XVIII - Apothekarius

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Jahr 350 nach dem Götterkrieg, Spätherbst

Fort Carraig an Iarainn, Kaiserreich


Hlūde wǣran hȳ lā hlūde ðā hȳ ofer þone hlǣw ridan
wǣran ānmōde ðā hȳ ofer land ridan
scyld ðū ðē nū þū ðysne nīð genesan mōte
ūt lȳtel spere gif hēr inne sīe

Der Lärm, die Unruhe vor seiner Zuflucht war unerträglich. Es waren zu viele. Dreihundert? Vierhundert? Vierhundert neue Stimmen, die niemals schwiegen. Verworren. Durcheinander. Es war unmöglich, sich zu konzentrieren.

stōd under linde under lēohtum scylde
þǣr ðā mihtigan wīf hyra mægen berǣddon
hȳ gyllende gāras sændan
ic him ōðerne eft wille sændan
flēogende flāne forane tōgēanes
ūt lȳtel spere gif hit hēr inne sȳ

Die Unruhe sickerte aus den Wänden, quoll aus den Fugen zwischen den Steinen hervor und lief als dunkle, zähe Masse daran herab. Er konnte sie im Augenwinkel sehen, wie sie auf den Boden tropfte und sich dort zu Pfützen sammelte. Und sie wuchsen und wuchsen.

sæt smið slōh seax
lȳtel īserna wund swīðe
ūt lȳtel spere gif hēr inne sȳ

Fast war sie lebendig, die Masse aus hunderten Stimmen. Ranken wuchsen aus ihr über den Boden, wie Wurzeln schienen sie sich hinein zu graben, um nie wieder von diesem Ort getrennt zu werden. Auf diesen Ranken kroch sie zu ihm und hinterließ eine schmierige Spur.

syx smiðas sǣtan wælspera worhtan
ūt spere næs in spere
gif hēr inne sȳ īsenes dǣl
hægtessan geweorc hit sceal gemyltan

Die Ranken schlangen sich um seinen Knöchel; sie fanden einen Weg unter seine Kleidung und wuchsen an seinem Bein nach oben. Er spürte sie auf seiner Haut. Ein Schauer lief seinen Rücken hinab.

gif ðū wǣre on fell scoten oððe wǣre on flǣsc scoten
oððe wǣre on blōd scoten
oððe wǣre on lið scoten nǣfre ne sȳ ðīn līf ātǣsed
gif hit wǣre ēsa gescot oððe hit wǣre ylfa gescot
oððe hit wǣre hægtessan gescot nū ic wille ðīn helpan

Suchend wand sich eine Ranke um seine Brust, unter seinem Arm entlang, über seine Schulter nach oben. Betastete seinen Hals, legte sich darum. Folgte seinem Kinn. Tippte gegen seine Lippen. Umspielte seine Augen. Er traute sich nicht, zu atmen.

þis ðē tō bōte ēsa gescotes ðis ðē tō bōte ylfa gescotes

ðis ðē tō bōte hægtessan gescotes ic ðīn wille helpanflēo þǣr on fyrgenhǣfdehāl westū helpe ðīn drihtennim þonne þæt seax ādō on wǣtan

Und die Unruhe fand ihren Weg. Sie bohrte sich ein seinen Geist. Tausende kleiner Ästchen zwischen den Windungen seiner Gedanken. Myzelium. Es beraubte ihn seines Verstandes.

Er schloss das Buch vor sich und wandte seinen Blick zur Decke, schloss die Augen und atmete tief.

Allium ursinum, ocimum basilicum, urtica, coriandrum sativum.

Der Raum war erfüllt mit dem Duft der Kräuter, die in Büscheln getrocknet von der niedrigen Decke hingen; andere frisch gesammelt in einem Korb neben der Tür; zerriebene Reste in einem Mörser. Den hatte er schon am Tag zuvor säubern wollen, doch es hatte keine Dringlichkeit dazu bestanden.

Necrosis (Weltentod I) [Deutsch]Geschichten, die süchtig machen. Entdecke jetzt