Teil80

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Ohne viel nach zu denken verbachiedete ich mich schmerzvoll von allen und fuhr dann nach hause, wo ich sofort anfing zwei Koffer zu packen und mir ein Ticket zu buchen. In weniger als zwei Stunden saß ich schon im Flugzeug. Mein Handy hatte ich zuhause gelassen, genauso wie mein Laptop und alles andere elektronische.

So verbrachte ich die nächsten Stunden in einem Flugzeug, mit einem neuen Handy und sah mit Kopfhörern starr aus dem Fenster. Vor meinem inneren Auge sah ich wie mein Leben an mir vorbei zog. Witzig, normalerweise musste man nur Sekunden von dem Tode entfärnt sein und bei mir brauchte es nur ein paar Stunden ruhe und einen Flug in einen anderes Land.

Stellt euch mal vor wie eure schönsten, schlimmsten und banalsten Erinnerungen wie ein Film an euch vorbei fliegen. Stellt euch vor wie einige Erinnerungen schneller und andere langsamer verlaufen. Wie ihr euch an einzelne Wortgefechte oder besondere Momente erinnert. Stellt euch vor wie ihr eurer ersten Liebe zum zweiten Mal begegnet. Wie ihr euren ersten Kuss zum zweiten Mal erlebt, euer erstes gebrochenes Herz, euren ersten Verlust und wie ihr euch noch einmal euer Herz verliert und es erneut bricht.

Das Leben ist komisch oder nicht?

Eine kleine Hand beeinträchtigte mein Sichtfeld und holte mich zurück ins Flugzeug.

"Verzeihung, meine Kleine ist ein wenig aufgedreht." entschuldigte sich meine Sitznachbarin mit einem etwa vierjährigem Mädchen auf dem Schoß.

Sie sah wirklich süß aus. Das Mädchen trug ein rosanes Kleidchen mit einer großen Schleife und ihre Haare waren zu zwei Zöpfen geflochten. Sie sah ihrer Mutter wie aus dem Gesicht geschnitten. Die selbe stupsnase, die selben Lippen, nur eine andere Augenfarbe.

Ich lächelte kurz: "Schon gut. Wir können auch gerne tauschen." bot ich im sanften Ton an und sah wie die Augen der kleinen größer wurden.

Der Rest des Fluges verflog ohne ein weiteres Wort. Darum war ich sehr dankbar. Eigentlich fühlte ich mich, als könnte ich ohne Probleme die nächsten sechs Monate schweigend verbringen. Das Reden fühlte sich eigenartig an. Fremd und Falsch.

Aus dem Flughafen stieg ich in ein Taxi und ließ mich in meine kleine Wohnung fahren. Auch hier sah ich die ganze Zeit aus dem Fenster. Die Türkei ist ein wirklich schöner Ort, vor allem Mudanya. Mudanya ist ein süßes, kleines Stättchen. Die Einwohner sind weder zu neugierig, noch verurteilen sie jemanden. Aber das beste hier? Ich habe keine Bindung zu diesem Ort. Ich war weder mit meiner Familie, noch mit meinen Freunden hier. Das ist der einzige Ort wo mich keiner kennt und wo ich keinen kenne. Das ist der einzige Ort wo ich meinen Frieden finden werde.

Vor ein paar Jahren habe ich mir hier eine kleine Wohnung gekauft. Mit einem Meeresblick, zwei Zimmern und einer offenen Wohnküche mit einem Balkon. Die Wohnung war weder Luxuriös noch besonders groß, aber das war gut. Ich fühlte mich hier heimisch und frei, alleine. Ich glaube das ist das beste an dem Ort, dass ich alleine bin. Endlich alleine.... Mit dem Fahrstuhl fuhr ich in den fünften Stock und ließ gleich meine Koffer in dem Flur stehen, um auf den Balkon zu gehen und die frische Luft ein zu atmen. So gleich fühlte sich mein Herz so viel leichter an, so viel mehr ohne Schmerz. Einfach nur ich und niemand sonst. Mudanya ist eine Küstenstadt und da meine Wohnung recht weite oben und nahe am Wasser ist hatte ich einen umwerfenden Meeresblick.

Die Tage verflogen nur und aus Tagen wurden Wochen....


- Cole -

Seit Alex gekündigt hat und gegangen ist, hat sich Stacy in ihrem Zimmer verschanzt. Logan, Dad und ich versuchen sie da zwar irgendwie rauszukriegen und bringen ihr regelmäßig essen vorbei, aber bisher hat es nicht sehr viel gebracht. 

Dad hat mich angebrüllt, warum ich Alex habe gehen lassen. Meiner Meinung nach hat er sich ein wenig zu sehr aufgeregt. Ist ja nicht so, als könnten wir keinen Ersatz finden. Auch, wenn ich zugeben muss, dass ich mich die ganze Zeit frage wo sie ist. Und was das sollte. Jen und Josh haben auf sie aufgepasst, als wäre sie ein zerbrochenes Glas. Ich hab keinen von ihnen gesehen seit dem Aufstand von vor vier Wochen. Lexi hatte mir aber bescheid gegeben, dass Josh heute noch einmal vorbeikommen wollte, weil Alex ganzes Zeug noch hier ist. Ich weiß auch nicht, aber irgendwie hatte ich gehofft sie würde es selbst abholen. 

Ich weiß, dass ich ein Arsch war, aber... ich wollte sie nicht noch einmal verlieren. Ich wollte nur antworten, auch wenn ich bemerkte, dass ich ihr die Möglichkeit dafür nicht gegeben habe. und jetzt ist sie weg und mir fielen immer mehr sachen auf. Wie sie umgefallen ist, wie sie sich an mich festgehalten hat, als sie dachte ich sei Josh. Sie wirkte so angespannt und gebrochen. 

Argh... aber warum ist sie vor sechs Jahren überhaupt gegangen? Warum ist sie nicht zurück gekommen? Was soll die ganze Geheimnistuerei schon wieder? Immer wieder kamen mir ihre Worte in den Sinn. Hat sie wirklich auf uns aufgepasst? Und wenn ja, warum nur aus der Ferne?

In ihrem Büro wartete ich auf Josh. Ich wollte ein paar Antworten! Doch ich stockte als ich ihn sah. Fuck und ich dachte ich sehe scheiße aus, weil ich schlecht schlafe. Josh hingegen sah so aus, als hätte er seit Alex weg ist gar nicht mehr geschlafen und hätte sich seit dem auch nicht mehr rasiert. Sein Hemd war zerknittert und seine Haare fettig.

"Was willst du?" motzte er mich an. 

"Antworten! Was verdammte scheiße ist hier los?!" verlangte ich zu wissen, was ihn aber scheinbar nur zum lachen brachte.

"Jetzt? Jetzt willst du das wissen?" sein lachen erstarb "Das hättest du dir vor ihrem Verschwinden überlegen sollen!"

"Oh bitte, wir wissen doch beide, dass sie nichts tut was sie nicht auch will. Nur weil du in sie verschossen bist-"plötzlich ging er mir an den Kragen.

"Verschossen? Das war vielleicht einmal. Sie ist wie meine Schwester!" brüllte er plötzlich.

"JOSH!" schrie eine weibliche Stimme und zerrte ihn zurück. Jen. Sie sah nicht sehr viel besser aus, als er. Als hätte sie auch nicht geschlafen und nur geweint. Ihre Augen waren rot angelaufen und geschwollen. "Was willst du wissen?" fragte sie, aber klang eher so, als ob sie mich gleich umbringen wird.

"Wo ist sie?"

"Keine Ahnung, sie hat ihre Sachen gepackt und ist weg." antwortete Jen kalt.

Mir wurde mulmig. Ich sollte mich freuen, so wie ich sie behandelt habe...: "Was ist mit ihr?"

"Tut mir leid, aber da musst du ein wenig genauer werden." zischte sie. Wow sie hat sich wirklich verändert.

"Sie meinte sie hat auf uns aufgepasst, stimmt das?" 

"Ja!"

"Warum ist sie dann nie zu uns gekommen?"

Etwas veränderte sich in ihren Augen, aber ich konnte nicht ganz definieren was: "Ist sie doch. Sie ist ins Krankenhaus gerannt, als sie von Stacys Unfall erfahren hat, aber hat euch oder viel mehr dich gehört, dass ihr sie nicht dort haben wollt. Nicht einmal mehr in eurem Leben. Also hat sie den besten Arzt gerufen den sie finden konnte und hat ihn hergebracht. Sie ist an Stacys Bett geblieben, als ihr gehen musstet."

Das war wie ein Schlag in die Magengrube. Sie hat gehört was ich damals gesagt habe? "Warum ist sie nicht früher gekommen? Warum ist sie überhaupt gegangen?"

Auf einmal begann Jen wieder zu weinen und ließ sich auf die Couch fallen. Wieso ahnte ich das gleich etwas schlimmes passieren würde? 

"Wissen wir doch auch nicht!" schrie Jen verzweifelt.

"Sie spricht nicht darüber. Ein Jahr ist sie, Ben und seine Frau verschwunden, wie vom Erdboden verschluckt und dann sind sie und Ben urplötzlich in einem Krankenhaus aufgetaucht. Ben war so gut wie tot. Alex hat ihr Herz für die Transplantetion abgelehnt, um es Ben zu geben, aber es hat nicht funktioniert. Er liegt immer noch Hirntod im Krankenhaus und Alex lag sechs Monate im Koma. Danach hat sie niemanden an sich ran gelassen. Ein ganzes Jahr verging und ich kann an meinen Händen abzählen wie viele Sätze sie gesprochen hat. Und einer davon war, pass auf Cole und die anderen auf."

Ein Kampf ums LebenWo Geschichten leben. Entdecke jetzt