Kapitel 11 | Sleepless

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Sleepless
Kapitel 11


England
9./10. Juni 2023



Oscar



Er drehte das Handy immer wieder in seinen Händen.

Seit er das Gespräch mit Lando beendet hatte, ging ihm selbst eine Menge durch den Kopf. Nicht nur, dass er nicht eine Sekunde damit gerechnet hatte, dass diese Unterhaltung überhaupt einen solchen Verlauf nehmen würde. Dass Lando sich am Ende sogar noch bei ihm bedanken würde, war unerwartet gekommen.
Er hatte so viele Dinge erfahren, von denen er nicht glaubte, dass Lando sie ihm jemals sagen würde. Aber damit bestand kein Zweifel mehr daran, dass etwas nicht in Ordnung war. Was das betraf, konnte er sich auf sein Bauchgefühl wohl immer noch verlassen. Die wichtige Frage hingegen war, wie es jetzt weitergehen sollte.
So lange er nicht wusste, worum es genau ging, würde er auch nicht viel machen können, außer seine Hilfe erneut anbieten. Es überraschte ihn, dass Lando ihn von selbst angeschrieben hatte. Nach der Ansage nach ihrem Treffen war er davon ausgegangen, dass sein Teamkollege es vermeiden würde, ihm Privates auch nur anzudeuten.
Wie es aussah, nahm er dieses Konkurrenzdenken ja sehr ernst. Entsprechend bedeuteten persönliche Informationen Angriffsfläche, die Lando sicherlich aus unerfindlichen Gründen vermeiden wollte. Wenn er wenigstens eine Verbindung zwischen dieser Erkenntnis und dem, was er eben gehört hatte, herstellen könnte. Damit wäre er einen großen Schritt weiter.

Wer dieser Freund wohl war?
Da kamen wohl viele in Frage. Er kannte Landos Freundeskreis schließlich überhaupt nicht. Dennoch fragte er sich jetzt, wie weit diese Freundschaft wohl in der Vergangenheit lag und was das mit Landos allgemeiner Verfassung zu tun haben könnte.
Er hätte ihm gerne noch ganz andere Fragen gestellt, nur befürchtete er, dass er Lando damit Druck machen könnte, der ihn dann wieder dazu brachte, sich zu verschließen und ihm irgendwas Unreifes an den Kopf zu knallen.
Lando hatte ihn selbst gefragt, was er davon hatte, ihm helfen zu wollen. Im Prinzip eine gute Frage und gar nicht so unbegründet. Denn weshalb machte er das hier? Er hatte ihm gesagt, dass er nicht immer von allem etwas haben musste, um es zu tun. Das war auch nach wie vor seine Überzeugung, nur war er jetzt ins Grübeln gekommen, ob das der einzige Grund war.
Gut möglich, dass er das nur gesagt hatte, weil er selbst noch ein paar Sachen rausfinden musste. Alles was er wusste war, dass er irgendwie merkte, dass etwas nicht stimmte und dass er diesen Gedanken nicht mochte.

Sowas lenkte schließlich auch ganz schön vom eigentlichen Job ab.
Mark – sein Manager – hatte ihm ja prophezeit, dass das alles andere als leicht werden würde, dass die Formel 1 nicht wie die anderen Rennklassen war.
Natürlich war ihm ein paar Mal durch den Kopf geschossen, dass er sowas ja sagen musste und es sicherlich eine Floskel war, die alle jungen Fahrer zu hören bekamen. Aber es stimmte schon. Es ging ein wenig Lockerheit verloren. In den anderen Formel-Klassen konnte man durchaus noch das Gefühl einer recht unterhaltsamen Klassenfahrt bekommen.
Da waren alle noch unsicher und wussten selbst nicht so genau, wohin ihre Reise mal ging. Sicher gab es auch da schon regelrechte Feindschaften, denn nach ganz oben wollte schließlich jeder von ihnen. Doch er musste zugeben, dass mit dem erreichen der Formel 1 auch eine ganz andere Ernsthaftigkeit aufkam.
Nicht, dass er die Sache vorher nicht ernst genommen hätte. Es war ziemlich schwierig, es genau zu erklären. Aber was er nach den ersten drei Monaten definitiv sagen konnte war, dass er es ohne Marks gründliche Vorbereitung wohl sehr viel schwerer gehabt hätte.

Besonders, was Landos unnötige Spitzen betraf.
Es war schon seltsam gewesen. Beim ersten Treffen in Woking war er selbst noch sehr misstrauisch und skeptisch gewesen. Auch, weil er da ja schon wusste, dass es wohl Stress zwischen Daniel und Lando gegeben hatte und ihm wollte beim besten Willen nicht in den Kopf, wie zur Hölle jemand mit Daniel nicht auskommen konnte.
Aber er wusste eben auch nichts Genaues und es wäre ihm bescheuert erschienen, seinen Landsmann danach zu fragen. Da käme er sich dann wie ein verunsicherter, kleiner Vollpfosten vor. Das wollte er selbstverständlich nicht.
Also war er etwas auf der Hut gewesen und was machte Lando? War freundlich, machte sogar mal den ein oder anderen Scherz mit ihm, brachte ihn aus dem Konzept und gab ihm immer mehr das Gefühl, als wäre alles komplett okay zwischen ihnen.
Und dann nutzte er Momente, in denen sie alleine waren, um ihn immer wieder verbal zu aus dem Gleichgewicht zu bringen. Er machte dämliche Anspielungen wegen dieser Vertragssache, deutete immer so seltsame Dinge an, wie dass man bei ihm wohl nicht wissen könnte, was sein wahres Gesicht war und all solchen Blödsinn.

Und jedes Mal, wenn er ihn dann etwas überrumpelt fragen wollte, was sein Problem war, schaltete er wieder in den freundlichen Modus, als hätte der Wortwechsel nicht stattgefunden.
Wenn er es nicht besser wüsste, dann hätte er Lando irgendwann mal unterstellt, dass er eine gespaltene Persönlichkeit haben musste. Allerdings war ihm bewusst gewesen, dass das der Versuch gewesen sein musste, Psychospielchen mit ihm zu spielen. Genau das, worauf er selbst absolut keine Lust hatte. Sowas war kindisch, blöd und ultraanstrengend.
Das Schlimmste war eigentlich nach dem letzten Rennen gewesen. Als es ihm gelungen war, vor Lando ins Ziel zu kommen. Erst hatte sein Teamkollege ihm ganz normal und fair gratuliert und als sie kurz nach hinten verschwunden waren, um ihre Sachen abzulegen, knallte Lando ihm an den Kopf, dass er schon verhindern würde, dass sowas je wieder passieren könnte.
Er wollte gar nicht drauf eingehen, doch dann deutete er an, Dinge über ihn zu wissen und dass das Team auch reden würde. Wahrscheinlich stimmte das nicht, aber sowas zu sagen verunsicherte eben doch. Ob man wollte oder nicht. Und weil Lando nicht lockerließ, hatte er ihn angefahren, dass er die Scheiße lassen sollte.

Genau in dem Moment, als Zak und Andrea um die Ecke gekommen waren.
Blöder hätte es nicht laufen können, denn danach hatte er sich von den Beiden anhören dürfen, dass man solche Scharmützel nicht zulassen würde, dass sie ein Team waren und sie es nicht gebrauchen konnten, dass ihre Fahrer sich wie kleine, zickige Mädchen aufführten.
Stimmte ja. Und nichts anderes hatte er Lando vermitteln wollen, doch der hatte seine Unschuldskarte gespielt und es ausgenutzt, dass Zak und Andrea nur seine Worte gehört hatten. Lando behauptete selbstverständlich, keine Ahnung zu haben, weshalb er ihn so anfuhr und streute ein, dass es vielleicht der Frust war, weil er es hier nicht mehr so einfach hatte, wie vorletztes Jahr in der Formel 2.
Als ob er es da je leicht gehabt hätte, aber darum ging es ja gar nicht. Er war nur ziemlich sprachlos über diese Abgebrühtheit gewesen und ihm kam in den Sinn, dass er sowas mit Daniel vielleicht auch gemacht hatte. Sowas konnte durchaus ätzend sein und einen ungewollt aus dem Rhythmus bringen.

Deswegen hatte er mit Lando ja noch mal reden wollen.
Es wäre taktisch nicht clever gewesen, Zak und Andrea zu erklären, dass Lando ein hinterhältiger Arsch war. Er war der Neue im Team, nicht Lando. Der genoss den vollen Rückhalt des Teams und da konnte er nicht daherkommen und erwarten, dass sich das sofort änderte, nur weil er ins Team kam.
Also war der bessere Schritt, seine Angelegenheiten selbst zu klären, nur war er damit ja nicht sonderlich weit gekommen. Und dann die komische Sache am Flughafen...
Er konnte das im Kopf drehen und wenden wie er wollte, es blieb irgendwie sehr merkwürdig. Er konnte sich nicht erklären, wie das alles zusammenhing und warum es seine Aufgabe sein sollte, es in Erfahrung zu bringen. Allerdings hatte er nun damit angefangen und Arthur hatte recht. Es wäre bekloppt, wenn er jetzt schon aufgeben würde.

Doch Landos Worte am Telefon...
Er hatte ihm gesagt, dass er wegen etwas Angst hatte und auch davor, ihm zu sagen, was los war. Also war gab es da was. Nur, was könnte es sein, wenn er mit keiner Menschenseele darüber reden wollte?
Er hatte ihm erklärt, seine Freunde und Familie von sich zu stoßen, damit sie sich nicht mehr um ihn bemühten. Wie verzweifelt musste ein Mensch wohl sein, damit er so einen Schritt ging? Wann immer er so darüber nachdachte, fiel es ihm gar nicht so schwer, den Scheiß zu vergessen, der zwischen ihnen passiert war.
Klar, wenn Lando Probleme hatte, war das noch lange kein Grund, ihn anzukacken. Dennoch wollte er erst wissen, was dahintersteckte, bevor er den anderen verurteilte.
Aber...
Was, wenn das eine Nummer zu groß für ihn war?

Möglicherweise sollte er sich selbst noch mal irgendwie ein bisschen Rat holen.
Er wollte nichts falsch machen und er konnte nicht fassen, wie lange sich seine Gedanken schon damit beschäftigten, immer wieder hin und her gingen.
Abschalten zwischen den Rennen ging auf jeden Fall anders. Er sollte zusehen, dass er endlich ein bisschen Schlaf bekam. Es war schon halb vier durch und er hatte morgen immerhin ein gemeinsames Frühstück mit Mark, weil der mit ihm über das nächste Rennen in Kanada sprechen wollte.
Mark kam fast überall selbst mit hin und half ihm mit den ganzen Sachen, in denen er noch nicht so viel Routine hatte und eine gute Vorbereitung war eben das Wichtigste.
Hoffentlich kam er morgen nicht komplett zu spät. Auch, wenn mit ihm alles locker war, wollte er einfach vermeiden, den Eindruck zu erwecken, sich auf den Erreichten auszuruhen. Ihm war klar, dass es jetzt nicht mehr darum ging, die Formel 1 zu erreichen, sondern sich auch da zu halten und das war noch schwieriger.

Also drehte er sich mal auf die andere Seite. Auf der konnte er normalerweise besser einschlafen.
Nur eben nicht, wenn er es unbedingt wollte. Je mehr man es versuchte, desto schlechter klappte sowas. Es wäre toll, wenn es für ungebetene Gedanken wenigstens eine Abstellkammer geben würde, wo man sie reinpressen konnte, wenn man sie einfach gar nicht gebrauchen konnte.
Auf dem Flug nach Kanada interessierte es keinen Menschen, ob er grübelte und da hatte er sehr viel Zeit dafür. Leider war das noch ein paar Tage hin.
Vielleicht sollte er sich einfach Musik anmachen. Das lenkte ihn möglicherweise von seinen Gedanken ab und half ihm, irgendwann doch noch ein bisschen Schlaf zu finden. Das war wenigstens ein Plan.


Ein Plan, von dem er eine Stunde später bemerkte, dass er nicht richtig funktionierte.
Er starrte immer noch an die Decke, als es draußen schon langsam etwas heller wurde. In nicht einmal zwei Stunden würde sein Wecker klingeln.
Er konnte es nicht glauben, dass er eine ganze Nacht damit verbracht hatte, sich Gedanken um eine Person zu machen, die ihn ständig anmotzte. Sowas bezeichnete er gewöhnlich als Zeitverschwendung.
Dann konnte er jetzt eigentlich auch aufstehen und schon mal seinem Training nachgehen. Das hätte den Vorteil, den Nachmittag komplett frei zu haben und damit konnte er sich über den müden Punkt kämpfen, der nun unweigerlich kam. Aber wenn er jetzt noch einschlief, würde er Gefahr laufen, den Wecker nicht richtig zu hören oder in seiner Schlaftrunkenheit auf alles zu scheißen.
Außerdem gab es da noch einen Mitbewohner, der heute auch gerne noch etwas von ihm haben würde. Da sollte er den Hintern lieber hochbekommen.
Also kalte Dusche...
Das mochte er gar nicht, aber das war der sicherste Weg, um wieder richtig wach zu werden.

Ob Lando diese Nacht ein Auge zubekommen hatte oder war der genauso am Grübeln gewesen, wie er selbst?
Und weshalb stellte er sich solche Fragen?
Er konnte nur den Kopf über sich selbst schütteln.
Er musste aufstehen.
Er brauchte eine kalte Dusche und eine lange Runde, um sich wach zu joggen.
Ansonsten würde er diesen Tag sicher nicht überleben, was seinen kreisenden Gedanken leider komplett egal war.
Zum Glück war er in diesem Moment nicht mehr alleine und bekam einen sehr guten Grund, endlich aufzustehen und ziemlich gerädert in diesen Tag zu starten.
Den Blick in den Spiegel vermied er aber ganz bewusst, denn er wollte nicht nachsehen, ob er so versumpft aussah, wie er sich fühlte.
Nur von einer Sache konnte er sich nicht abhalten.
Er musste Lando einfach noch eine Nachricht senden.

»Hey. Konntest du schlafen? Wie geht's dir heute?«

Papaya ClashesWo Geschichten leben. Entdecke jetzt