Next Step
Kapitel 8
England
8. Juni 2023
Oscar
„Und, wie lief's mit Lando?"
Es war nur eine Frage der Zeit gewesen, bis sie auf das Thema kamen.
Arthur wollte heute wieder nach Monaco zurück und da war es ihre letzte Gelegenheit, nochmal kurz zu reden, bevor sie sich erst einmal nicht treffen konnten. Nach Kanada reiste die Formel 2 nämlich nicht mit und irgendwie war es zu dem Nachmittag mit Lando ja auch nur gekommen, weil er Arthurs Ratschlag befolgt und einfach mal hartnäckig geblieben war.
„Es hätte schlimmer sein können", teilte er ihm also mit, während er noch einmal über ihr sehr skurriles Treffen nachdachte. Er hatte gestern Abend schon viel darüber nachgedacht. Er war sich echt nicht sicher, ob Lando tatsächlich nur ein großes Arschloch war oder ob da mehr hinter steckte. Er kam sich wie ein dummer Schuljunge vor, der in allen Menschen unbedingt das Gute sehen wollte. Wie man sich da täuschen konnte, dafür hatte er bereits genug Beispiele. Besonders das letzte Jahr hatte es ganz schön in sich.
„Erzähl mir bloß nicht zu viel", lachte Arthur ihn ein wenig aus, denn wenn er mal genau drüber nachdachte, hatte er ihm ja in der Tat überhaupt keine Information gegeben. Aber wie fasste er in Worte, wie dieser Tag mit Lando verlaufen war? Einerseits hatte er hin und wieder das starke Bedürfnis gehabt, ihm eine zu verpassen, dann sagte ihm irgendwas, dass das gar nicht Lando selbst sein konnte. Er mochte diese Unsicherheit nicht.
„Entschuldige. Ach, ich weiß nicht. Erst hat er wie üblich mit mir Streit gesucht, aber am Ende haben wir uns eigentlich ganz gut unterhalten", versuchte er sich also mal an einer Antwort, mit der Arthur ein wenig mehr anfangen konnte.
„Heißt das, der nervige Zoff ist damit vom Tisch?", wollte dieser auch direkt von ihm wissen, nur fielen ihm da direkt wieder die Worte vom Abschluss ihres Treffens ein. Vielleicht wäre es ja klüger gewesen, er hätte den Bogen nicht noch einmal zum Motorsport zurückgemacht. Nur, dass er dort mit Lando auskommen wollte, war ja das grundlegende Anliegen. Dafür würde er wohl noch eine neue Strategie brauchen.
„Schön wär's. Nein, er hat am Ende noch klargestellt, dass der Tag zwar gut gewesen sei, es an der Rennstrecke aber wie immer laufen wird", gab er mit einiger Ernüchterung in der Stimme zu. Das ging ihm dermaßen auf den Sack. Wenn er wenigstens konsequent wäre. Aber dass Lando in einem Moment ganz normal war und im nächsten loszickte, dass machte es so schwierig für ihn. Sowas war, als würde man zu jedem Treffen mit geladener Waffe erscheinen und sowas fand er überhaupt nicht gut.
„Das macht irgendwie keinen Sinn", wunderte sich auch Arthur über diese Aussage. Man konnte es auch nicht verstehen. Wenn man doch gar nichts gegeneinander hatte, wieso tat man sowas? Er hatte nicht einmal den Eindruck, dass es Lando gefiel, sich dauernd zu streiten und trotzdem provozierte er ihn fortwährend.
„In seiner Welt vermutlich schon. Aber was soll's? Ich kann ihn ja nicht dazu zwingen, sich anders zu verhalten", zuckte er schließlich mit den Schultern.
Was sollte er auch sonst machen? Lando hatte sehr deutlich verkündet, dass er sich da nicht ändern würde und er war gewiss niemand, der deswegen nicht mehr klarkam. Es hätte nur vieles leichter gemacht, wenn man sich so eine Scheiße klemmen würde.
„Und was willst du jetzt tun?", hakte Arthur nach, was ihn etwas verwundert dreinblicken ließ. Es war doch eigentlich sehr offensichtlich, oder nicht?
„Wieso?", fragte er zurück.
„Naja, das Problem besteht doch noch", sah Arthur das alles wohl aus einem etwas anderen Blickwinkel, als er selbst. Sicher, wenn man davon ausging, dass man das Problem noch lösen wollte, müsste ein neuer Plan her. Nur wozu?
„Ja, aber wie gesagt, es wird sich nichts ändern. Er war da schon ziemlich unmissverständlich", erinnerte er also daran, dass es wohl wenig Sinn machen würde, sich da noch mehr ins Zeug zu legen. Er hatte schließlich keine Lust, sich nun jedes Mal anmachen zu lassen oder selbst auszuweichen, damit Lando ihn nicht treffen konnte.
Das war gestern gar nicht so leicht gewesen, immer wieder so anzusetzen, dass Lando nicht wütend wurde. Er hatte eine kurze Zündschnur und man konnte an seinem Gesicht ungefähr eine Sekunde lang ablesen, dass er einem gleich verbal auf die Fresse schlug. Darauf jedes Mal zu reagieren, damit genau das nicht passierte, wäre eine Lebensaufgabe.
„Und davon lässt du dich abschrecken?"
War das so? Im Grunde war er schon jemand, der nicht beim ersten Hindernis sofort das Handtuch warf. Dann wäre er in diesem Sport auch falsch. Nur bezog er diese Denkweise in der Regel nicht auf Personen in seinem Umfeld. Man konnte niemanden dazu zwingen, sich so zu verhalten, wie man es selbst gerne hätte.
„Abschrecken nicht. Aber es scheint keinen Zweck zu haben, da noch mehr Energie reinzustecken. Wenn sich jemand nicht ändern will, dann kann man nichts tun." Wer wusste schon, welche Gründe der andere dafür hatte. Das ging ihn ja alles überhaupt nichts an.
„Was ist denn mit deinem Gefühl, dass da mehr dahinterstecken könnte?", hatte Arthur allerdings aufgepasst, als sie vorgestern Abend gesprochen hatten. Ja, da war dieses Gefühl, dass mehr dahinterstecken könnte. Doch auch das schien Lando nicht offenbaren zu wollen und engere Freunde oder Familienmitglieder wären dafür sicherlich die bessere Wahl.
„Ganz ehrlich, ich bin nicht gerade ein geduldiger Mensch. Das wird mir zu anstrengend", resignierte er lieber. Was sollte das auch? Energie steckte man lieber in Dinge, mit denen man wirklich was verändern konnte. Lando war ein wandelnder Absperrzaun. Er wollte sich daran nicht unnötig aufreiben.
Arthur musterte ihn einen Moment, schien mit dieser Antwort nicht ganz zufrieden zu sein.
„Aber wenn es nicht ganz schlecht gelaufen ist, besteht doch auch noch die Möglichkeit, dass sich was ändert. Bis gestern konntet ihr gar nicht miteinander reden. Jetzt habt ihr schon einen Nachmittag zusammen überstanden. Das sind Fortschritte. Willst du da echt schon aufhören?", gab Arthur zu bedenken und so konnte man es selbstverständlich auch sehen.
Das war mehr Fortschritt, als er ihnen jemals zugetraut hätte und normalerweise war er ehrgeizig genug, zu Ende zu bringen, was er anfing. Er wusste nur nach wie vor nicht so genau, wofür sich das lohnen sollte. Zumal, etwas über jemanden rausfinden auch immer bedeutete, ab einem bestimmten Punkt von sich selbst Dinge preisgeben zu müssen. Genau das wollte er vermeiden. Der Smalltalk gestern war genau das, was in Ordnung ging. Tiefer musste sowas nicht gehen. Nicht mit Fahrerkollegen.
„Deinen Optimismus will ich mal haben", entgegnete er, denn er glaubte nicht, dass Lando besonders viel Lust hatte, sowas zu wiederholen. Selbst, wenn es nicht schlecht gelaufen war. Sie waren doch komplett verschieden. Sie hatten nichts gemeinsam und bis von Landos Seite vielleicht auch mal sowas wie Initiative kam, würde er wohl ganz schön in Vorleistung gehen müssen. Wie er es auch drehen und wenden wollte, es lohnte sich am Ende nicht.
„Den kannst du dir gerne ausleihen. Mit Zinsen", schmunzelte Arthur und brachte ihn dazu, schmunzelnd den Kopf über ihn zu schütteln.
„Du spinnst echt", stellte er fest. Bei Arthur hörten sich Dinge oft sehr leicht an, aber er war eben auch niemand, der sonderlich viel über Dinge nachdachte. Eine wunderbare Eigenschaft, an der er selbst noch etwas feilte. Doch er war schon ganz gut darin.
„Und du solltest nicht so schnell aufgeben. Find lieber raus, ob an deinem Gefühl was dran ist", vertrat Arthur seine Meinung und er schätzte es, dass er ihm das so sagte.
Er hatte ja auch nicht unrecht. Wann immer ihm noch einmal die Szene am Flughafen in den Sinn kam, als Lando beinahe vor dieses Auto gelaufen war, wurde ihm durchaus etwas anders. Manchmal waren es eben kleine Dinge, die Hinweise gaben, dass etwas nicht in Ordnung war und wenn jeder wegsah, dann konnte es auch schnell böse ausgehen.
„Na schön. Ich werde es versuchen. Aber ich hab nicht viel Hoffnung, dass das funktionieren wird", entgegnete er. Denn selbst, wenn bei Lando etwas gehörig im Argen lag, war er sich ziemlich sicher, dass er selbst eine der letzten Personen auf diesem Planeten war, denen er davon berichten wollte.
Er würde Lando ja auch bestimmte Dinge von sich nie erzählen wollen.
Im Grunde wollte er sich auch viel lieber auf seine erste Saison konzentrieren. Er wollte Lando auf der Strecke schlagen, sich verbessern und sich nicht mit irgendwelchen Problemen beschäftigen. Das hatte er im Winter schon zur Genüge getan.
„Die brauchst du auch nicht. Reicht doch, dass du dranbleibst", zuckte Arthur noch mit den Schultern und brachte ihn einmal mehr zum Nachdenken.
Sollte er das machen? War es besser, dieser Sache nachzugehen, obwohl man sich eigentlich auf ganz andere Dinge konzentrieren sollte? Es konnte wohl nicht schaden, es zumindest noch einmal zu probieren. Was sollte schon passieren, außer, dass es am Ende nicht klappte?
„Ja. Vielleicht schon", gab er also zu.
Er war sich zwar noch nicht so ganz sicher, wie er das machen sollte, aber ihm würde schon etwas einfallen. Wenn es ihm zu blöd wurde, konnte er das Handtuch immer noch werfen.
Aber er konnte nicht leugnen, dass Arthur seinen Ehrgeiz durchaus ein wenig aktiviert hatte.
Nachdem Arthur irgendwann aber zum Flughafen aufgebrochen war, saß er noch eine Weile da und überlegte, ob er es noch einmal wagen sollte.
Er hatte noch das komplette Wochenende frei. Abgesehen vom straffen Trainingsprogramm und ein paar kleineren Terminen, stand bis zum Abflug am Montag nichts an. Es hätte sicher auch gereicht, erst am Dienstag nach Kanada zu fliegen, aber dann war der Jetlag immer so übel. Es war besser, wenn man sich ein paar Tage nahm, um sich etwas dran zu gewöhnen.
Aber diese Überlegungen halfen ihm nicht unbedingt, eine Entscheidung zu treffen. Im Grunde konnte er nur ausprobieren und dann sehen, was passierte. Entweder er würde eine halbwegs vernünftige Konversation bekommen oder Lando innerlich nach wenigen Sekunden an die Wand klatschen wollen. Mehr Optionen gab es im Grunde nicht.
Also, nicht lange nachdenken, sondern einfach mal was ins Handy tippen. Er rechnete nicht damit, dass er direkt eine Antwort bekommen würde und machte sich schon einmal auf den Heimweg, nachdem er nur kurz und knapp geschrieben hatte:
»Hey, alles klar bei dir?«
Er war kaum bis zur nächsten Straßenecke gekommen, als er schon eine Antwort bekam.
»Ja. Wieso?«
Wenn er nur wüsste, in welcher Tonlage der andere das jetzt sagen würde. Seine erste Eingebung war, dass Lando genervt oder desinteressiert war. Auf der anderen Seite würde es dann keinen Sinn machen zurück zu schreiben. Lando könnte ihn auch einfach ignorieren. Tat er aber offensichtlich nicht.
»Nur so. Wann fliegst du?«
Was Besseres fiel ihm auf die Schnelle auch nicht ein.
Nur, was sollte er auch Weltbewegendes schreiben? Er war ja kein Psychologe, der genau analysieren konnte, wie man zu einem Menschen durchdrang. Er konnte das auch alles nur nach Gefühl machen.
»Montag.«
Okay. Das war dann wohl doch ein kurzes Gespräch. Was sollte er dazu jetzt noch sagen? Da jetzt drauf zu antworten, dass es bei ihm genauso war und noch künstlich was in die Länge ziehen, wäre doch ziemlich bekloppt. Außerdem wirkte es wieder so, als würde Lando gerade keine Lust haben, irgendwie zu kommunizieren. Wieso er dann überhaupt schrieb...
Möglicherweise würde es für immer sein Geheimnis bleiben. Er überlegte gerade, ob ihm nicht doch noch was einfiel, als aber noch ein Wort von Lando zurückkam.
»Du?«
Für eine Frage, die aus einem kompletten Satz bestand, reichte es bei Lando gerade wohl nicht.
Aber daran wollte er sich gar nicht stören. Immerhin lief es tatsächlich mal wieder deutlich weniger bissig, als er geglaubt hatte. Nur, würde er sich da anpassen. Wenn Lando sich kurzfasste, machte er das auch.
»Auch. Termine?«
Es war echt schwer vorher zu sagen, wohin solche „Gespräche" mit Lando am Ende führten.
»Erst in Kanada. Du?«
Er ging mal davon aus, dass sie denselben, nicht erwähnenswerten Kleinkram auf der Liste hatten.
»Auch. Hast du am Wochenende was vor?«
Er lehnte sich mal wieder etwas weit aus dem Fenster.
Ob es gutes Timing war, wusste er nicht. Nur, wenn sie schon mal Zeit hatten, sollte man das vielleicht auch nutzen. An der Rennstrecke ging sowas ja wieder nicht, zumal Lando ja schon angekündigt hatte, dass dort alles beim Alten bleiben würde.
»Hast du keine anderen Freunde?«
Gut, da war die gewohnte Bissigkeit wohl doch wieder vorhanden.
Doch irgendwie brachte ihn das zum Grinsen, denn ein Detail entging ihm dabei nicht und darauf stieß er Lando auch direkt mal.
»Ich dachte, wir wären keine Freunde.«
Irgendwie wünschte er, dass er nun Landos Gesicht sehen könnte.
Ob es ihn in Verlegenheit brachte oder aus der Fassung. Ob er sich darüber ärgerte oder nur die Augen verdrehte.
»Wollte ich auch nicht sagen.«
Er ging mal davon aus, dass er ihn damit zumindest ein wenig erwischt hatte.
Es war aber weiterhin an ihm, diese Situation zu entschärfen und das sprichwörtliche Fass nicht zum Überlaufen zu bringen. Das ging schließlich schnell und er sollte sein Glück womöglich nicht zu stark herausfordern.
»Schon gut. Wenn du Bock hast, können wir noch was zusammen machen. Wenn nicht, auch okay. Dann nerv ich meine anderen Freunde.«
Na schön, es entsprach nicht unbedingt seiner Absicht zurück zu rudern, nur musste Lando ja auch merken, dass es auf alles, was er zu ihm sagte oder ihm gegenüber tat, auch ein Echo haben würde.
»Darauf reitest du jetzt wieder rum, oder?«
Das klang von Lando nicht sonderlich begeistert.
Aber, wenn sein Teamkollege dachte, dass er jemand war, der andere unbedingt ärgern musste oder dergleichen, lag er falsch.
»Das liegt ganz bei dir. Kannst es dir ja überlegen.«
Er beschloss, Lando den Ball einfach zurück zu spielen. Dann konnte der in Ruhe überlegen, was er damit machen wollte. Hauptsache, er schoss ihn nicht mit einer vernichtenden Heftigkeit zurück.
»Okay.«
Das konnte man dann wohl so stehenlassen.
Nicht gerade herzlich und nicht, was er normalerweise bereit wäre, für andere zu tun, aber noch würde er es einfach ausprobieren und sehen, ob er mal dahinterkommen würde.
»Gut. Dann noch viel Spaß.«
»Ja. Danke.«
Er wollte das Handy gerade wieder einstecken, als noch eine zweite Nachricht hinterherkam.
»Dir auch.«
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Papaya Clashes
Fiksi Penggemar⊱ Er sparte sich lange Begrüßungen und Erklärungen lieber gleich, als er Lando abpasste. Das war der letzte Versuch, den er unternehmen würde, um im Sinne des Teams besser mit ihm auszukommen. Wenn er ihm jetzt wieder blöd kam, dann würde er sich um...
