Kapitel 18

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Ich wurde sanft von meiner Mutter geweckt und stand auf. Unter der Dusche wurde ich dann richtig wach und zog mich an. Heute würde ich zu Phil fahren! In der Küche hatte Mum mir schon mein Frühstück bereit gestellt. Als ich mit dem Essen fertig war, holte ich meinen Koffer, warf einige Sachen in meine Tasche, darunter meinen Geldbeutel und mein Handy, und stieg ins Auto ein. Zusammen mit meiner Mutter lief ich zum Gleis 4, wo mein Zug in weniger als zehn Minuten abfahren würde. Zum Abschied drückte ich Mum kurz und stieg dann ein, um mir einen Sitzplatz zu sichern. Als der Zug den Bahnhof verließ, stopfte ich mir meine Kopfhörer ins Ohr und verbrachte die zweistündige Fahrt mit Musikhören.
Ich sprang aus dem Zug und schaute mich um. Der Bahnhof war klein, mit nur zwei Gleisen, weshalb ich Phil schnell entdeckte. Ich lief zu ihm und umarmte ihn.
"Hii", rief er, wobei er das 'ii' ewig zog. Wir lachten und ich fühlte mich in der unbekannten Gegend sofort wohl. Auf dem Weg zu Phils Haus trug er meinen Koffer, so ein Gentleman. Wir redeten über dies und das und verstanden uns wie in alten Zeiten. Ich hatte ihn wirklich vermisst!
Die vier Tage gingen viel zu schnell vorbei. Wir unternahmen nicht sehr viel, einmal waren wir baden und einmal in der Stadt und im Kino, aber das mussten wir auch nicht. Wir hatten am Nichtstun genauso viel Spaß. Wir versprachen, und bald wieder zu treffen und ich stieg wieder in den Zug nach Hause.

Zu Hause angekommen, ruhte ich mich erstmal aus. Ich machte mir eine heiße Schokolade, krabbelte unter meine Bettdecke und sah mir einen Film an. Meine Gedanken schweiften aber schon ziemlich bald ab und landeten bei Daniel. Sollte ich mich von ihm verabschieden? Oder einfach ohne was zu sagen nach Frankfurt verschwinden? Aber vielleicht kam es etwas aufdringlich, wenn ich mich extra verabschiedete, wobei ich an den Wochenenden nach Hause kommen konnte und wir uns generell nicht sehr oft sahen? Ich entschied mich vorerst dagegen, vielleicht änderte ich meine Meinung aber noch.

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Ich warf meine Lieblingsjacke in den vollen Koffer und setzte mich anschließend darauf, damit ich ihn schließen konnte. Es war Freitagabend, der vorletzte Tag, bevor ich ihn dieses Internat gebracht wurde. Meinen riesigen Koffer stellte ich in die Ecke neben der Tür und setzte mich auf mein Bett. Plötzlich klopfte es an der Tür und der Kopf meiner Mutter erschien.
"Willst du noch was mit Lukas und mir machen, so als Familie? Zum Beispiel etwas spielen?", fragte sie und lächelte. Ich schüttelte den Kopf, ich hatte es ihr immernoch verziehen, dass sie mich in ein Internat steckte.
"Wir spielen auch das, was du möchtest. Oder wir spielen gar nichts, sondern schauen einen Film." Man merkte an ihrer Stimme, dass sie etwas verzweifelt war. Aber stur wie ich war, schüttelte ich wieder den Kopf und griff nach meinem Handy, um ihr zu zeigen, dass das Gespräch für mich beendet war. Meine Mutter seufzte und schloss die Tür hinter sich. Ich seufzte auch und legte mein Handy wieder neben mich. Dann ging ich duschen und kuschelte mich in mein Bett, das ich jetzt nur noch zweimal benutzen konnte. Mit dem Gedanken schlief ich gleich ein.

Wirklich. Was mir wirklich auf die Nerven geht, war, dass ich immer von meinem schrecklichen Klingelton geweckt wurde. Ich musste ihn jetzt ernsthaft mal ändern.
Jedenfalls klingelt mein Handy und ich murmelte ein: "Hallo?"
"Layla!", kreischte Mara.
"Uh, willst du meine Ohren töten? Weißt du wie spät es ist?!", fing ich an, mich zu beschweren.
"Es ist exakt 7 Uhr 23 und 14 Sekunden", prahlte Mara.
"Schön für dich", schnauzte ich. "Was willst du?"
"Mit dir reden."
"Um die Uhrzeit? Du hast 'nen Schuss!" Ich stand jammernd auf und öffnete die Jalousien.
"Du hast heute nichts vor, nehm ich an", meinte sie, wobei es mehr nach einer Frage klang, weshalb ich einen zustimmenden Ton von mir gab.
"Perfekt!" Sie klatschte wohl in die Hände und ich zog verwirrt eine Augenbraue hoch.
"Du kommst heut nachmittag zu mir. So um halb vier, okay?", erklärte Mara und ich stimmte zu. Plante die was?
"Und warum rufst du mich dann um 7 Uhr 24 und 13 Sekunden an? Das hätte doch auch noch um 12 gereicht", motzte ich grinsend.
"7 Uhr 23 und 14 Sekunden", korrigierte sie mich. "Ich muss doch klarstellen, dass du dich nicht verabredest." Sie lachte und legte auf. Ich schüttelte lachend den Kopf. Ich war froh, sie zu haben.
Als ich dann fertig angezogen und seelisch auf Mara vorbereitet war, stapfte ich von der Tür zur Bushaltestelle, wo ich mich dann in das Bushäuschen setzte. Kurz darauf kam der Bus und ich musste einmal umsteigen, um bei Mara zu landen. Während ich klingelte, sah ich auf die Uhr. Es war ziemlich genau halb vier. Perfekt getimet, würde ich sagen. Mara öffnete die Tür und ich wollte sie gerade umarmen, als sie einen Schritt nach hinten trat und ich einen Blick hinter sie warf. Dort stand die halbe Klasse und rief: "Überraschung!" Das war ihnen gelungen, überrascht war ich in der Tat. Ich starrte die Gruppe einfach nur an und sie starrte zurück, wobei sie anfingen, sich unwohl zu fühlen. Bis Mara sich räusperte und mich somit zurück in die Gegenwart holte.
"Ehm, danke, leute!" Ich grinste schief und ging ins Haus. Hinter mir schloss ich die Tür und zog meine Schuhe aus. Die anderen waren schon in den Keller verschwunden, nur noch Mara und Sophie da, die ich schnell umarmte.
"Mara!", rief ich und hielt ihre Arme fest. "Warum hast du das getan?"
"Du tust mir weh", lachte Mara und befreite sich aus meinem ziemlich festen Griff. "Bedank dich doch lieber!"
"Warum sollte ich mich bedanken? Warum sind die Menschen alle da? Warum hast du sie eingeladen?" Mara zeigte grinsend mit dem Daumen auf Sophie, die jetzt auch anfing zu lachen.
"Layla, du bist jetzt nicht mehr in unserer Klasse und das wollten wir feiern", erklärte sie todernst und brach dann in lautes Lachen aus.
"Oh ja, dankeschön", motzte ich gespielt beleidigt und stimmte dann in ihr Lachen mit ein.
"Naja, siehs positiv", meinte Mara und hackte sich bei mir unter. "Immerhin gibt es Kuchen." Lachend boxte ich ihr in den Arm und ließ mich dann von ihr in den Keller ziehen. Dort platzierte sie mich auf der Couch und lief zum Laptop, der auf dem Tisch am anderen Ende des Raums stand und an den Beamer angeschlossen war. Dort erschien ein Bild von mir aus der fünften Klasse. Da war ich ja noch süß.
"Weißt du noch? Das warst du in der fünften Klasse", fing Sarah, ein Mädchen, das schon immer in meiner Klasse war, an. "Damals warst du unzertrennlich mit Phil gewesen. Echt, ich hab oft versucht, mit dir zu reden, oder dich einfach zu fragen, ob wir mal was ausmachen wollen, aber das habe ich nie geschafft!" Sie lachte und zeigte noch ein paar mehr Bilder von mir in dieser Jahrgangsstufe. Dann kam Simon zum Laptop und zeigte ein paar Bilder von der sechsten Klasse.
"Ich glaube, die sechste war nicht so leicht für dich, oder? Phil war weggezogen und du warst alleine." Ich hatte meinen Mitschülern nie erzählt, was mit meinem Vater passiert war.
"Aber auch wenn ich es oft versucht habe, ich konnte Phil nie ersetzten", schloss Simon seinen Satz und dann kamen noch zwei andere, die auch Bilder zeigten und ein paar Sätze dazu sagten, bevor Mara ein paar von unseren Selfies und Videos einblendete.
"Layla", seufzte Mara. "Du warst echt 'ne harte Nuss. Es war echt schwer, dich zu überzeugen, dass es mit mir echt lustig sein kann. Und als du das dann endlich geschnallt hast, sahst du auch nicht mehr so traurig aus. Also würde ich sagen: Ziel erreicht. Aber jetzt steht dir eine neue Tür offen, jetzt kannst du dir wieder neue Freunde suchen. Und ich habe eine Bitte an dich. Okay nein, ich hab zwei. Erstens: vergiss mich nicht. Und zweitens: mach es deinen neuen Mitschülern nicht so schwer, sich mit dir anzufreunden!" Als sie ihre kleine Präsentation beendete, formten sich kleine Tränen in ihren Augen und ich lief zu ihr, um sie zu umarmen.
"Ich geb mein Bestes", flüsterte ich in ihre Haare. Als ich mich aus der Umarmung löste, bedankte ich mich bei allen und Mara eröffnete das kleine Büfett, das ich erst jetzt entdeckte. Mara nahm meine Hand und ging mit mir aus dem Raum.
"Weißt du, was ich dir damit sagen will?", fragte sie und wischte sich eine Träne von der Wange. Als ich nicht reagierte, meinte sie: "Du warst deinen Klassenkameraden nicht egal. Sie wollten dich in die Gemeinschaft mit aufnehmen, aber du hast dich aus allem rausgehalten. Jetzt gehst du auf eine neue Schule mit neuen Leuten. Halt dich nicht raus, sondern versuch dich einzubringen. Dann findest du neue Freunde und bist nicht allein. Dadurch wird es da nicht schlimm, im Gegenteil, wenn du versuchst, Freunde zu finden, fühlst du dich dort wohl. Vielleicht findest du es dort irgendwann so schön, dass du gar nicht zurück willst! Layla, versprich mir, dass du es wenigstens versuchst." Mir kamen die Tränen. Ganz fest drückte ich sie an mich und versprach es ihr. Eine Weile standen wir einfach nur da und genossen die Umarmung, bis wir uns wieder auf den Weg in den Keller zu machen, um noch was von dem Essen abzubekommen. An diesem Abend feierte ich einfach nur und redete mit all den Leuten, die ich in den letzten Jahren nicht einmal gegrüßt hatte. Und es tat gut. Ich würde es in Frankfurt versuchen. Mara zuliebe. Dad zuliebe. Und mir zuliebe.

Aber er ist mein Cousin!Wo Geschichten leben. Entdecke jetzt