XXXII - Konfrontation

18 2 0
                                        

Jahr 351 nach dem Götterkrieg, Sommer

Merún, Hauptstadt des Kaiserreichs


"Du hast WAS getan?" Älyan fiel Giræsea ins Wort, Entsetzen und Wut in ihrer Stimme. Sie war von ihrem Stuhl aufgesprungen und dieser war laut auf dem Boden aufgeschlagen. Älyans Worte rangen lauter in Giræseas Ohren. Thorgest stellte sich zwischen die beiden und redete sanft auf die Elfe ein: "Älyan, bitte. Lass sie ausreden."

Die schnaubte und funkelte Giræsea noch immer an. "Ich hoffe, es kommt noch eine Erklärung!"

Thorgest drehte sich zu Giræsea um und sah sie flehend an. Sie konnte ihm nicht in die Augen sehen. Keiner von beiden war glücklich. Natürlich nicht. Giræsea hatte ihnen keinen Grund dazu gegeben. Sie wusste, was sie getan hatte. Sie hatte genug Zeit gehabt, darüber nachzudenken, auf ihrem Weg zurück in die Unterstadt. Und obwohl sie mit Schlimmerem gerechnet hatte, stach es, wie sie sie ansahen. Sie war erschöpft und elend, mit Wasser, das noch immer aus ihrer Kleidung tropfte und auf dem Boden eine Pfütze bildete. Und ihr war kalt. Oh, so kalt.

Sie hatte ihnen erzählt, wen sie so tief unter der Stadt gefunden hatte. Den Weg dorthin hatte sie ausgelassen. Ihr war nicht danach, von irgendwelchen Wundern zu erzählen; vielleicht später. Sie wollte es einfach hinter sich bringen.

Sie hatte ihnen erzählt, was sie in der Schatulle gefunden hatte. Und was sie damit getan hatte. Auf dem Weg durch die regendunklen Gassen von Merún hatte sie oft mit dem Gedanken gespielt, einfach zu lügen. Älyan und Thorgest hätten nie erfahren, was sie tatsächlich gefunden hatte. Doch damit fühlte sie sich noch schlechter, das war der Weg eines Feiglings. Besser die Wahrheit. Die beiden waren ihr durch so viel gefolgt, um an diesen Punkt zu kommen; sie schuldete ihnen zumindest das.

Giræsea hob ihren Blick, sah in Älyans Augen, gold geschlitzt auf schwarz, Antwort suchend, ihr Herz verraten, dann zu Thorgest, ihr Hye'dahna, ihr fremder Vater, seine Augen dunkelbraun, eingerahmt von den Falten eines langen Lebens und mit Sorge erfüllt. Sie konnte es nicht ertragen. Ihr Blick fiel wieder, erst auf ihre dumpf pochende Hand, von ihrer anderen umklammert, dann auf den Boden, wo die Pfütze entlang der Maserung des Holzes zu fließen begann.

"Das Schwert liegt irgendwo in der Stadt. Im Dreck. Wo es hoffentlich verrostet." Und in diesem Moment dachte sie es wirklich. Sie hörte auf dieses Feuer, das ihr sagte, dass es das Richtige war. Das alles war nicht ihr Kampf– Sie hatte sich hineinziehen lassen, aber jetzt war es vorbei. Sollen sich die glücklich schätzen, denen nie die Aufmerksamkeit einer Göttin zuteilwird.

Älyan wandte ihr den Rücken zu, sie schrie und trat gegen den Stuhl. "Ich hatte gehofft, ich habe mich verhört. Aber beim zweiten Mal klingt es noch schlimmer!"

Es traf Giræsea wie eine Ohrfeige. Sie sah nicht auf. "Älyan... Es ist besser so. Ich–", versuchte Giræsea eine Erklärung, vielleicht könnte sie Älyan verstehen machen, doch die Elfe kam ihr dazwischen: "Besser so? Das soll besser sein? Zwei Jahre– Gira, zwei Jahre lang kämpfst du darum, diese beschissene Schachtel auf zu bekommen. Zwei Jahre lang reisen wir über den halben Kontinent. Die ganze Zeit angetrieben von deinen Visionen und deiner Überzeugung und jetzt– Ja... Was jetzt?"

Die Frage hatte sie sich nicht gestellt. Für diese Frage war kein Platz gewesen. Doch es fühlte sich an, als hätte sie das erste Mal in all dieser Zeit eine Wahl. Vielleicht könnten sie endlich nach Osten. Noch ein paar Monate ein gutes Leben genießen, bevor alles vorbei war? Das hatte sie sich doch gewünscht. Sie war zwei Jahre lang einem Wahngebilde nachgelaufen; ein Witz und Iirinye war die Pointe. Sollte doch jemand anderes weiter machen.

"Ich weiß es nicht–" Und warum sollte sie diejenige sein, die entschied, was jetzt? Sie hatte es zwei Jahre lang getan und wo hatte sie das hin geführt? Sie schaffte es endlich, Älyan in die Augen zu sehen. "Sag du es mir."

Necrosis (Weltentod I) [Deutsch]Geschichten, die süchtig machen. Entdecke jetzt