Kapitel 6 | Nothing Bitter, Please

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Nothing Bitter, Please
Kapitel 6


England
7. Juni 2023



Oscar



„Du bist total spät."

Tolle Begrüßung. Damit rechnete er allerdings schon.
Dabei hätte er dank seiner vier Chaoten auch durchaus eine perfekte Ausrede gehabt, warum er zu spät dran war. Immerhin war es gestern noch sehr spät geworden. Nur, würde es Lando kaum interessieren, was er mit anderen Fahrern unternahm. Weshalb auch? Außerdem war er es gewesen, der Lando nach diesem Treffen gefragt hatte. Da konnte er sich ja glücklich schätzen, dass er eben nicht zu spät war.
„Eigentlich bist du zu früh", klärte er auf und beobachtete, wie Lando tatsächlich kurz auf seine Uhr schielte. Doch, er wollte sich darüber gar nicht mit ihm streiten. Er musste an den unfreiwilligen Vergleich denken, den Logan zwischen seinen Schwestern und Lando hergestellt hatte. Er wollte Lando selbstverständlich nicht mit Teenagerinnen vergleichen, aber hatte sich ihnen gegenüber durchaus angewöhnt, Dinge nicht übermäßig zu interpretieren und Sachen auch mal gut sein zu lassen. Möglicherweise half diese Taktik bei Lando ja auch. Er konnte es wenigstens versuchen. „Aber ist doch egal. Cool, dass du da bist."
„Wenn du meinst", zuckte Lando erst einmal nur wie üblich mit den Schultern. Der machte es einem echt nicht leicht, jedoch würde er sich an seinen Plan halten. Einen Nachmittag würde er das gewiss hinbekommen. Wenn das am Ende nicht klappte und Lando immer noch so ablehnend war, hatte er es zumindest probiert.

„Wie sieht's aus? Kann man mit dir durch England gehen, ohne, dass sich alle umdrehen?", wollte er also gelassen von ihm wissen. Immerhin wuchs Landos Bekanntheitsgrad stetig und nicht wenige Briten mochten ihn inzwischen sehr viel lieber, als Lewis Hamilton.
Zumindest war es das, was er bislang so mitbekommen hatte. Lando sah ihn zunächst etwas skeptisch an. Wenigstens würde er diesen Blick so interpretieren. „Ja, schon... Wir sollten uns die Innenstadt aber lieber sparen." Gut zu wissen. Einen Auflauf kreischender Fangirls konnten sie gerade wohl in der Tat nicht gebrauchen.
„Geht klar. Soll ich sonst noch was beachten?", fragte er nach, nur bekam er dafür einen eher verwirrten Blick. Ihr Einstieg war in der Tat holprig, aber nach der eisigen Stimmung, die seit Saisonbeginn schon zwischen ihnen herrschte, war das zu erwarten gewesen.
„Was meinst du?"
„Ich dachte nur, wenn ich mit Logan in den USA unterwegs war, wurde er auch manchmal erkannt. Vor allem, wenn jemand seinen Namen mitbekommen hat. Deswegen sollte ich das lieber nicht machen." Gerade in Logans Heimat war das manchmal durchaus spürbar gewesen und Lando dürfte hier ja durchaus auch einigen Menschen ein Begriff sein. Er wollte einfach nur vorbereitet sein.

„Ja, wäre gut, wenn du das lässt", entgegnete Lando ihm und es war verdammt schwierig, seine Stimmung genau zu interpretieren. So, wie er ihn anguckte, wie er die Arme vor der Brust verschränkte und mit jeder Faser seines Körpers ausdrückte, sich unwohl zu fühlen, war es schon überraschend, dass er überhaupt hier war.
„Wie soll ich dich dann nennen?" Das war ja dann wohl eine berechtigte Frage, denn in manchen Situationen war es ziemlich umständlich, wenn man jemanden nicht mit dem Namen ansprechen konnte und wieder schien Lando das Ganze eher lästig zu sein.
„Gar nicht", kam es ein bisschen angefressen zurück. Das konnte wirklich noch ein langer und komplizierter Tag werden, wenn Lando so weitermachte. Aber er hatte sich das Ziel gesetzt, diesen einen Tag durchzuhalten und mal zu sehen, ob es da nicht auch noch etwas hinter dieser Abwehrhaltung gab. Das war schließlich seine einzige Chance, wenn er wollte, dass der Team interne Stress mal ein Ende fand.
„Gar nicht klingt blöd", teilte er Lando also mit einem Schulterzucken mit und er konnte zumindest erkennen, dass es ihm schwerfiel, wieder bissig darauf zu reagieren. Möglicherweise täuschte ihn sein Eindruck wirklich nicht und Lando gab hier nur etwas vor, was überhaupt nicht stimmte, was weder seine tatsächliche Meinung, noch seine Grundeinstellung war. Das konnte er allerdings nur vermuten. Es war mehr ein Bauchgefühl.

„Na gut, andere nennen mich Bob", offenbarte Lando ihm.
Im ersten Moment klang es so, als wollte er ihm mitteilen, dass seine Freunde ihn so nannten, aber selbstredend würde er ihn da nicht zuzählen wollen. Kleine Details, die ihm nicht verborgen blieben und von denen er wohl mal sehen musste, was er am Ende damit anfangen konnte.
„Okay", stimmte er lediglich zu und musste innerlich durchaus schmunzeln. Landos Körpersprache sagte eindeutig, dass er mit einer negativen Reaktion gerechnet hatte. Er war wohl davon ausgegangen, dass er darüber lachen würde oder etwas in der Art. Dass er ihm irgendeinen Grund gab, wütend zu werden und Dampf abzulassen.
„Was?", verriet auch Landos Stimme, dass er eigentlich wieder nur nach etwas suchte, um mit ihm so aneinander zu geraten, dass er genervt das Handtuch warf. Aber den Gefallen würde er ihm gerade nicht tun. Er war viel zu sehr darauf konzentriert rauszufinden, was ihm Landos Verhalten noch alles über ihn erzählen könnte-
„Nichts. Find ich cool. Auf geht's, Bob", bewertete er den erneut eher passiv aggressiven Unterton nicht und setzte sich lieber in Bewegung. Er wollte hier ja nicht den ganzen Tag dämlich in der Gegend rumstehen und das Wetter war für englische Begriffe auch gar nicht so schlecht. Bewölkt, aber trocken, nicht zu heiß für Anfang Juni, wobei ihm das in der Regel auch wenig ausmachte.


Immerhin brauchte er nur sechs Kilometer Fußweg, einen Abstecher durch den Park und insgesamt eine halbe Stunde, um wenigstens mal aus Lando rauszubekommen, dass er nebenbei ein passionierter Golfspieler war.
Er war sich nicht mehr ganz sicher gewesen, ob er nicht schon einmal was Entsprechendes gehört oder gesehen hatte. Man beschäftigte sich mit seinen Fahrerkollegen immerhin deutlich weniger, als Fans das tun würden, aber hier und da fiel einem schon mal was auf oder blieb einem im Gedächtnis. Generell hielt Lando sich mit seinen Spitzen vorerst zurück und sie konnten mal eine Weile ganz normal miteinander reden.
So hätte es gerne ab dem ersten Tag laufen können. Natürlich würden sie in ihrem Leben sicher niemals beste Freunde werden und auch ein gutes Verhältnis, wie er es sehr offenkundig zu seinem ehemaligen Kollegen Carlos Sainz hatte, würde bei ihnen unwahrscheinlich sein. Aber um solche Dinge ging es ihm auch gar nicht. Er wollte nur mit ihm auskommen, weil Ablenkungen jeder Art immer negative Auswirkungen hatten. Der lächerliche Rechtsstreit mit Alpine hatte ihn genug Nerven gekostet, auch, wenn er sehr bemüht war, sich das nicht anmerken zu lassen. Wenn er deswegen zuließ, dass er unsicher wurde, konnte er direkt wieder gehen.

Etwas später saßen sie sich in einem kleinen Eck-Café gegenüber.
Es war ihnen beiden nur recht gewesen, einen Platz zu haben, der nicht allzu überlaufen war. Man wollte sich ja normal unterhalten und nicht dauernd von irgendwelchen herbeieilenden Fans oder anderen Menschen unterbrochen werden. Bislang waren ihnen zum Glück nur zwei Leute begegnet, die Lando eben doch erkannt hatten, aber die waren mit einem schnellen Selfie glücklich gewesen. Von ihm hatten sie keine Notiz genommen, was ihn auch nicht weiter störte. So sollte es ja im Idealfall sein.
Dass Lando ihn schon eine Weile wieder so misstrauisch musterte, war ihm durchaus aufgefallen. Dennoch versuchte er ihm auch die Möglichkeit zu geben, es ungeniert zu tun. Es musste ihn ja nicht stören. Er machte schließlich nichts, woran Lando Anstoß nehmen könnte. Aber irgendwann musste er dann trotzdem nachhaken. Er versuchte, es nicht wie ein Vorwurf klingen zu lassen. Mehr, wie eine simple Feststellung.
„Du guckst schon wieder, als hätte ich was verkehrt gemacht", teilte er Lando mit. Bis eben hatten sie ein wenig über den Saisonauftakt geplaudert, als sie wirklich noch im Nirgendwo unterwegs gewesen waren. In den ersten Rennen hatte es nicht so ausgesehen, als wäre mit dem Auto sonderlich viel drin. Inzwischen sah es etwas anders aus und sie schienen beide froh darum zu sein, dass sie sich nicht mit Haas um die rote Laterne schlagen mussten.

„Ähm... nein", brachte er Lando wohl eine Sekunde aus dem Konzept. „Mir fällt nur was auf."
Da war er wirklich gespannt. „Und was?" Das könnte schließlich alles sein oder gar nichts. Er konnte ja nach wie vor nicht gut einschätzen, wie Lando nun genau tickte, weil er meistens das Gefühl bekam, es gar nicht mit der Originalversion zu tun zu haben.
„Ihr Australier verkürzt ja fast jedes Wort", antwortete Lando ihm und das hörte er tatsächlich häufiger. Auch in der Schule hatte man ihm das hier immer wieder gesagt, dass diese Wörter so und so ausgesprochen wurden und er sie doch auch gänzlich verwenden sollte. War wohl in England schlechter Stil oder sowas.
„Ja, das spart so viel Zeit beim Reden", zuckte er mit den Schultern. Er hatte sich da nie großartig Gedanken drüber gemacht. In Australien war es ganz normal. Ihre Sprache bestand eben teilweise aus „Nicknames". Selbst seine Geburtsstadt hatte davon ein paar.
„Und ich dachte immer, ich bin faul", merkte Lando an und es war gerade irgendwie schön festzustellen, dass sie sich halbwegs normal unterhielten. Das hatten sie seit ihrem ersten Aufeinandertreffen noch nicht so lange und auch nicht in der Form getan.
„Da ist sicher Luft nach oben", versicherte er und versuchte aus Landos Mimik zu lesen, wie gut oder schlecht er das fand. Da es ihm jedoch nicht möglich war, es selbst rauszufinden, entschied er sich, ihn einfach direkt zu fragen. „Stört dich das?"
Immerhin konnte er sich vorstellen, dass das für den ein oder anderen Menschen tatsächlich etwas nervig war.
Doch Lando schüttelte den Kopf. „Nein. Nicht wirklich."
Zumindest das.

Einen kurzen Moment herrschte Schweigen zwischen ihnen, bevor Lando ihm tatsächlich zum ersten Mal an diesem Nachmittag eine richtige Frage stellte.
„Wie lange bist du eigentlich schon in England? Ich hab nicht den Eindruck, dass das alles super neu für dich ist." Wie es aussah, machten sie Fortschritte. Das klang schon fast nach ehrlichem Interesse, aber da lag Lando natürlich richtig. England war inzwischen definitiv seine zweite Heimat geworden, denn...
„Ist es auch nicht. Ich bin schon sieben Jahre hier", eröffnete er Lando also, dem die Mimik dann doch etwas außer Kontrolle geriet. Damit hatte er wohl nicht gerechnet und er staunte selbst durchaus auch ein wenig, dass es schon so lange war. Kam ihm manchmal überhaupt nicht so vor.
„So lange?"
„Ja."
Er musste schon etwas darüber schmunzeln, wie sehr Lando diese Tatsache zu erstaunen schien. Noch besser, dass es sich endlich wie ein gutes Gespräch anfühlte. Ein holpriger Start, doch seine neue Strategie schien heute einigermaßen zu funktionieren.

„Aber du bist doch erst... warte, wie alt bist du?", schien Lando gerade ein wenig nachzurechnen.
„Zweiundzwanzig", half er ihm da mal aus.
„Wow. Ich meine..." Lando ließ sich auf seinem Platz zurücksinken und musste sich das erst einmal durch den Kopf gehen lassen. „Das muss dir doch echt schwergefallen sein."
„Leicht war das nicht. Aber in Australien wären die Möglichkeiten sehr begrenzt gewesen und meine Ziele zu erreichen deutlich schwieriger. Da muss man sich entscheiden", fasste er mal grob zusammen, weshalb es dazu gekommen war. Klar, so früh nicht nur sein Elternhaus zu verlassen, sondern auch gleich sein Land und seinen ganzen Kontinent, war schon extrem hart. Auch er hatte Momente gehabt, in denen er sich nicht mehr so sicher war, ob er das wirklich wollte und wäre an gewissen Tagen lieber wieder nach Australien zurückgegangen.
Jetzt war er sehr froh, dass er sich durch die schwierigen Phasen und Momente durchgebissen hatte und drangeblieben war.
„Okay. Respekt. Das ist schon echt ein großer Schritt", zeigte Lando sich tatsächlich ehrlich beeindruckt von dem, was er ihm erzählte und er hatte auch den Eindruck, dass sein Teamkollege über diese Worte ein wenig nachdenken musste. Ob er das mit sich und seiner eigenen Situation verglich?

„Du hast doch bestimmt auch viel für deinen Traum getan. Sonst hättest du es ja nicht schon mit neunzehn in die Königsklasse geschafft", versuchte er mal, den Fokus auch auf Lando zu lenken und nicht so zu tun, als hätte er nun alleine eine schwere Entscheidung für sein Leben treffen müssen. Am Ende des Tages ging es doch allen so.
„Du weißt, wie alt ich war?", wunderte Lando sich allerdings erneut.
„Ich hab damals schon hier gewohnt und mitbekommen, was um dich herum los war", gestand er also und so sehr, wie die britischen Medien von Lando begeistert waren, konnte er unmöglich drum herum kommen. Manchmal hatte er fast den Eindruck, dass die Menschen hier sich ein bisschen nach einem britischen Fahrer sehnten, der Lewis an der Spitze der Formel 1 ablöste. Helden kamen und gingen, in jedem Sport und manchmal schneller, als einem lieb war.
„Oh...", machte Lando nur und wirkte ein wenig so, als könnte er sich das gar nicht richtig vorstellen. Er überlegte, wie das bei Lando wohl gewesen war. Der wohnte ja ganz gewiss auch schon längst nicht mehr zu Hause, aber eben immer noch in England. Doch da wurde ihr Gespräch von einer freundlichen Bedienung unterbrochen. Von einer Frau, die britischer nicht hätte aussehen können.

„Darf ich euch einen Kaffee bringen?", wollte sie wissen.
Ein kurzer Blick auf Lando verriet, dass sie beide einen ähnlich abgeneigten Blick an den Tag legten. Eine Kaffeemaschine fand man wohl in keinem ihrer Haushalte.
„Oh, nein danke. Gibt's hier auch sowas wie heiße Schokolade?", erkundigte er sich lieber.
Kaffee und er, das würde in diesem Leben nicht mehr passieren. So viel war sicher. Auch kein Cappuccino oder sowas. Er mochte es einfach nicht und er wollte es auch gar nicht mögen.
„Aber natürlich. Mit Sahne?"
Das klang verlockend, wäre dann aber sicherlich zu viel des Guten.
„Nein, lieber ohne. Danke."
Sein Physio wollte ihn dafür sowieso im übertragenen Sinn jedes Mal umbringen. Er musste dessen Nerven ja nicht überstrapazieren.
„Und was darf ich dir bringen?", wandte die Frau sich schließlich an Lando, der seine Bestellung offensichtlich mit regem Interesse verfolgt hatte und nun ganz verwirrt aussah, als er selbst angesprochen wurde.

„Ähm... Dasselbe, bitte", reagierte Lando mit kurzer Verzögerung.
Falls die Frau sich darüber wunderte, zeigte sie es zumindest nicht sehr offensichtlich und verschwand wieder.
„Du trinkst echt keinen Kaffee?", wurde er dann auch umgehend von Lando gefragt, denn das wohl ziemlich erstaunte. Im Grunde war es auch ein gewaltiger Zufall, dass es ihnen beiden so ging. Das war eine Gemeinsamkeit, die gar nicht mal so verbreitet war. Wobei in England die Leute ja immer noch ihren Tee hatten.
„Viel zu bitter", entgegnete er also und da kam Lando direkt auch auf das zweite Getränk, welches ihm gerade in den Sinn gekommen war.
„Und Tee?"
„Hab ich ehrlich gesagt noch nie gemocht", offenbarte er, womit er hierzulande schon ein paar Menschen in seinem näheren Umfeld leicht schockiert hatte. Lando hob allerdings eher anerkennend die Augenbrauen.
„Endlich mal jemand, der das kapiert", befand dieser. Das brachte ihn zum Schmunzeln, weil Lando wahnsinnig erleichtert über diese Kleinigkeit klang.

„Darf man in England als Engländer denn ungestraft auf Tee verzichten?"
Eine Frage, die er nicht ganz ernst meinte, aber es war zu spüren, dass die Atmosphäre zwischen ihnen ein wenig lockerer geworden war und das wollte er gerne nutzen, so lange es anhielt. Das könnte schließlich sehr schnell auch wieder vorbei sein.
„Zu meinem Glück ist meine Mutter Belgierin", verriet Lando ihm und es erstaunte ihn schon, dass er ihm diese Einblicke gab, wenngleich das wohl auch eine Information war, die nicht unbedingt ein Geheimnis war. Dennoch ließ es ihn darauf schließen, dass Lando sich vielleicht nicht grundsätzlich so aufführte, wie er ihn bislang kennengelernt hatte.
„Glück gehabt", stimmte er also zu und immerhin sah Lando inzwischen nicht mehr so ernst und verspannt aus, wie noch am Anfang des Tages. Offensichtlich hatte Arthur recht behalten. Man durfte nicht lockerlassen, bis man zumindest wusste, woran man war. Nur, weil etwas zweimal nicht geklappt hatte, hieß es nicht, dass es mit einer abweichenden Strategie wieder zum Scheitern verurteilt war.
„Sieht so aus", meinte auch Lando und damit herrschte wohl zum ersten Mal, seit sie sich begegnet waren, so etwas wie Einigkeit zwischen ihnen.


Damit hatte er heute mehr erreicht, als er sich vorgenommen hatte.
Sein Tagesziel war, dass sie sich nicht wieder in die Flicken bekamen, dass es mal ohne eine handfeste Auseinandersetzung funktionierte. Dass sie ganz entspannt zusammensitzen und über normale Dinge plaudern konnten, war für ihn am Anfang des Tages noch in weiter Ferne gewesen. Aber es war besser gelaufen, als erwartet.
Irgendwann hatten sie ihre jeweiligen Mietwagen wieder erreicht. Nicht, dass sie selbst keine hätten, aber wenn man privat unterwegs war, dann war es manchmal nicht schlecht, ein unauffälliges, kleines Auto zu fahren, mit dem man nicht sofort erkannt wurde.
„Und? War's schlimm mit mir?", wollte er am Ende ihres Treffens also mal wissen, denn aus irgendwelchen Gründen hatte Lando sowas hier ja bislang immer vermieden.
„Nein, gar nicht", gab dieser auch ohne Umschweife zu.
Mal sehen, ob er es wagen konnte...
„Okay. Was meinst du, können wir dann nicht versuchen, an der Strecke auszukommen?", versuchte er noch einmal auf den eigentlichen Grund zu kommen, denn was auch immer mit Lando los war, es musste doch nicht sein, dass es die Stimmung an der Rennstrecke so dermaßen vergiftete.
Doch da versteinerte Landos Miene direkt wieder, ehe dieser ihm mitteilte: „Das ist was anderes."

Er seufzte innerlich. Wenn er eins über Lando gelernt hatte, dann, dass er extrem dickköpfig war und verdammt schwer zu knacken.
„Ja, ich weiß. Keine Freunde, blabla... Aber ich rede nicht von Freundschaft, sondern von einem vernünftigen Arbeitsklima", probierte er Lando also geduldig deutlich zu machen, was er meinte. Es war okay für ihn. Er hatte einen super guten Freundeskreis und wenn Lando darin nicht auftauchen wollte, dann war es in Ordnung. Aber sich jedes Mal vor jeder Session blöd anmachen zu lassen, brauchte er einfach nicht und das hatte aus seiner Sicht auch nichts mehr mit gesundem Konkurrenzdenken zu tun.
„Weißt du, ich denke, wenn du den psychischen Druck nicht aushältst, dann bist du vielleicht falsch. Da gibt's einige, die sind noch schlimmer als ich", verschloss Lando sich an diesem Punkt allerdings wieder. Lando verschränkte die Arme vor der Brust und sein Blick war wieder herausfordernd und fast ein bisschen arrogant. Obwohl es nicht das richtige Wort zu sein schien, um Lando damit zu beschreiben.
„Mag sein, aber wir sind auch ein Team. Und sollten wir da nicht in ein paar Dingen professionell zusammenarbeiten? Wenn du das nicht kannst, dann bist ja vielleicht du falsch", konterte er. Nicht wütend oder angegriffen. Ganz normal, ganz ruhig, aber er konnte schon sehen, dass Landos Mimik dabei kontinuierlich einfror.

„Du-", setzte Lando an und er wusste, dass da nur Worte im Zorn kommen würden.
„Ist okay. Das sollte kein Angriff sein. Überleg es dir halt mal. Vielleicht geht das auch ohne deine spitzen Bemerkungen", setzte er lieber noch nach. Er wollte den Fortschritt dieses Tages schließlich nicht wieder komplett einreißen, aber es war nun einmal nicht leicht, mit einem Menschen klar zu kommen, dessen Stimmung wechselhafter als das englische Wetter war. Dennoch bewies ihm der heutige Tag auch, dass sich das lohnen könnte, beharrlich zu sein und der Sache eventuell mal auf den Grund zu gehen.
„Eher nicht. Das wirst du aushalten müssen", blieb Lando allerdings eisern, so sehr er auch den Eindruck hatte, dass das, was sein Teamkollege sagte und das, was er wollte, sehr stark voneinander abwichen. Nur erzwingen konnte er selbstverständlich auch nichts. Er wollte schon mit diesem leichten Dämpfer zu seinem Auto zurückgehen, als Lando noch etwas hinzufügte. „Aber... war gut heute."
Ein dezentes Lächeln zuckte an seinen Mundwinkeln. So ganz kam Lando dagegen nicht an, so viel stand fest. Er würde die nächste Chance abwarten müssen und sehen, wohin das noch führen konnte. Ein Anfang war heute gemacht.

„Seh ich auch so."

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