Kapitel 12 | Reasons

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Reasons
Kapitel 12


England
10. Juni 2023



Lando



„Was soll das?"

Es war ja nur eine Frage der Zeit gewesen, bis genau das passieren würde. Trotzdem machte es ihn wütend. Er hatte Carlos doch ganz klar zu verstehen gegeben, dass er sowas lassen sollte und was tat der?
Stand hier in seinem Wohnzimmer und wühlte in seinem... Chaos. Man musste es wohl so nennen, ob es ihm gefiel oder nicht. Es war ihm auch selbst klar, dass das hier besorgniserregend sein musste. Aber nichts auf der Welt gab Carlos das Recht, hier herum zu schnüffeln! Falls es dessen Ziel war, sein Vertrauen nicht nur zu erschüttern, sondern systematisch nieder zu reißen, dann gelang ihm das immer besser.
„Das Bild von Flo und dir... Es lag unter den ganzen Zeitungen", rechtfertigte Carlos, der den leicht beschädigten Rahmen in den Händen hielt und ihm einen ungläubigen Blick zuwarf. Genau das hatte er ja vermeiden wollen...
Deswegen war er dagegen gewesen, dass Carlos einfach herkam und hatte ihn auch nicht reinlassen wollen. Dessen berechtigte Neugierde brachte ihn in große Schwierigkeiten. Was sollte er denn sagen? Er konnte Carlos nicht die Wahrheit sagen.

Wahrscheinlich hoffte dieser naive Kindteil in ihm immer noch, dass er die Freundschaft zu Carlos aufrechterhalten konnte, ohne ihm zu sagen, was los war.
Realistisch betrachtet war es kompletter Schwachsinn. So lange er Carlos die Chance gab, mit ihm befreundet zu sein, so lange würde der versuchen, ihm zu helfen. Und so lange Carlos versuchen würde, ihm zu helfen, würde ihn das immer mehr in Schwierigkeiten bringen. Über kurz oder lang musste er wohl dafür sorgen, dass es zum Bruch kam.
„Ja", kam es ihm vorerst aber nur etwas kleinlaut über die Lippen.
Er wusste einfach nicht, wie er sich da rausreden sollte. Carlos würde nun noch mehr Fragen haben und sich nicht scheuen, ihm diese auch zu stellen. Er hätte ihn einfach vor der Tür stehen lassen sollen, als er es noch konnte.
„Wieso? Das verstehe ich nicht. Sie ist dir doch der wichtigste Mensch der Welt und-", setzte Carlos an und sorgte dafür, dass er wieder in seinen patzigen Ton wechselte. Je unfairer er zu Carlos war, desto eher würde er hoffentlich verstehen, dass er hier nicht weiterkam und es endlich lassen.

„Das geht dich gar nichts an!"
Tat es doch im Grunde wirklich nicht. Es war doch seine Entscheidung, ob er Carlos was davon erzählen wollte, oder nicht.
„Warum? Sie ist deine Schwester", ließ sein ehemaliger Teamkollege und Freund aber nicht locker und so sehr er sich gerade auch streiten und alles abblocken wollte, so schwer war es nun einmal auch, sich noch genau zu überlegen, was man sagte und er konnte diesmal nicht verhindern, dass ihm im Affekt etwas rausrutschte, was er unbedingt für sich hatte behalten wollen.
„Ja und viel zu jung, um sich mit meinen Problemen beschäftigen zu müssen!", schrie er Carlos an und dem entging die Information darin selbstverständlich nicht, die er da unfreiwillig gegeben hatte.
„Aha. Also doch Probleme?", kam es von Carlos und er selbst würde sich gerade am liebsten auf der Stelle die Zunge abbeißen. Wie konnte man nur so dämlich sein und so schlecht lügen? Er hasste sich manchmal echt selbst.
„Du..." Er unterbrach sich selbst, versuchte jetzt einfach so viel Wut wie möglich in seinen Blick zu legen und Carlos klar zu machen, dass er schon wieder eine Grenze überschritten hatte. „Lass den Scheiß! Deinen Psycho-Mist kannst du dir klemmen!"

Dummerweise hatte Carlos sich bereits daran festgebissen.
„Weiß sie, wie es hier aussieht und dass du euer Bild unter Altpapier vergraben hast?", wollte Carlos von ihm wissen und er war kurz davor, ihm das Bild aus der Hand zu reißen und es ihm ernsthaft um die Ohren zu schlagen.
Carlos war dabei, ihn in die Ecke zu treiben und wenn er das verhindern wollte, dann musste er selbst zu einem großen Schlag ausholen, mit dem er ihn wirklich treffen konnte.
„Vielleicht ist es kein Wunder, dass Isa die Schnauze voll hatte. Mit deiner Penetranz hast du sie wohl auch in die Flucht geschlagen", warf er Carlos also an den Kopf, denn dass Isa immer noch ein empfindliches Thema für ihn war, wusste er und etwas anderes, womit er ihn jetzt ausreichend verletzen konnte, fiel ihm nicht ein.
„Kein Wort über Isa!", fuhr Carlos auch direkt auf, wie er erwartet hatte und griff nach seiner Schulter, wohl um ihm sehr eindringlich klar zu machen, dass er das lassen sollte, doch dummerweise zuckte er unter dieser nicht sehr festen Berührung unverhältnismäßig heftig zusammen.
„Ah! Spinnst du?!", platzte es aus ihm heraus und reflexartig versetzte er Carlos einen Stoß gegen beide Schultern, um wieder etwas Abstand zu gewinnen.

Das führte dazu, dass er erst einmal vollkommen schockiert angesehen wurde.
„Scheiße, tut mir leid. Hab ich dir weh getan?", erkundigte Carlos sich und ihm waren dummerweise die Tränen in die Augen geschossen, die er aber sofort wegwischte und seinen völlig angepissten Blick nach Kräften aufrecht hielt.
„Man, lass mich doch endlich zufrieden!", schnauzte er seinen Freund nur weiterhin an, der das so aber nicht stehen lassen wollte. Als er sich an Carlos vorbei schieben wollte, griff dieser zwar nicht noch einmal nach ihm, versperrte ihm aber mit ausgebreiteten Armen den Weg, was ihn dazu veranlasste, die Augen zu verdrehen.
„Lando, ich kann dich nicht doll angefasst haben. Ich würde dir nie was tun", beteuerte Carlos und das wusste er selbst. Aber er musste das jetzt als Aufhänger nutzen, um sich aus dieser Aufdringlichkeit wieder rauszubeißen.
„Ach ja? Du hast gerade bewiesen, wie du drauf bist. Ganz ehrlich, wenn du so bist, dann brauche ich dich hier auch nicht! Mich die ganze Zeit bedrängen findest du okay, aber über deine dämliche Isa darf ich nichts sagen. Komm erstmal mit deiner beschissenen Trennung klar, bevor du mich therapieren willst!", nutzte er seine Chance, um kräftig nachzutreten.
Wie sollte er so einen gutmütigen Menschen wie Carlos denn sonst loswerden?

„Ich will dich nicht therapieren, Lando", versuchte Carlos ihm noch einmal zu erklären.
Trotzdem hatte er jetzt nicht vor einzulenken, weil er Carlos ganz einfach von der Sache nichts erzählen könnte. Er konnte nur hoffen, dass der jetzt nicht die Initiative ergriff und versuchte, stattdessen mit seiner Familie zu reden. Damit würde das alles nur noch gefährlicher werden.
„Na schön", seufzte Carlos schließlich auf. „Sie hat mich verlassen. Wir haben in den letzten Monaten unserer Beziehung viel gestritten. Oft, wegen irgendwelchen Kleinigkeiten. Ich frage mich, an welchem Punkt ich etwas hätte tun müssen. Ich dachte, es wäre eine Phase und nichts, worum ich mir Sorgen machen müsste."
Mist, jetzt öffnete Carlos sich auch noch. Es wäre so viel leichter, wenn sein Freund ihm nicht immer wieder die Hand reichen würde. Wieso konnte er sich einfach nie richtig dauerhaft mit wem streiten?
„Worüber habt ihr denn gestritten?", fragte er mal nach, versuchte dabei eher gleichgültig zu klingen, nur interessierte es ihn ja leider tatsächlich, was los gewesen war. Auch er wäre ja gerne für Carlos da gewesen.
„Eines Tages hat sie mir mal vorgehalten, dass ich nichts mehr mit ihr unternehme. Ich wäre nur noch unterwegs, würde jede freie Minute für den Sport opfern. Das hab ich nicht so empfunden, aber sie fand, dass ich mich dahingehend verändert hätte", gab Carlos zu.

Früher wäre er vielleicht einfühlsamer gewesen, statt nun mit den Schultern zu zucken.
„Meinst du nicht, dass da was dran sein könnte? Mit mir willst du seit deinem Wechsel auch nichts mehr zu tun haben", legte er mal den Finger auf die Wunde.
Es konnte ja schließlich auch kein Zufall sein, dass nicht nur er ihm das vorhielt, sondern auch seine nun Ex-Freundin. Das war doch Beweis genug dafür, dass Carlos' Wechsel ihn wirklich verändert hatte und er selbst sich das nicht nur eingebildet hatte. Aber Hauptsache er durfte sich als kleines Kind hinstellen lassen, welches sauer war, weil er einen neuen Teamkollegen bekam.
„Ja. Ich schätze, ich muss einsehen, dass ich zuletzt vieles vernachlässigt hab", kam endlich mal die erhoffte Einsicht von Carlos. Aber er wollte seine Chance trotzdem nutzen und lieber bei Carlos bleiben. Das lenkte den Fokus nämlich wunderbar davon ab, dass der eigentlich eine Erklärung wegen des Bildes von ihm haben wollte.
„Aber deswegen trennt ihr euch ja nicht gleich", schob er mal nach, in der Hoffnung, dass Carlos dann ein wenig mehr erzählen würde.

Dass Carlos nicht besonders gerne darüber sprach, war ihm deutlich anzusehen.
„Nein. Weißt du, meine Schwestern haben letztes Jahr beide einen Antrag bekommen. Es drehte sich zuletzt viel um Hochzeit, für immer zusammen sein und je mehr wir meinen Schwestern zusahen und ihnen mit den Vorbereitungen halfen, desto mehr haben wir es gespürt. Wir sind nicht bereit, für den nächsten Schritt und wussten, dass wir es nie sein würden. Etwas hatte sich verändert. Für sie wohl ganz besonders", vertraute Carlos ihm an.
Wenn er so darüber nachdachte, konnte er das schon ein wenig nachvollziehen. Wenn auch nicht so, dass er es verstehen würde. Hochzeit, Kinder kriegen... Das war wohl eher was für seine Geschwister. Er selbst dachte an sowas nicht. Heiraten wäre zwar prinzipiell irgendwann mal möglich, aber einen potenziellen festen Freund konnte er schließlich nicht schwängern, also machte er sich um sowas gar nicht erst große Gedanken. Aber das waren wohl diese klassischen Dinge, die Menschen wichtig waren und den meisten wohl einen Sinn im Leben gaben oder sowas...
„Aber gleich trennen, weil ihr nicht heiraten wollt? Ich hätte nicht gedacht, dass ihr euch jemals trennt", meinte er also. Gut, er wusste, dass Carlos und seine Familie deutlich traditioneller waren. Er selbst fand eben, dass dieser ganze Kram auch ziemlich überbewertet wurde. Er konnte sich gar nicht vorstellen, so einen romantischen Krempel mal zu tun. Das stand jedoch auch nicht zur Debatte. Wer wollte schon mit so einem komplexbehafteten und sprunghaften Kind wie ihm zusammen sein? Das tat sich ja niemand bei Verstand an.

„Gewünscht hast du es dir mal", erinnerte Carlos ihn und reizte ihn einmal mehr dazu, die Augen zu verdrehen.
„Ja. Hetero bist du trotzdem", erinnerte Lando ihn mal daran, dass sein kindischer Wunsch auch nicht dazu geführt hätte, dass aus Carlos und ihm etwas geworden wäre. Ihn machten solche Sätze irgendwie sauer und es zeigte auch wieder, wie unbeholfen Carlos war, seit er ihm von seinen Gefühlen erzählt hatte.
„Ja, entschuldige. Es tut mir leid, wie ich mich benommen hab. Als du mir das sagtest, hatte ich einfach Angst, mich falsch zu verhalten. Ich wollte dir keine falschen Hoffnungen machen und dachte immer darüber nach, dir verkehrte Signale zu senden. Ich schätze, ich hatte offener sein und mit dir reden sollen", musste Carlos einsehen, dass er einen nicht unerheblichen Teil dazu beigetragen hatte, dass ihre Freundschaft einen Knacks bekommen hatte.
Es gab vieles, was ihn an diesen Äußerungen störte. Dass Carlos glaubte, dass er ihm irgendwelche Hoffnungen auf etwas machte, als wäre er ein dummer Teenager, der völlig verstrahlt war. Es störte ihn, dass er glaubte, dass ihm falsche Signale senden könnte, fühlte sich, als würde Carlos in ihm einen liebeskranken Idioten sehen. Aber immerhin hatte er überhaupt mal eingesehen, dass er sich da ganz schön scheiße verhalten hatte.

„Wäre gut gewesen. Ich hab es sehr bereut, dass ich es dir gesagt hab. Du warst so abweisend, dass ich das Gefühl hatte, mit meinem Geständnis alles zwischen uns kaputt gemacht zu haben", versuchte er also noch mal deutlich zu machen, wie dieses Verhalten bei ihm selbst angekommen war.
„Verzeih mir bitte, Lando. Das wollte ich wirklich nie. Ich bin manchmal einfach ein Klotz", erkannte Carlos ziemlich gut, welchen Eindruck er selbst auch hin und wieder von ihm bekommen hatte.
„Bist du", stritt er das also gar nicht erst ab. Klotz drauf es sehr gut.
„Und du? Was ist hier los, dass du selbst mit Flo nicht mehr redest?", versuchte Carlos nun aber, seine Chance zu nutzen und den Spieß wieder umzudrehen, nur das würde er jetzt nicht zulassen. Nur, weil Carlos sich mal geöffnet hatte, musste er ihm doch nicht sofort alles beichten. Nein. Das konnte er Carlos sowieso nie erzählen.

„Netter Versuch."

Papaya ClashesWo Geschichten leben. Entdecke jetzt