Als ich meine Augen aufschlug, wusste ich, dass ich komplett verheult aussah, auch ohne einen Blick in den Spiegel zu werfen.
Nachdem Tetsurou weg war, hatte ich mich quasi in meinem Bett vergraben und war nicht mehr daraus aufgestanden. Ich beantwortete keine Nachrichten, hatte ab einem Punkt sogar mein Handy ausgeschaltet, weil es nicht aufhörte, zu vibrieren.
Als ich es jetzt wieder einschaltete, ertönte das laute Bingen meines Handys viele male hintereinander. Eine Nachricht nach der anderen ging ein. Etwas überfordert warf ich einen Blick darauf - und gerade, als ich die Nachrichten öffnen wollte, ging ein Anruf ein.
Vor Schreck ließ ich beinahe das Handy fallen, doch ich fing mich rechtzeitig. Koushi? Kurz zögerte ich, doch ich entschied mich dann dazu, den Anruf anzunehmen. "H-Hallo?", murmelte ich in den Hörer. "(d/vn)! Geht es dir gut?" Er klang aufgeregt... "Also.. ähm.. es geht so. Es tut mir leid, mein Handy war aus." Im Hintergrund hörte ich einen Bahnsprecher reden. "Ich habe mir Sorgen gemacht, weil du seit gestern Abend nicht mehr geantwortet hast. Jetzt ist es schon 12 Uhr Mittags... Also bin ich einfach los gefahren." Vor schreck riss ich meine Augen auf. 12 Uhr?! "D-Du meinst, du bist unterwegs hierher?", fragte ich verunsichert. "Ja. Wir wären erst gegen 14 Uhr verabredet gewesen, aber ich hatte ein ungutes Gefühl. Als wäre dir etwas passiert. Deshalb bin ich los. Wenn es dir zu Früh ist, warte ich einfach in der Stadt, keine Sorge." Ich stand eilig auf und ging zum Kleiderschrank. "Nein, alles gut. Wann bist du denn da? Ich hole dich vom Bahnhof ab." Wieder ein Geräusch im Hintergrund. "Nein, alles gut. Ich hole dich ab, wie geplant. Ich habe ja deine Adresse. Meine Bahn ist bald an der richtigen Haltestelle und dann muss ich noch etwas laufen. Also so in 20 Minuten?", schätzte er und ich warf einen Blick auf die Uhr. "Okay. 20 Minuten also. Sicher, dass du extra her laufen möchtest?", fragte ich besorgt. "Natürlich. Wir reden gleich, okay? Der Zug fährt in einen Tunnel. Bis gleich." Ich verabschiedete mich ebenfalls und legte auf. Ich hatte total verschlafen, da ich gestern auch keinen Wecker mehr gestellt hatte. Vermutlich hatte das Weinen, jegliche Energie aus meinem Körper gezogen.
Ich hatte vermutlich sogar darüber nachgedacht, das Treffen heute abzusagen. Doch es war gut, dass es nun nicht mehr möglich war. Koushi konnte nichts dafür - und ich sollte mich auch nicht mehr isolieren und mich eingraben, weil es mit Tetsurou nicht geklappt hatte.
Der gestrige Abend lag mir noch schwer im Magen und verletzte mich. In meinem Kopf hallten seine Worte wieder. Er mochte mich, aber er war nicht bereit für eine Beziehung. Er wollte befreundet sein, aber er wusste nicht so recht, wie. Letztendlich hatte mir das alles allerdings die Gewissheit gegeben, dass das mit Tetsurou nichts werden würde. Dass diese Gefühle zwar nicht unerwidert waren, doch trotzdem ins Nichts laufen würden. Eine sehr bittere Pille, die ich schlucken musste. Ich hatte keine Wahl. Denn ich hatte ihm die Möglichkeit gegeben, dass wir es klären konnten. Ich hatte ihm meine Gefühle offenbart und versucht, ihm seine Sorgen und Ängste zu nehmen - und auch meine mit ihm zu teilen. Doch er hatte seine Entscheidung getroffen und das galt es zu respektieren. Bei dem Gedanken, am Montag wieder in den normalen Alltag zurück kehren zu müssen, schwirrte mir der Kopf. Es war gut, dass Koushi heute kam. Es war gut, denn ich musste nach vorne blicken. Etwas, was ich die letzten Tage und Wochen kaum geschafft hatte. Doch nun, da ich meine Antwort hatte, würde ich es tun müssen. Nach vorne gucken.
20 Minuten später, klingelte es an der Tür. Ich hatte es geschafft, noch zu duschen und mir ein hübsches Kleid überzuwerfen. Auch ein wenig geschminkt hatte ich mich, damit ich nicht mehr aussah wie ein verheulter Gollum. Das war vermutlich mein neuer Rekord.
Ich zog ein passendes Paar Schuhe an und verließ mit meinem Täschchen das Haus. "Hallo Koushi.", begrüßte ich meinen Kindheitsfreund lächelnd. Er hatte mich hier abholen wollen und gemeinsam wollten wir in die Stadt. "Hallo (d/vn).", sprach er sanft. Auf seinen Wangen lag eine leichte Röte, als er mich betrachtete. "Du.. Du siehst hübsch aus.", gab er leise zu und verlieh somit auch mir eine verlegene Röte. "Danke...", sprach ich leise. Koushi sah verlegen weg und ging zum Gartentor, um es mir aufzuhalten. Er war unheimlich aufmerksam und liebevoll, wie immer.
Gemeinsam überquerten wir die Straße und wollten gerade los, da erkannte ich im Augenwinkel Kenma... und Tetsurou. Sie unterhielten sich gerade an Kenmas Eingangstür und sahen nun zu uns herüber. Auch Koushi schien sie bemerkt zu haben und musterte sie kurz, ehe er zu mir herab sah. "Wollen wir weiter?", fragte er lächelnd, doch ich erkannte eine Spur der Verunsicherung in seinen Augen. "Ja, natürlich.", sprach ich leise und wandte mich eilig von meinen Schulkameraden ab. Ich hätte Kenma gerne gegrüßt, doch ich war absolut noch nicht dazu bereit, Tetsurou zu treffen. Ich schien einen traurigen Ausdruck auf meinem Gesicht zu haben und es enthing Koushi keinesfalls. Doch er würde nicht nachhaken. Nicht jetzt und hier.
Wir verbrachten den Nachmittag gemeinsam in Tokyo. Ich zeigte Koushi ein paar tolle Läden und eines meiner Lieblingscafés. Wir genossen die Zeit und er half mir sehr dabei, mich auf andere Gedanken zu bringen. Gedanken, die sich nicht konstant um Tetsurou kreisten.
Als es dann circa 18 Uhr war, spazierten wir gemeinsam in einem kleinen Park. Direkt zu Anfang, hatte ich ein schönes Bild von der abendlichen Sonne im Park gemacht und es hochgeladen. Während wir beim Spazieren, eine Weile die frische Brise genossen und ein wenig schwiegen, verlor ich mich beinahe wieder in meinen Gedanken. "(d/vn)?" Koushis Stimme riss mich aus meinen jüngsten Gedanken. "Ja?", fragte ich leise und erwiderte seinen Blick mit einem leichten Lächeln. "A-Also du..." Er kratzte sich leicht am Hinterkopf und blieb am Wegesrand stehen. "Dich.. beschäftigt etwas, oder?", fragte er leise. Mein Lächeln wurde ein wenig traurig. "Ja.", gab ich zu. "Aber die Zeit mit dir ist unglaublich schön und lenkt mich sehr gut von diesen Gedanken ab. Ich habe viel Spaß. Es tut mir leid, falls ich gerade abwesend gewirkt habe.", entschuldigte ich mich verlegen, doch Koushi hob beschwichtigend seine Hände. "Nein, bitte entschuldige dich nicht. Es ist nur... Ich habe mir Sorgen gemacht und... ich bin froh, dass ich dich so gut ablenken konnte. Ich möchte nur sicher gehen, dass jetzt alles okay ist? Damit es dir nicht schlecht geht, wenn ich dann nachher weg bin und du wieder alleine bist." Punktlandung. Genau das würde passieren. Sobald ich mit meinen Gedanken wieder alleine war, würden sie mich einholen und mich zurück in das Loch aus Trauer ziehen, in dem ich mich gestern Abend eingegraben hatte.
"Du bist, wie immer, sehr aufmerksam.", stellte ich fest und lächelte Koushi leicht entgegen. "Es ist... wegen dieses Typens, oder?" Erstaunt weitete ich meine Augen. Woher wusste er das? "Mir ist aufgefallen, wie er dich bei dem Trainingsspiel angesehen hat. Er hat quasi nur für dich gespielt.", stellte Koushi lächelnd fest. "Und es hat ihm nicht gepasst, dass wir uns kannten." ergänzte er mit einem leicht amüsierten Ausdruck. Wow. Koushi war... wirklich unfassbar aufmerksam. Das wusste ich zwar schon, aber es wurde mir gerade wieder umso mehr bewusst. Ich nickte leicht, nachdem ich eine Weile geschwiegen habe. "Ja.", gestand ich leise. "Er.. also..", begann ich leise. Ich griff unweigerlich nach meinem rechten Arm und strich leicht darüber. "Er war gestern bei mir und wir haben geredet." Ich bemerkte, wie sich Koushis Blick leicht trübte. "Ist er dein Freund?", fragte er leise. Meine (d/af) Augen weiteten sich leicht. "Nein.", gab ich ehrlich zurück. "Ich mag ihn. Sehr. Aber... um genau zu sein, hat er mich gestern abgewiesen.", erklärte ich leise. Irritiert blinzelte Koushi. "Abgewiesen? Dich? Ist der irre?!", platzte es ihm heraus. Erschrocken sah ich ihn an. "Koushi..?", murmelte ich. Entschuldigend strich er sich über seinen Nacken. "Es ist nur so unfair.", sprach er leise. Traurig sah ich zu ihm hinüber. "Was meinst du?" Koushi stieß einen leisen Seufzer aus und presste seine Lippen aufeinander. "Koushi...", flüsterte ich leise. "Ich mag dich.", platzte es ihm heraus. "Ich habe dich damals schon gemocht. Es hat mich unheimlich traurig gemacht, als du nach Deutschland gezogen bist. Ich habe dich in der gesamten Zeit über nicht vergessen.", seine Stimme bebte leicht und ich betrachtete ihn sprachlos. "Als du wieder da warst, hat es mich so glücklich gemacht. Dich wieder zu sehen... Das war alles, was ich mir gewünscht habe.", gestand er leise. "Doch ich habe auch gesehen, wie du den Kapitän der Nekoma ansiehst. Und wie er dich ansieht. Ich habe... begriffen, dass ich zu spät war." Er zog vor Schmerz seine Augenbrauen zusammen. "Und dann erzählst du mir, er hat dich abgewiesen. Dieser Typ, der alles hat, was ich mir wünsche, tritt es mit Füßen. Tritt dich mit Füßen." Koushi hob seinen Blick und sah mir ernst in die Augen. "(d/vn), ich weiß, dass du meine Gefühle derzeit nicht erwidern kannst. Ich weiß, dass du ihn magst." Verlegen strich ich mir über meinen Arm. "Aber wenn du dich irgendwann wieder für so etwas bereit fühlst und wenn du denkst, dass du ein Fünkchen Zuneigung für mich empfindest, dann..., dann geh bitte auf ein Date mit mir. Denn dieser Kerl hat dich verdammt nochmal nicht verdient." Ich stand einen Augenblick sprachlos da. Ich spürte, wie sich ein Knoten in meiner Brust bildete. Koushi war mir sehr wichtig und ich hatte ihn gerne - doch er hatte recht. Im Augenblick konnte ich seine Gefühle nicht erwidern und ich hatte mir versprochen, mich nicht einfach blindlinks in hereinzustürzen. Er war ein guter Mensch und hatte es verdient, jemanden zu haben, der sich komplett auf ihn einlassen konnte. Das könnte ich derzeit nicht.
Gerade, als ich meinen Mund öffnen wollte, um etwas zu sagen, tauchte hinter Koushi eine Gestalt auf und legte ihm eine Hand auf die Schulter. Koushi zuckte sofort zurück und drehte sich herum, nur um in die honigfarbenen Augen eines ganz gewissen Menschen zu gucken. Tetsurou.
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Da da dammmm
Cliffhanger
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Eins zu sieben Milliarden (Kuroo x Reader)
FanfictieWie hoch ist die Chance, dem einen Menschen zu begegnen, den man aus tiefster Seele lieben wird? Auf der Welt leben über sieben Milliarden, einzigartige Menschen. Keiner gleicht dem anderen, jeder hat seine eigenen Gedanken, Passionen, Vorstellungen...
