XIV - Myrar

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Jahr 349 nach dem Götterkrieg, Sommer

Myrar, Titanengrab


Auf dieser Seite des Tores ließ sich nichts von dem Ödland außerhalb der Mauern, nur einen Blick zurück, erahnen. Sie folgten der Hauptstraße fort vom Tor tief ins Herz von Myrar. Die Pflastersteine waren so fein gefügt, dass kein Messer in die Fugen passte. Links und rechts der Straße wuchsen Häuser aus Stein übereinander; die Ziegel so sauber gefügt wie die Pflastersteine. Dächer waren Terrassen waren Höfe. Torbögen eröffneten dem wandernden Auge einen Blick in einen Innenhof. Über ihren Köpfen überspannten Brücken die Schlucht zwischen den Häusern und verbanden die Gassen, die über die Dächer verliefen. Balkone hingen über die Straße; die Brüstung aus Holz, verziert mit Schnitzereien und überhangen mit Blumen. Auf einem Grund aus tiefem Grün blühte es blau, purpur, gelb, rot. Zum Schutz vor der unerbittlichen Sonne waren bunte Planen aus Leinen zwischen den Häusern gespannt und wenn sie in dem leichten Wind wehten, dann spielten Schatten und Punkte aus Licht auf dem staubigen Boden vor ihnen. Entlang der Hauswände bemerkte Iora Rinnen, in denen beständig Wasser plätscherte, bevor es in einem Haus verschwand. Und überall wuchsen Bäume und Sträucher. Tief grüner Lorbeer, Oliven- und Granatapfel- und Orangenbäume mit ihren Früchten noch zu jung für die Ernte, in Innenhöfen und neben der Straße und in Seitengassen. Auf einem Dach sah Iora Töpfe mit Kakteen, tief rote Früchte der Sonne zugewandt. Wo der Götterkrieg außerhalb der Mauern nur Ödnis gelassen hatte, blühte hier das Leben.

Die Straße führte sie tiefer und tiefer in die Stadt hinein und je weiter sie kamen, desto belebter wurde sie und umso bunter die Welt. Bemalte Türen und Fensterläden und Holzgitter; grün und rot und gelb und blau. Weiße Ornamente entlang der Mauern. Blaue Blüten auf Fließen. Und die Leute– Es waren so viele von ihnen. Ein Meer aus buntem Stoff, Stickereien, hunderten Stimmen, Gerede, Gelächter, Streit, laufenden Kindern, eiligen Erledigungen; Lärm, Muster, Formen, Farben; und so viele Gerüche, die sie zuordnen konnte und so viele, bei denen sie es nicht konnte. Zwei Männer saßen an einem Tisch vor einem Haus, tranken aus kleinen Bechern und unterhielten sich. An einem anderen Tisch lachte ein Zwerg und zeigte auf das Brett und die bunten Steine vor ihm. Die zwei anderen fluchten. Eine Mutter gab ihren beiden Kindern etwas und sie rannten davon, ein klares Ziel vor Augen. Sie alle folgten ihrem eigenen Leben; einzelne Fäden verwoben, endlos, zu einem Teppich, zu einer Stadt. Nicht einmal in Ardport hatte Iora so viele Seelen an einem Ort gesehen. Und ihr Wunder wurde überschattet von einem dunklen Gedanken und sie zog ihre Kapuze tiefer in ihr Gesicht.

Zwei Straßen weiter und Iora und Thorgest kamen an einem Stand vorbei, wo auf langen Tabletts getrocknete Feigen, Datteln, Rosinen und Aprikosen ausgelegt waren. Die Händlerin sprach Thorgest an, pries ihre Waren an, doch Thorgest lehnte dankend ab. Sie versuchte es bei Iora und sie verstand die Sprache nicht. Sie sah weg, in der Hoffnung, dass die Frau ihr Gesicht nicht sehen würde.

Thorgest führte sie rechts eine Treppe zwischen zwei Häusern hinauf und eine schmale Gasse entlang. "Wir sollten den Markt meiden. Nicht, dass dich noch jemand erkennt. Aber so können wir uns die kleinen Gässchen von Myrar ansehen. Und wann kommt man schon mal dazu?" Iora nickte. Was sollte sie auch antworten, er hatte ja recht. "Ich glaube, da vorne– Ja." Thorgest wies auf eine Gasse, die fast zu schmal für Nasr. Ein Torbogen führte sie durch ein Haus hindurch und in einen kleinen Innenhof. Zu allen Seiten wuchsen die Mauern hoch in den Himmel und waren gesäumt von bunten Fenstern und Balkonen. Vor einer Tür stand ein Hocker, aber niemand saß darauf. In einem der Häuser sang jemand, doch Iora verstand die Worte nicht. Und in der Mitte, zwischen den Häusern, knapp über dem Boden, hing ein Orangenbaum. Gepflanzt in einen runden Topf aus goldenem Metall und mit schweren Ketten in der Luft gehalten. Wurzeln, die sich in all den Jahren durch das Metall gebohrt hatten und auf dem Stein darunter nach Wasser suchten, die über den Rand und von den Ketten hingen. Arme aus Holz, die mit Fingern aus Blättern nach dem fernen Himmel griffen.

Necrosis (Weltentod I) [Deutsch]Geschichten, die süchtig machen. Entdecke jetzt