XIX - Durchbruch

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Jahr 349 nach dem Götterkrieg, Sommer

Myrar, Titanengrab


Als sie am Morgen erwachte, konnte sie den Traum der versteckten Bibliothek, hinter der unscheinbaren, blauen Tür, tief in den labyrinthischen Gassen von Myrar, noch immer schmecken. Die kühle Luft, geladen wie vor dem Sturm in ihrem Inneren. Die schwere Dunkelheit hinter der saphir Tür, die nun ihren Fantasien eine Projektionsfläche bot; für all die Dinge, die sie dort nicht gesehen hatte, die aber dort sein mussten. Sie wusste es einfach.

Und mit der Erinnerung an die Begegnung mit dem Wachmann zerfiel alles zu Asche zwischen ihren Fingern. Und obwohl sie wach war, wollte sie ihr Bett nicht verlassen. Und obwohl die Nacht oh so kurz gewesen war, war es nicht Müdigkeit, die sie sich an ihr Kissen klammern ließ. Das Gewicht der Decke versprach Sicherheit vor der Welt, die ihr im grellen Licht der Sonne ihren Fehler deutlich aufzeigte.

Sie würden nach ihr suchen. Und sie würden sie finden. Eiserne Ketten schlossen sich und nahmen ihr die Freiheit, die sie gerade erst gefunden hatte, egal wie sehr sie daran zerrte. Sie spürte sie um ihre Handgelenke, der kalte Ring um ihren Hals. Ihre Finger krallten sich tiefer in ihr Kissen. Ihr war übel.

Als Thorgest an ihre Tür klopfte, gab sie einen kleinen, elenden Laut von sich und kämpfte sich entgegen ihres eigenen Widerstrebens aus dem Bett. Sie stand auf dem weichen Teppich, in einem reich dekorierten Zimmer und war nicht in der Stimmung, irgendetwas im goldenen Licht, das durch die hölzernen Gitter am Fenster in verschiedensten Formen hereinfiel, zu bewundern. Ihre Kleidung hing unangenehm an ihr und klebte an manchen Stellen vom Schweiß an ihrer Haut. "Ich komme gleich", rief sie dem Zwerg zu und versuchte dabei bestenfalls noch etwas verschlafen zu klingen und nicht, als wäre sie die ganze Nacht durch die Straßen von Myrar gerannt. Sie strich sich die Haare aus dem Gesicht. Sie wischte sich den Schlaf aus den Augen und ihre Haut fühlte sich ekelhaft und schmierig an. Sie fühlte sich alles in allem elend.

Beim Frühstück schwieg sie die meiste Zeit, während Thorgest und Giræsea ihr Gespräch dort fortzusetzen schienen, wo sie die Nacht zuvor aufgehört hatten. "Nagut, wir gehen also nach Rúnknǫttr und was dann?", fragte Giræsea.

"Wenn wir irgendwo Antworten finden, dann in der großen Bibliothek", antwortete Thorgest. Iora hatte den beiden nur halb zugehört, doch jetzt hatten sie ihre Aufmerksamkeit. Giræsea begann plötzlich zu lachen, was Iora enorm irritierte. Auch Thorgest versteckte ein Grinsen in seiner Tasse und sie fühlte sich, als hätte sie einen Witz verpasst. "Mach das nochmal", sagte Giræsea und lehnte sich zu Iora herüber, was sie nur noch mehr verwirrte. Sie schien Ioras Ohr genau zu beobachten. "Na komm schon. Thorgest, sag nochmal Bibliothek. Vielleicht macht sie es nochmal."

Iora sah zwischen den beiden hin und her und verstand nicht, was gerade vor sich ging. Und es war ihr herzlich unangenehm. Sie bedeckte ihr Ohr mit ihrer Hand; vergeblich, die Spitze ragte immer noch zwischen ihren Fingern hervor. Ihr gefiel nicht, wie die Ork es anstarrte.

"Ach komm, Giræsea, lass sie", sagte Thorgest und stellte seine Tasse auf dem Tisch ab.

Giræsea schnaubte, lehnte sich aber wieder zurück. "Nagut. Aber das sah wirklich niedlich aus. Ich wusste nicht, dass Elfen so etwas können." Iora nahm die Hand nicht von ihrem Ohr.

"Also, ich glaube, dass wir in Rúnknǫttr Antworten finden werden", sagte Thorgest. "Oder habt ihr noch andere Vorschläge?" Er sah besonders Iora an. Sie wusste nicht, wovon er sprach. Sie hatte das Gefühl, sie sollte es wissen, doch sie hatte nicht aufgepasst. Doch sie wollte die große Bibliothek von Rúnknǫttr sehen. Und so sagte sie sich, dass sie danach immer noch ihrer eigenen Wege gehen konnte. Bis dahin wäre es besser, mit Thorgest gemeinsam zu reisen. Sie schüttelte den Kopf und er schien zu verstehen.

Necrosis (Weltentod I) [Deutsch]Geschichten, die süchtig machen. Entdecke jetzt