Jahr 351 nach dem Götterkrieg, Sommer
Merun, Hauptstadt des Kaiserreichs
Hinter dieser Tür wartete er also auf sie. Wochen der Suche endeten hier. Giræsea wusste nicht, was sie tun würde, wenn er nicht helfen konnte. Nein. So durfte sie nicht denken. Sie war diesem Mann von Osena bis Merun und bis tief unter die Erde gefolgt, auf einen vagen Hinweis hin, jetzt war nicht mehr der Zeitpunkt, um zu zweifeln. Der Packen über ihre Schulter wog zu schwer dafür.
Sie atmete tief und klopfte dann mit ihren Knöcheln gegen die Tür aus einem Material, das sie nicht kannte. Schatten teilten das Licht, das zwischen Tür und Rahmen fiel, bewegten sich, und dann öffnete sich die Tür. Ihr Herz schlug schneller.
Vor ihr stand ein Mensch, ein Mann. Ein gutes Stück kleiner als sie. Blondes Haar hing Schulter-lang herab und sein Bart war mehr schlecht als recht zusammengebunden. Er bedeutete ihr, einzutreten. "Bitte, bitte. Der Weg hierher ist viel zu weit. Niemand sollte ihn auf sich nehmen müssen, doch es freut mich, dass Ihr zu uns gefunden habt."
Wenn du dich nicht hier verstecken würdest– Er schloss die Tür hinter ihr. "Mein Name ist Casidhe. Kann ich Euch Tee anbieten?"
"Giræsea." Sie hatte nicht einmal die Gelegenheit, auf seine Frage zu antworten, da verschwand er schon durch eine weitere gewaltige Tür in einem angrenzenden Raum. "Willkommen in der neuen zuflucht."
Für die angedachten Bewohner mochte dies wohl kein besonders großes gewesen sein, doch Giræsea fühlte sich, als stünde sie in den großen Hallen in Diræth'Asin. Die Decke so hoch über ihr, dass sie sich Vogelflug unter diesem steinernen Himmel vorstellen konnte. Die Türen wie Torbögen einer Zwergenfestung. Giræsea staunte über die schiere Größe derer, die diese Stadt einst erbaut und bewohnt haben mussten. Sicher gab es Geschichten von Riesen, aber das waren Geschichten. Das hier war echt. Sie versuchte, sich vorzustellen, wer hier gewohnt hatte, wie sie an einem Tisch gesessen hatten, so groß, dass ein Zelt darunter Platz gefunden hätte. Wie sie hier gegessen hatten und gesprochen und gelacht. Gestritten. Wie in den Regalen, die in die steinerne Wand gehauen waren, die gesammelten Stücke eines Lebens aufgereiht standen. Gebrauchsgegenstände. Liebgewonnenes. Erinnerungen.
Nichts blieb davon.
Vergessen kroch aus den Wänden, wo jetzt Pilze in tiefen Ecken wucherten und ihr blaues Licht spendeten, wo eine Öllampe auf einem Tisch in gewohnter Größe stand und wo sich Bücher, Pergamente und Tafeln verschiedener Zeitalter stapelten.
Giræsea folgte ihrem Gastgeber hinüber in das andere Zimmer. "Wo sind wir hier?", wollte sie wissen. Nicht, dass sie eine tatsächliche Antwort erwartete.
Casidhe saß auf dem Boden vor einer Feuerstelle in der Wand. Eine Kanne mit einem Sprung über glühenden Kohlen. Was immer sie erwartet hatte, er war es nicht. Jemand in alten, zerrissenen Roben, der vom Ende der Welt predigte, vielleicht. Ein blinder Geschichtensänger, der ihr dunkle Geheimnisse erklären konnte, vielleicht. Ein Magier mit Flammen in den Augen und dem Wind in seiner Stimme– Es war nicht realistisch, aber sie hätte es eher geglaubt, als den Mann, den sie hier vor sich fand. Er trug eine saubere, schlichte, blaue Robe und strahlte eine unglaubliche Ruhe aus und er schien ganz und gar... gewöhnlich, wenn vielleicht auch etwas merkwürdig. Er gab ihr einen warmen Becher Tee - er hatte wohl nie die Absicht gehabt, auf ihre Antwort zu warten - und sie bedankte sich.
"Nun, die einfache Antwort wäre: Unter Merun, aber ich glaube nicht, dass Ihr deswegen gefragt habt", antwortete er ihr endlich.
"Habe ich nicht." Die Antwort kam forscher, als sie gedacht hatte. Sanfter fügte sie hinzu: "Alles hier ist gewaltig. Ich hätte nicht erwartet–" Sie wies mit ihrem Becher in einem Bogen um sich. "–hier eine ganze Stadt zu finden. Nicht in dieser Größe."
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Necrosis (Weltentod I) [Deutsch]
FantasíaDie Welt liegt im Sterben. Die Bäume verdorren, der Boden wird unfruchtbar und die Toten weigern sich, tot zu bleiben. Wie eine Krankheit breitet es sich vom Westen her aus. Aus dem Eisenwald heraus und über die zentralen Ebenen und die Flusslande. ...
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