Fely - Teil 9

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Wie wir es schon vermutet hatten, wachten wir alle drei mit unglaublichem Muskelkater in den Beinen auf. Ich konnte kaum laufen, geschweige denn Treppen steigen. Wie würde das wohl dann nach dem 10km Lauf werden? Ich beschloss, dass Ich definitiv dafür trainieren musste, so wie unser Lehrer es auch empfohlen hatte. Heute war Dienstag, Donnerstag würden wir schwimmen gehen, also könnte Ich da vielleicht laufen gehen. Oder morgen? Dann könnte Ich meine Beine morgen beim Schwimmen entspannen. So wie Ich das verstanden hatte, war der Tag zur Entspannung gedacht und wir würden keine Übungen im Wasser machen müssen. Ich beschloss also, dass Ich morgen Joggen gehen würde.

Am Abend guckte Ich mir dann über Google Maps eine Route aus, die Ich laufen wollte. An den Parkplätzen vorbei ins Industriegebiet. Da war Ich früher oft Spazieren. Die Laufwege waren aus Schotter, was aus einem bestimmten Grund am besten fürs Joggen war. Warum hatte Ich vergessen. Aber Ich wusste, dass es so war. Das reichte mir. Dann würde Ich um eines der Silos der Fabrik laufen, die dort stand und dann zurück gehen. Laut Maps war das eine Strecke von 7km. Ich erwartete nicht, dass Ich das schaffen würde. Aber diese Strecke setzte Ich mir als Ziel. Als Ich fragte, ob meine Freundinnen mit mir laufen würden, verneinten sie es. Es würde ihnen reichen, demnächst zweimal in der Woche bei Parker im Unterricht zu trainieren. Ich stellte mir noch eine Musikplayliste zusammen, die Ich morgen beim Laufen hören wollte, steckte meine Kopfhörer ans Ladekabel und stellte mir den Wecker auf halb sechs Uhr morgens. Ich wusste jetzt schon, dass Ich mich morgen hassen werde. Aber Ich werde ganz bestimmt nicht nachmittags durch die Sonne laufen. Bei der Hitze und der Anstrengung würde Ich einen Hitzeschlag bekommen, da blieb mir nur früh morgens oder spät abends. Früh morgens war dann noch das kleinere Übel für mich, dann hatte Ich es wenigstens hinter mir. Dann legte Ich mein Handy auf meinen Nachttisch, erinnerte Christy noch daran, dass sie sich einen eigenen Wecker stellen musste und schlief dann ein.

Wie erwartet wollte Ich mich einfach wieder umdrehen und weiterschlafen als mein Wecker klingelte. Innerlich verfluchte Ich meine Entscheidung. Es waren doch eh noch mehrere Wochen bis zum Lauf, musste Ich dann heute unbedingt anfangen? Aber Ich raffte mich auf und setzte mich auf die Bettkante. Ich griff zu meinem Nachttisch, auf dem meine Wasserflasche stand, nahm sie, und trank einen großen Schluck. Das würde ziemlich anstrengend werden. Ich überlegte, ob Ich vorher etwas essen sollte. Aber nur bei dem Gedanken, jetzt etwas essen zu müssen, wurde mir schlecht. Also entschied Ich mich dagegen, in der Hoffnung, dass Ich es nicht bereuen würde.

Doch Ich bereute es. Ich bereute die komplette Entscheidung laufen gegangen zu sein. Pünktlich zum Ende der Sperrstunde um sechs Uhr verließ das Gelände. Was hab Ich dabei nur gedacht? Meine Beine schmerzten noch immer von Montag und jeder Schritt war eine Qual. Ich war am Anfang viel zu ehrgeizig und bin zu schnell gestartet, sodass Ich, nachdem Ich die Parkplätze passiert hatte, schon keine Luft mehr bekam. Aber Ich zwang mich weiterzulaufen. Kurz darauf setzten Seitenstiche ein und Ich musste langsamer werden. Während Ich meine Hand auf die schmerzende Stelle drückte, atmete Ich die kühle Morgenluft ein. Wenn Ich abends gelaufen wäre, hätte Ich wahrscheinlich längst schon wieder umgedreht. Dadurch, dass gerade aber die Sonne aufging und den Himmel in wunderschöne Farben tauchte, wollte Ich gar nicht umdrehen. Die Vögel fingen an zu zwitschern und die Welt war noch ruhig. In einer Stunde würde man schon Autolärm hören, auf dem Gelände der Fabrik würden LKWs rangieren und von den Vögeln wäre nichts mehr zu hören. Ich stellte meine Musik leiser, sodass Ich mehr von meiner Umwelt mitbekam.

Inzwischen war ich in dem Park angekommen, der an die Fabrik grenzt. Ich war den ganzen Weg nur gelaufen. Zum Joggen hatte Ich keine Kraft mehr. Außerdem hätte Ich den Morgen dann gar nicht so genießen können, wie Ich es jetzt tat. Das Silo, bei dem Ich wieder umdrehen wollte, kam immer näher. Die Hälfte hatte Ich also geschafft. Okay Fely, reiß dich zusammen. Gib dir Mühe. Wenn Du so weiter machst, wirst du nie Fortschritte machen. Du kannst das! Als Ich um das Silo rum war, begann Ich wieder mit dem Laufschritt. Ich konzentrierte mich auf meine Atmung und lief langsam genug, dass Ich nicht allzu schnell aus der Puste kommen sollte. Zwei Schritte lang einatmen. Drei Schritte lang ausatmen. Einatmen. Ausatmen. Zu meinem Erstaunen funktionierte meine Technik sogar. Ich war fast bis ans Ende des Parks gejoggt, ohne es zu bemerken. Ich war so auf meine Atmung konzentriert gewesen! Doch jetzt kam Ich aus dem Rhythmus. Ich hatte mich zu sehr gefreut und meine Schritte nicht mehr mitgezählt. Zwei. Einatmen. Drei. Ausatmen. Aber es half nichts. In meiner Seite begann es wieder zu piksen und zu stechen. „Verdammt." Fluchte Ich. Ich musste wieder langsamer werden. Es lief gerade so gut! Frustriert lief Ich weiter, die Musik stellte Ich jetzt wieder lauter. Ich schaute auf meine Handyuhr und erschrak. Es war schon halb 8?! Wie kann das denn sein? Habe Ich wirklich eineinhalb Stunden für die Strecke gebraucht? Wenn Ich mich jetzt nicht beeilen würde, würde Ich zu spät zum Unterricht kommen. Ich überlegte was Ich in der ersten Stunde hatte. Russisch! Frau Ivanova war zwar Russin, legte aber genauso viel Wert auf Pünktlichkeit wie die Deutschen. Ich würde es nicht schaffen vor dem Unterricht zu duschen. Das würde so unangenehm werden! Auf dem Zimmer würde Ich mich ganz schnell umziehen müssen. Dann brauchte Ich eine Tonne Deo. Ich geriet in Panik. Ich würde es niemals pünktlich schaffen. Normalerweise würde Ich jetzt joggen, aber meine Seitenstiche machten das zu schmerzhaft. Ich wurde wütend. Alles nur wegen diesem doofen Lehrer! Wenn er nicht wäre, hätte Ich mir das ganze hier sparen können, würde nicht zu spät kommen und hätte generell ein einfacheres Leben! Ich verfluchte ihn. Dann legte Ich doch noch ein Zahn zu, da die Angst größer war als der Schmerz. Schlussendlich schaffte Ich es noch gerade so in den Kursraum und erntete von Frau Ivanova nur einen warnenden Blick, nicht weiter schlimm.

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