XXXI - Ein zweites Leben

15 2 0
                                        

Jahr 350 nach dem Götterkrieg, Winter

Fort Carraig an Iarainn, Kaiserreich


So eine verfluchte Scheiße!

Sara marschierte durch die verwinkelten Gassen und zahlreichen Innenhöfe des Forts, die Hände zu Fäusten geballt. Dieser ganze beschissene Angriff machte alles nur komplizierter. Sie musste nach Merún– musste Ailill finden. Er musste erfahren, was hier im Süden geschah. Und vielleicht würde er wissen, was zu tun war. Oder er wüsste jemanden, der oder die es wüsste. Fast hätte sie gelacht bei dem Gedanken. Was zu tun ist– Was könnte schon zu tun sein? Außer den Bollwerkstädten mit Mauern, die bis in den Himmel reichten und Vorräten für ein ganzes Jahr, würde doch nichts standhalten. Merún. Hára. Esaene. Sie hatten eine Chance. Alles, was keine Mauern besaß, war schon verloren. Scheiße, nein, so durfte sie nicht denken. Wenn sie so dachte, konnte sie gleich aufgeben.

Sie fand Odhrán - wie erwartet - bei seinem Karren und mit bester Mühe, ihre Anspannung zu verbergen, fragte sie: "Kommst du kurz mit?" Er zog eine Augenbraue hoch, nickte dann aber den anderen zu und folgte ihr. Sie wollte diese Sache nicht vor Zofia und Peadar besprechen. Oder Caelan oder Íobhar oder Muirinn. "Odhrán– Wir haben ein gewaltiges Problem!", begann sie, als sie meinte, außer Hörweite zu sein. "Ein so gewaltiges Problem." Sie konnte nicht stillstehen. Unentwegt ging sie in dem kleinen Torbogen vor ihm auf und ab.

Wieder die Augenbraue. "Hast du in letzter Zeit mal vor die Tore geschaut? Mädchen, das ist untertrieben."

Verdammt, er sollte ihr zuhören. "Nicht die vor den Mauern; um die mach ich mir keine Sorgen. Irgendwie kommen sie hier rein!"

Er riss die Augen weit auf. "Indéra– Nein..." Sara sah ein Zucken in seinen Schultern, doch dann atmete er tief durch. "Wo?"

"Wenn ich das wüsste– Áed und ich haben vor der Hütte des Apothekarius einen verbrannt. Aber es könnte schon mehr herein geschafft haben. Keine Ahnung, wo sich die verstecken."

"Warte! Verbrannt?", fragte er und schien dabei nicht weniger alarmiert als zuvor.

Dass er sich darauf jetzt– Es gab wichtigeres. "Außer Áed hat niemand etwas gesehen."

"Weiß er–"

"Spätestens jetzt... Ja, er weiß davon. Das ist jetzt nicht wichtig. Das Ding hat ihn erwischt; Casidhe kümmert sich gerade um ihn. Und wir sollten hier nicht einfach nur rumstehen."

Odhrán nickte. "Gut. Die Kinder sollten auch nicht hier draußen sein. Und wir nicht unbewaffnet, wenn wir uns wirklich auf die Suche machen. Ich will wirklich nicht, dass mich eines dieser Viecher erwischt."

"Ja, komm. Wir bringen Zofia und Peader zu den Baracken und du kannst den alten Dorn mitnehmen."

"Und was ist mit dir? Du solltest auch nicht so unbewaffnet herumlaufen. Wenn wir wirklich nicht sicher sind, hinter diesen Mauern, dann solltest du auch auf dich aufpassen können."

"Du weißt, dass du dich nicht um mich sorgen musst?" Sie wusste, dass er es nur gut meinte, und dass er sogar recht hatte, doch sie war nicht in der Stimmung.

"Ganz offensichtlich ja doch. Ich hätte gedacht, dass du in all den Jahren etwas mehr gelernt hättest. Ja, du kannst vielleicht auf dich aufpassen solange du Magie weben kannst. Und wenn nicht? Was dann?"

Sara schluckte die acht Flüche herunter, die bitter auf ihrer Zunge lagen. Stattdessen schnaubte sie nur.

#

Gegen ihren Willen fühlte Sara einen gewissen Stolz, als sie sich ihren Weg durch die schmalen Gänge von Carraig an Iarainn bahnten, Botenläufern und solchen mit Bündeln an Bolzen und Pfeilen unter den Armen auswichen und Befehle von den Wänden hallten. Die Verteidigung gleich einem Mühlwerk, Kamprad in Kamprad. Er gab ihr tatsächlich das Gefühl, als könnte das Fort standhalten. Doch so war jeder mit seiner angedachten Aufgabe beschäftigt und niemand schenkte ihnen weiter Beachtung oder hielt sie auf, weder als sie die Baracken, noch als sie die Rüstkammer betraten. In beiden Fällen sah man sie verdutzt an - Ein unbekanntes Gesicht? Waren die nicht bei den Flüchtlingen? - doch die Reste von Saras Uniform und ihr Auftreten schienen zu genügen, um Proteste im Keim zu ersticken. Und als sie "Pistolen?" bellte, wies jemand zackig und mit (nicht länger) gebührendem Respekt auf eine Tür rechts. Sie wusste nicht, was sie getan hätte, wenn er nach ihren Befugnissen gefragt hätte. Ausaláin, du hast deine Leute nicht im Griff.

Necrosis (Weltentod I) [Deutsch]Geschichten, die süchtig machen. Entdecke jetzt