XXIV - Paladin

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Jahr 351 nach dem Götterkrieg, Sommer

Merun, Hauptstadt des Kaiserreichs


Umringt von Kerzen kniete Giræsea auf dem steinernen Boden. Der Geruch von Wachs erfüllte das tanzende Zwielicht zuckender Flämmchen, Schatten umwerbend, die Hand geboten, dann im letzten Augenblick mit einem Kichern und einer Drehung zurückgezogen. Eine Kerze stand vor ihr, größer als die anderen, noch jung. Ihre Kerze.

Sie hatte zugestimmt.

Als Casidhe ihr offenbart hatte, dass er in den verwobenen Fäden antiker Zauber eine Botschaft gefunden hatte–

Sie hatte zugestimmt.

Noch während er ihr erklärt hatte, dass sie mit dem Inhalt dieser Schatulle auch eine neue Aufgabe auf sich nehmen würde, hatte sie gewusst, dass sie zustimmen würde. Sie würde diese Aufgabe annehmen, denn– Und obwohl sich ihr der Magen dabei zusammenzog wusste sie, dass sie nicht anders konnte–

Sie hatte zugestimmt.

Und sie war sich nicht sicher, ob sie es wirklich wollte– War sich sicher, dass sie es nicht wollte. Zu oft und zu lange hatte sie darüber nachgedacht, was sie tun würde, wenn sie einmal die Wahl hätte. Konfrontiert mit der Wirklichkeit zerfaserte jeder Entschluss, den sie für noch so gefestigt gehalten hatte. Und so tauschte sie ihren Dienst gegen ein Versprechen; die Schuld aller Jahre beglichen mit Älyans Sicherheit. Zu Asche und Westwind mit ihren Träumen! Sie würde es verhindern.

Casidhe stand vor ihr, die Schatulle in beiden Händen. Stumm hatte er mitangesehen, wie sie ihre Kerze an einer der unzähligen anderen entzündet hatte. Nachdem er das vierte Mal gefragt hatte, ob sie diese Aufgabe wirklich annehmen wollte, hatte sie ihm gesagt, er solle still sein. Seitdem hatte er nicht mehr gesprochen. Jetzt sah er sie flehend an. Sie seufzte und nickte, um ihn endlich von seiner Stille zu erlösen.

"ayma'Iymer Giræsea, Tochter von Varnith, Tochter von Tarnath, Tochter des endlosen Sandes" - Er hatte sie nach ihrer Mutter gefragt und sie hatte ihm nicht geantwortet - "Ihr seid dem Ruf der Mutter gefolgt, habt Jahre in ihrem Dienst verbracht. Nun richtet sie sich mit einer großen Bitte an Euch: nehmt dieses Geschenk und den Auftrag, für den es steht. Führt. Seid ihre Augen in der Welt. Ihre Hand und ihre Stimme." Er öffnete die Schatulle und legte sie offen vor ihr auf den Boden; in den Kreis aus Kerzen. Der Moment, auf den sie seit zwei Jahren gewartet hatte. Wenn die Wellen der Erwartung an Klippen unbarmherziger Wirklichkeit brachen und schattenumgarnte Ungewissheit, in Holz gebannt, in Magien gewoben nun Schicht für Schicht freigelegt wurde und sich eigensinniger Klarheit ergeben musste.

"Seid ihr Schwert."

Und in einem Bett aus Sternenhimmel lagen Dienst und Versprechen, geronnen, Ding-geworden, Stahl und ein hohles Gefühl in ihrer Magengrube: der Griff eines Schwertes. Gesplittertes Nichts, wo eine Klinge sein sollte. Als Waffe unbrauchbar. Es fühlte sich wie ein grausamer Scherz an; Sie würde das Schwert sein, das in der Schatulle war auf jeden Fall keines mehr. Damit sollte sie der Verwesung entgegentreten? Ein Dolch würde ihr besser dienen.

"Das ist es, worum Euch die Mutter bittet. Werdet ihr dieser letzten Bitte Folge leisten?"

"Das werde ich." Nicht für sie. Für Älyan. Und für Thorgest. "Wenn sie sich an ihren Teil hält." Casidhe hatte zuvor mit ihr besprochen, wie diese Zeremonie ablaufen würde; sie war nur mehr das Siegel auf dem Vertrag. Mit diesem letzten Satz war sie vielleicht von ihrem Text abgewichen.

Casidhe gab ihr ein Zeichen. "Dann nehmt das Schwert als ihr Geschenk und als Zeichen Eures Dienstes."

Es hätte sie nicht so viel Überwindung kosten sollen, danach zu greifen, doch bevor sie sich die Gelegenheit geben konnte, überhaupt zu zögern, war es mit einem Hammerschlag auf glühendem Stahl vorbei; mit einem hellen Klirren und mit fliegenden Funken. Mit einem Schleifstein in ihrem Schädel. Eine Hand, die das Schwert führte und von ihm geführt wurde; Vertrauen in jeder Bewegung. Die erste Schlacht nach dem Verstummen der Götter. Der Geschmack von warmem Blut und rohem Fleisch. Wie es ihm widerstrebte, Leben zu nehmen. Wie es alles tat, um Leben zu schützen. Sein Tod und sein Grab. Kaltes Wasser und kalter Schlick. Trauer um die Hand, die es führte. Eine kleine Hand, die er herauszieht und damit spielt. Wieder vergessen. Unzählige Male, unzählige Gesichter. Die letzte Hand, die es geführt hatte. Klauen aus Eisen, in ihren letzten Momenten verschmiert mit Blut, um den Griff geklammert, und der Schmerz, als die Klinge brach. Und schließlich, weich gebettet, der traumlose Schlaf. Bis schließlich eine neue Hand danach griff. Und ein Name: Iirinye.

Necrosis (Weltentod I) [Deutsch]Geschichten, die süchtig machen. Entdecke jetzt