Jahr 351 nach dem Götterkrieg, Sommer
Merún, Hauptstadt des Kaiserreichs
Giræsea hatte die Nacht auf dem steinernen Boden in diesem fremden Haus verbracht. Sie spürte jeden Knochen in ihrem Körper. Jedes Gelenk wehrte sich gegen auch nur die kleinste Bewegung und ihrer schlechten Schulter ging es an diesem Tag noch schlimmer. Doch Iirinye hatte sich durch ihren Geist gewühlt und es wäre ihr mit all ihrer Kraft nicht mehr möglich gewesen, sich auch nur ein Stück zu bewegen. Sie war zusammengebrochen. Hatte sich auf dem Boden zusammengerollt und die Flut an Emotionen über sich ergehen lassen. Eine jede Erinnerung. Eine jede Freude. Einen jeden Verlust. Zärtlichkeit und Grausamkeit. Das Gesicht ihrer Mutter, ihrer Väter und Geschwister und das Gefühl, nach Hause zu kommen und einen Becher Wasser geboten zu bekommen. Die Reise davor, wenn die Beine schwer wurden vom langen Marsch allein und das Herz vom Heimweh. Frische Wunden und alte Narben. Vorfreude und Enttäuschung. Eine sanfte Berührung. Das erste Mal staunend durch die Straßen von Bay'Asin zu laufen, lachend einer Katze hinterher. Eine Woche allein in der Wüste. Méran, der aus dem Zelt gerannt kam und Vater Athhán, der ihm hinterher rief, er solle sein Gesicht verhüllen, er sei schon ein Mann. Älyans Gesicht, nachdem sie Ardport verlassen hatten. Und ihr Gesicht in Kinbay. Tränen und die, die keine werden wollten. Ein Lachen im Hals erstickt.
Als die Gestalt wieder den Steg überquert hatte, das Becken hinter sich gelassen, die Arkaden wieder leer und die Säulen verlassen, kein Schritt mehr hallte, stand der Aprikosenbaum noch immer wie zuvor, unverändert. Doch die Gewissheit, dass jemand dort gewesen war–
An diesem Morgen fühlte sie sich nur taub. In eine graue Welt geworfen; nur noch eine gerade Linie, charakterlos nach den geschwungenen Linien und scharfen Kanten und den blendend grellen Farben.
Als Nóra sie in der Nacht auf dem Boden gekrümmt zwischen ihren ungeborenen Zeichnungen gefunden hatte, hatte sie sie mit einem Fauchen vertrieben. Als sie ihr an diesem Morgen Frühstück bringen wollte, mit den Worten "Casidhe ist noch nicht wach, aber ich dachte...", hatte Giræsea abgelehnt. Nicht, dass sie nicht hungrig war, ihr war schlicht nicht nach Essen zumute. Sie hatte ihre Zeichnungen eingesammelt, saß nun neben ihnen, zwischen all den erloschenen Kerzen und betete mit knurrendem Magen die vier Fayyéh und drei der vier Dhamyéh. Doch ihre Gedanken schweiften ab. Sie wollte zurück an die Oberfläche, so schnell sie konnte– oder nur weg von hier. Es war zu viel. Sie hatte zugestimmt und es war zu viel. Es war mehr, als sie je gewollt hatte; sie hatte sich sicher gefühlt in dem Gedanken, dass es alles hier enden würde und sie zurück in ein normales Leben könnte. Jetzt trug sie ein Schwert - ein gebrochenes Schwert - dass sich tief in ihre Seele gegraben hatte, hatte die Stadt unter der Stadt gefunden, war ihrer Göttin begegnet und hatte ihr einen Eid geschworen; in nur einem Tag. Es war zu viel.
Doch wohin würde sie fliehen? In einer anderen Lage, einer anderen Stimmung hätte sie versucht, es sich vorzustellen.
Ein Sonnenuntergang über dem Sandmeer, im Westen, wo das Land so flach war, dass man weiter sehen konnte, als der Ruf eines Kaftar hallte. Die kalte Luft. Ein warmes Feuer. Jemand, der eine der alten Geschichten sang. Der Geruch von Zimt und Kardamom.
Ein Sonnenaufgang über der Waréha Qalta, wenn die ersten Strahlen über dem Fels stiegen und sich im Wasser spiegelten, die Doum- und Dattelpalmen, die Tamarisken und Akazien, die Geräusche, als die Herde langsam erwachte und Leben in den Ythem kam. Taguella mit Butter und frische Milch.
Eine Bachwindung in den Flusslanden. Im Schatten einer alten, knorrigen Weide. Vogelgezwitscher. Das leise Plätschern. Bemooste Steine. Sich selbst sah sie nicht dort; nur die Landschaft. Aber es war eine schöne Vorstellung.
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Necrosis (Weltentod I) [Deutsch]
FantasyDie Welt liegt im Sterben. Die Bäume verdorren, der Boden wird unfruchtbar und die Toten weigern sich, tot zu bleiben. Wie eine Krankheit breitet es sich vom Westen her aus. Aus dem Eisenwald heraus und über die zentralen Ebenen und die Flusslande. ...
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