sloaneEs war ein eiskalter Tag im Dezember gewesen, als meine Mom, meine drei kleineren Schwestern und ich unser ganzes Leben in einen armseligen Haufen an Kartons stopften, Tickets für zwei Fähren kauften und uns den Leihwagen mieteten, der auf halber Strecke liegenblieb.
Dann fuhren wir los. Wir ließen alles hinter uns.
Ich erinnerte mich viel zu gut an diesen Moment:
Ich saß hinten auf der Rückbank und hielt Sophia und Alegria im Arm, die noch viel zu klein waren, um zu verstehen, was gerade passierte. Aber das mussten sie auch nicht. Es war besser, wenn sie es nicht wussten.Ana hingegen, die damals zehn war, verstand es.
Mit Tränen in den Augen hatte sie auf unser Haus zurückgeblickt und dann trotzdem genau wie unsere Mom die Schultern zurück gestrafft. Uns war klar, dass es ab diesem Tag kein zurück mehr gab.Wir kamen nach New York und verbrachten Tage im Auto, bevor wir die Wohnung in Manhattan ergattern konnten. Ab da begann meine Mom sich in ihre Schichten eines riesigen Krankenhauses zu stürzen. Sie versuchte so oft bei uns zu sein, wie sie nur konnte, aber das war schwierig. Ohne Geld hatten wir hier keine Zukunft. Es war also klar gewesen, dass ich mir sobald ich sechzehn war, auch einen Job suchte.
Und es war ebenso klar, dass ich viel arbeiten würde.
Die Schule und Arbeit gleichzeitig zu schaffen war hart und mich dabei um meine drei Schwestern zu kümmern, war noch härter. Aber das war mir egal. Ich würde sie niemals im Stich lassen, egal was passierte. Sie waren alles, was ich hatte.
»Sloane. Du hast dich also doch noch entschieden, meinen Unterricht mit deiner Anwesenheit zu beehren?«
Meine Augenlieder waren so unendlich schwer, dass ich kurz brauchte, bis ich meinem Physik Lehrer in sein Gesicht blicken konnte, das von tiefen Falten durchzeichnet war. Er hatte die buschigen Augenbrauen zusammengezogen und musterte mich.
»Es tut mir sehr leid, Mr Wellington. Meine Bahn...«
Ich hörte das leise Lachen der anderen. Natürlich lachten sie. Denn wer kam bitte mit der Bahn zur Springfield Academy? Morgens, pünktlich um acht, fuhr hier ein Sportwagen nach dem nächsten vor.
»Die Ausrede mit der Bahn wird langsam etwas langweilig, findest du nicht?«
»I- Ich...«, stotterte ich rum und suchte nach den passenden Worten, doch mein Kopf rauschte bloß. Mich vor den anderen zur Schau zu stellen, schien ihm aus irgendeinem Grund Spaß zu machen.
Vielleicht war er einer derjenigen, die der Meinung waren, dass ich für dieses Stipendium nicht geeignet war. Und vielleicht hatte er da sogar recht.Er stieß ein Seufzen aus, als hätte ich ihn soeben all seine Energie gekostet. »Setzt dich einfach.«
Es kümmerte mich heute ausnahmsweise nicht, ein hinterhältiges Flüstern zu hören, als ich mich durch die Bankreihen schob und nach einem freien Platz Ausschau hielt.
•
In der Mittagspause hatte ich mich nach draußen gesetzt. Es war angenehm sonnig, sodass ich während ich einen Berg an Hausaufgaben erledigte, von meiner Suppe essen konnte.
Während ich im Chemie Buch blätterte, flog mein Blick gedankenverloren über den Innenhof. Alles an Springfield war luxuriös, elegant und gleichzeitig klassisch gestaltet. Gekrönt wurden die imposanten Gebäude der Schule durch die Wolkenkratzer, die hinter den Mauern aus sandigem Backstein in den Himmel ragten.
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Until you are mine
Roman d'amourSloane tut alles dafür, um an der Springfield Academy nicht aufzufallen. Sie fühlt sich gerade erst in New York angekommen, und so wäre Drama an der Privatschule das allerletzte, was sie sich leisten kann. Denn zu tief sitzen die Schmerzen ihrer Ver...