aus Gold. Und dafür hatte sie alles aufs Spiel gesetzt. Und jetzt zog sie ihren besten Freund und seine neue Schülerin mit hinein. Götter, warum hatte sie es getan? Hätte er sie gefragt, sie hätte Thorgest nicht einmal sagen können, was der Traum wirklich bedeutete. Doch jetzt war es zu spät. Was ihre Mutter wohl darüber denken würde? Und sie wollte die Antwort nicht wissen.
Wie schon so viele Male zuvor hielt sie die Schatulle in ihren Händen und starrte sie an, als könnte sie sie allein damit öffnen. Sie fuhr mit ihren Fingern über das warme Holz und spürte keine Unebenheit, nichts, was auf einen Verschluss hinwies. Es war wie aus einem Stück poliertem Holz. Giræsea drehte sie um und etwas fiel von einer Seite auf die andere. Sie musste sich öffnen lassen. Als die Zweifel über den von ihr eingeschlagenen Pfad zu groß geworden waren, hatte sie es mit Gewalt versucht. Sie hatte sie auf den Boden geworfen, hatte versucht, das Holz unter ihrem Stiefel zu zerschmettern, sie mit einer Klinge zu spalten. Nichts. Kein Kratzer. Kein Riss. Keine Splitter.
Sie sank nach vorne und stützte sich schwer auf die Brüstung. Verzweiflung ist ein Ding, das tief in der Magengrube wächst. Und wie eine Kugel aus Blei zog ihr Gewicht sie nach unten. Sie hätte einfach ins Bett gehen sollen.
Sie stieß sich von der Brüstung ab. Heute Nacht würde sie keine Antworten mehr bekommen. Sie wandte sich ab von dem leeren Markt unter ihr, wo zwischen den verlassenen Ständen schon bald wieder das Leben zu blühen beginnen würde. Mit all den Stimmen und all dem Lärm.
"Du kannst mich in meinem Elend nicht alleine lassen, oder?", fragte sie Thorgest. Er sah sie besorgt an. "Bin ich deshalb hier?" Er wies auf die Schatulle. Was sollte sie es groß verheimlichen, sie wollte es ihm morgen ohnehin sagen. Sie hatte ihren Abend ohne Sorgen mit ihrem alten Freund bekommen, jetzt schuldete sie ihm eine Antwort. "Ja."
Er nickte. "Muss ich dir erklären, was es bedeutet, dass du sie jetzt hältst?" Es war ein ehrliche Frage. Doch sie wusste es. Viel zu deutlich. "Nein." Er nickte wieder. "Gut. Was hast du jetzt damit vor?" Er hielt ihr keine Vorträge. Machte ihr keine Vorwürfe. Es schien ihm nicht zu gefallen - natürlich gefiel es ihm nicht - doch die Situation war, wie sie nun einmal war und jetzt mussten sie damit umgehen. Dafür war sie dankbar.
"Sie öffnen? Ich weiß es nicht", antwortete Giræsea kraftlos. "Das Letzte, worin ich mir sicher war, ist, dass ich sie brauche."
"Dann sollten wir einen Weg finden, sie zu öffnen, nicht wahr?"
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Necrosis (Weltentod I) [Deutsch]
FantasyDie Welt liegt im Sterben. Die Bäume verdorren, der Boden wird unfruchtbar und die Toten weigern sich, tot zu bleiben. Wie eine Krankheit breitet es sich vom Westen her aus. Aus dem Eisenwald heraus und über die zentralen Ebenen und die Flusslande. ...
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