Noch in der selben Nacht hielt ich es nicht mehr aus. Vorsichtig stellte ich die Maschine neben meinem Bett aus, ehe ich mir die Nadel aus dem Arm zog. Es tat weh, aber dieser körperliche Schmerz war nichts gegen diese innere Zerrissenheit, die ich im Moment fühlte. Ich löste den Klipp von meinem Zeigefinger und setzte mich vorsichtig auf. Erst war mir etwas schwummrig, doch als der Schwindel verschwunden war, konnte ich aufstehen. Ein Schmerz in meinem Kopf erinnerte mich daran, dass ich langsam machen sollte, doch irgendwie hielt mein heftig schlagendes Herz mich davon ab und drängte mich immer schneller zu machen, sodass ich mir bald eilig die Jacke überzog, die neben der Tür hing. Erst überlegte ich mir einfach aus dem Zimmer zu spazieren, als wäre es das normalste der Welt, doch dann entschied ich mich für einen Ausstieg aus dem Fenster.
Dabei hatte ich natürlich nicht bedacht, dass das Zimmer im zweiten Stock war. Meine Landung war mehr als unsanft. Noch dazu kam, dass ich meinen linken Arm nicht bewegen, geschweige den spüren konnte. Es war seltsam und total nervig.
Während ich durch das Gras in Richtung der Straße stolperte, fragte ich mich, was ich jetzt tun sollte. Alles in mir schrie nach Rache, aber ein anderer, ein kleinerer, Teil wollte einfach nur Ruhe. Dieser kleine Teil wollte die angebotene Hilfe annehmen und dafür sorgen, dass alles wieder okay war, doch der andere Teil war größer und viel wütender. Ich konnte und wollte ihn nicht unterdrücken.
Als ich auf die Straße trat, wurde ich fast überfahren. Der Fahrer des Autos hupte wie wild und ich erschrak so heftig, dass ich sofort auf die andere Seite der Straße rannte und mich dort erst mal hinsetzen musste. Ich fühlte mich verlassen, verloren und schrecklich schwach. Das schlimmste war allerdings, dass ich nicht genau wusste, was ich nun tun sollte. Ich wollte natürlich, dass der Mörder meine Mutter dafür bezahlt, was getan hat, doch ich wusste plötzlich nicht mehr wie und wo ich anfangen sollte. Vorsichtig stützte ich mich auf meinen rechten Arm und drückte mich nach oben. Nachdem ich aufgestanden war, sah ich mich um und stellte fest, dass ich nicht wirklich wusste wo ich war. Doktor Gold hatte etwas von Ulm erwähnt, aber wie sollte ich nun von Ulm in das Gefängnis, in dem der Mörder meiner Mutter saß, kommen?
Vor dem Klinikum war eine Bushaltestelle, doch als ich den Fahrplan durchging sagten wir all die Orte nicht wirklich viel. Ich setzte mich und beschloss einfach auf den nächsten Bus zu warten, der allerdings erst morgen früh um sechs kommen würde.
Müde lehnte ich meinen Kopf gegen das kalte Glas der Haltestelle. Ich versuchte zu schlafen, zur Ruhe zu kommen, aber mein Gehirn ließ es nicht zu. Es fiel mir schwer aufzuhören nachzudenken. Ich musste meinen linken Arm festhalten, damit er nicht taub irgendwo herumhing. Es war kalt hier draußen und es dauerte nicht lange bis ich zitterte und kaum mehr damit aufhören konnte.
Am liebsten wäre ich wieder in das warme Zimmer unter meine Decke gekrochen, doch ich brachte es nicht über mich. Nein, das müsste ich fertig machen.
Ich wusste nicht, wie lange ich schon hier saß, als ein Auto neben mir anhielt und das Beifahrerfenster herunterfuhr.
"Was machst du denn da so spät?", fragte mich eine ältere Frau. Ich sah sie an, brauchte aber kurz um zu verstehen, was genau sie gefragt hatte.
"Warten, auf den Bus.", erklärte ich müde.
"Wo möchtest du denn hinfahren?", fragte mich die Frau.
"Ich weiß nicht so genau.", ich zögerte, "Richtung München."
"Ich kann dich mitnehmen. Komm, steig ein. Du musst doch nicht hier alleine in der Kälte warten."
Unsicher sah ich mich um.
"Sicher?", fragte ich vorsichtshalber nochmal nach.
"Natürlich! Man weiß ja nie, was um diese Zeit für Gestalten hier rumlaufen."
Ich nickte und fragte mich, ob es einen Grund hab, dass ich mich angesprochen fühlte. Trotz allen Zweifeln stieg ich in das Auto ein und schnallte mich an. Die Frau lächelte.
"Ich bin Lydia.", stellte sie sich gut gelaunt vor.
"Sam."
"Sam? Was für ein schöner Name! So modern, ganz im Gegensatz zu meinem." Sie lachte. Gezwungen lächelte ich ebenfalls, dann sah ich aus dem Fenster. Lydia drehte die Heizung etwas auf, sodass es bald wieder angenehm warm war.
"Was macht so ein junger Bursch wie du nachts vor einem Krankenhaus?", fragte sie fröhlich.
"Ich- Wissen Sie. Meine- Mutter ist sehr krank und ich wollte bleiben bis sie eingeschlafen ist.", log ich.
"Das ist ja schrecklich.", sie sah zu mir herüber und ich hatte kurz Sorge, dass sie vergas auf die Straße zuschauen und uns beide umbrachte.
"Ja.", stimmte ich zu, nachdem sie wieder nach vorne schaute.
"Was hat sie denn?"
"Ich- möchte lieber nicht darüber reden.", versuchte ich die Frage zu umgehen.
"Das kann ich gut verstehen. Meine Eltern sind damals schon früh gestorben. Da wollte ich auch nicht reden, aber du hast ja noch deinen Vater, richtig?"
Bei diesen Worten fing ich an zu weinen. Ich wollte noch weniger über meinen Vater reden. Seine letzten Worte hatten mehr wehgetan als ich zugeben wollte. Ich kann nicht noch ein behindertes Kind gebrauchen.
"Oh, nein! Das wollte ich nun wirklich nicht! Habe ich etwas falsches gesagt?"
Ich antwortete nicht, sondern schluchzte nur leise weiter.
"Es tut mir sehr Leid, Sam."
"Es ist nur- er- er hasst mich.", schluchzte ich heiser.
"Ach, nein! Das glaube ich nicht. Wieso denkst du denn sowas?"
"Er- ich- ich hatte- einen Un- Unfall und- und kann mein- meinen Arm nicht mehr spüren. U- und er ha- hat gesagt, dass er- er nicht noch ein- ein be- behindertes Kind braucht."
"Was? Was für ein Unsinn!", rief sie empört. Still nickte ich.
Sie legte ihr Hand auf mein Knie und sah mich kurz mitfühlend an.
"Niemand sollte so etwas über sein eigenes Kind sagen." Wieder nickte ich nur.
"Armer Junge.", fügte sie leise hinzu.
Eine Weile war es still und ich schaffte es mich etwas zu beruhigen. Ich wusste nicht mal so genau, warum ich ihr das erzählt hatte, aber irgendwie fühlte es sich gut an. Zumindest besser als ich dachte.
"Kann ich etwas für dich tun?", fragte Lydia sanft.
"Nein, danke"
"Gehst du denn jetzt nach Hause zu deinem Vater?"
Ich schüttelte den Kopf.
"Wohin dann?"
Ich wusste erst nicht was ich sagen sollte. Einerseits wollte ich nicht lügen, andererseits konnte ich ihr ja auch schlecht die Wahrheit sagen.
"Ins Gefängnis zu meinem Onkel."
Das war zumindest nicht ganz gelogen, versicherte ich mir selbst.
"Da kannst du doch nicht bleiben heute Nacht!"
"Meine Tante holt mich da ab."
Das war absolut gelogen. Ich fühlte mich schlecht und wusste nicht mal so genau warum.
"Okay, welches Gefängnis ist das?"
Sie schien nicht ganz überzeugt, aber das konnte ich ihr auch wirklich nicht übel nehmen. Es klang so unglaublich unwahrscheinlich und so als hätte ich es mir eben ausgedacht, was ich ja auch getan hatte.
Ich nannte ihr dennoch einfach den Namen und die Adresse des Gefängnisses, in das ich wollte und hoffte einfach, dass mir bis dahin einfallen würde, was genau ich machen sollte. Es schien einfach alles so sinnlos und vergebens.
Die Fahrt ging quälend langsam vorbei und als sie vor dem großen, grauem Gebäude hielt, hatte ich fürchterlich Angst.
"Danke.", hauchte ich leise, als ich ausstieg. Bis hier hin, war es leichter gewesen, als gedacht, doch das war auch nur der Anfang, wie ich mir selbst bewusst machen musste. Der Anfang vom Ende, wie ich hoffte. Der Anfang von etwas Neuem. Zumindest hoffte ich das. Ich betrat das Gebäude mit gemischten Gefühlen und einer inneren Zerrissenheit. Ich wollte mich werden wie er, aber ich wollte auch, dass er litt. So sehr litt, wie ich gelitten hatte, es immer noch Tat.
Der Mann, der in dem kleinen Raum neben der Tür saß, sah überrascht von seiner Zeitung auf, als ich in den Raum trat.
"Ha- Hallo.", sagte ich leise. Der Beamte stand auf, öffnete die Tür und trat zu mir heraus. Kurz fragte ich mich, ob er das überhaupt dürfte. Schließlich könnte ich auch ein Verrückter sein, aber ich sah vermutlich nicht sehr Angst einflößend in meiner Jogginghose und der Jacke aus.
"Alles in Ordnung, Junge. Brauchst du Hilfe? Ist was passiert?", fragte er sofort und kam noch einen weiteren Schritt auf mich zu.
"Ka- Kann ich bi- bitte zu meinem Onkel?"
Er zog die Augenbrauen fragend zusammen und musterte mich einen Augenblick.
"Deinem Onkel? Junge, die Besuchszeit hat um acht Uhr geendet. Es ist Nachtruhe."
"Bitte!", flehte ich ihn mit Tränen in den Augen an. Er musterte mich einen Augenblick.
"Wer ist denn dein Onkel?", fragte er dann und ging zurück in seinen Raum um sich hinter den Computer zu setzten. Er tippte kurz darauf rum.
"J- John Ga- Gar- Gardner.", stotterte ich schluchzend. Den Namen hätte ich fast nicht herausgebracht und ich wusste nicht, was ich mir davon erhoffte.
"John Gardner, verstehe. Wenn er noch wach ist, kann ich ja kurz jemanden zu ihm in die Zelle schicken und fragen, ob er dich sehen möchte.", erklärte der Mann vorsichtig, während er weiter auf den Bildschirm sah.
"Setzt dich bis dahin doch einfach mal hin, oder?"
Ich nickte und setzte mich auf einen der Stühle, während ich wartete. Ich hielt meinen linken Arm wieder fest, damit es nicht allzu seltsam aussah.
"Bist du sicher, dass ich nicht lieber deine Eltern oder einen Arzt rufen sollte?", fragte der Mann plötzlich, aber ich schüttelte sofort den Kopf. Ich brauchte weder meinen Vater, noch irgendein Arzt.
Es dauerte eine Weile und ich hatte schon Angst, dass John einfach sagen würde er wolle mich nicht sehen, bis der Beamte wieder aus seinem Zimmerchen trat und mir winkte.
"Ich bring dich hin."
Ich nickte murmelnd. Er führte mich durch die Gänge.
"Gehen wir wieder in diesen- diesen Telefonraum?", fragte ich vorsichtig nach. Der Mann lächelte.
"Nein, die sind abgeschaltet. Es gibt noch einen Besucherraum, da könnt ihr euch ohne Glas zwischendrin unterhalten."
"Ah, gut.", murrte ich, nicht wissend, ob das gut oder schlecht war. Der Beamte brachte mich in den Raum, aber es war noch niemand da. Ich suchte mir einen Tisch aus und setzte mich. Als der Beamte Anstalten machte weg zu gehen, sah ich ihn flehend an und sagte leise: "Bitte bleiben Sie da."
"Ich geh nur darüber.", erklärte er und zeigte auf die gegenüberliegende Wand.
"Bitte, nicht."
"Okay,", sagte er etwas verwirrt. "Dann bleib ich eben hier stehen. In Ordnung?"
"Ja", sagte ich nickend.
Ich atmete tief ein und aus und versuchte mich etwas zu beruhigen, aber es half nicht wirklich. Mein Herz hämmerte laut und das Blut rauschte nervtötend in meinen Ohren. Es dauerte eine Weile bis ich die Tür aufgehen hörte. Ich konnte mich später nicht mehr erinnern, was genau in diesem Moment passierte. Das einzige was ich wusste ist, dass er plötzlich Tod am Boden lag und der Beamte, der mich hierher geführt hatte, packte mich sofort an Arm, hielt mich fest und riss mir irgendwas aus der Hand. Meine Beine gaben unter mir nach, als der andere Mann schrie und aus dem Raum rannte, nur um kurz darauf mit einem Anderen zurück zu kommen. Das Atmen viel mir plötzlich unsagbar schwer, mein Herz raste immer noch, aber das einzige was ich mitbekam waren meine Atmung, die keuchend und unregelmäßig ging und mein Puls, der immer noch laut in meinen Ohren dröhnte.
Menschen schrieen, ich wurde durch den Raum gezogen und fand mich in einer kleinen Zelle wider, doch daraufhin wurde alles ziemlich bald schwarz und ich bekam einfach absolut nichts mehr mit, außer dass mein Kopf an die Wand schlug und mein Oberarm sich seltsam verdreht anfühlte. Ich hätte nicht sagen können was los ist oder in diesen Moment mit mir passierte, aber was ich ganz genau wusste, war, dass ein unglaublich schweres Gewicht von meinen Schultern gehoben wurde. Zumindest schien es anfangs so.
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Tod, Drogen und die Liebe
RomanceSam, ein siebzehn Jahre alter Junge, hatte es nicht leicht in seinem Leben. Sein Mutter verstarb, als er erst sieben war, sein großer Bruder hat Angst vor jedem, der ihm zu nahe kommt, seine kleine Schwester sitzt im Rollstuhl und sein Vater arbeite...
