Zuflucht?

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Ich glaube das nicht. Das kann nicht Harry's Ernst sein. Wieso zur Hölle soll ich mich ändern? Das kann er nicht von mir erwarten. Ich bin so wie ich bin und dass soll auch so bleiben, Apokalypse hin oder her! Und das nur, weil ich nicht wollte, dass er das Mädchen erschießt? Das kann er einfach nicht ernst meinen.

Ich laufe die Treppen hinunter, um nachzusehen ob Harry mittlerweile wieder da ist. Er ist vorhin gegangen um ein bisschen den Kopf frei zu kriegen und eine Beschäftigung zu finden, hat außer seiner Pistole alles hier gelassen. Da er unten nirgends zu finden ist, beschließe ich draußen nach ihm zu suchen. Ich nehme mein Messer und stecke mir meine Pistole in den Holster, den ich mir rasch umschnalle. Die Tür schließe ich hinter mir. Als erstes sehe ich hinter dem Haus nach, vielleicht hat er sich dort ein wenig hingesetzt. Nachdem ich Harry dort nicht finden konnte, laufe ich die Straße entlang. Eigentlich müsste ich ihn relativ leicht finden, hier gibt es keinen Wald oder ähnliches, wo es schwer werden könnte, nach ihm zu suchen. Ich arbeite mich die ganze Nachbarschaft entlang. Außer Beißern bin ich aber niemandem begegnet.

Was ist, wenn er gegangen ist, also richtig gegangen ist? Er seine ganzen Sachen hier gelassen hat und sich auf dem Weg alles was er braucht zusammen sucht? Ich denke nicht, dass er wegen so etwas glich verschwindet, so ist er nicht, oder? Wenn er weg ist, bin ich am Ende. Ich schaffe das nicht ohne ihn. Er ist der Grund, weshalb ich überhaupt noch am Leben bin. Ohne ihn wäre ich wahrscheinlich schon an dem Tag unserer ersten Begegnung drauf gegangen. Er war derjenige, der uns immer mehr oder weniger sichere Unterschlüpfe suchte, uns sicher durch die Beißer Horden brachte. Wir haben schon so viel durchgemacht und jetzt, wenn er sich wirklich dazu entschlossen hat. Er lässt mich doch nicht in dieser grausamen Welt allein zurück. Ich habe doch niemanden mehr. Wie könnte er mir das antun?!

Gefühle gemischt aus Trauer und Wut kommen in mir auf. Einerseits bin ich traurig über seine mögliche Flucht. Anderseits kann ich es einfach nicht glauben, dass ich Harry anscheinend so egal bin, dass er mich zurück lassen könnte.

_____

Erst jetzt, in der Abenddämmerung, komme ich zurück. Die ganze Zeit suchte ich nach Harry aber keinerlei Spur, als wäre er vom Erdboden verschluckt. Dass er von den Beißern erwischt wurde? Nein, Harry ist stark genug, er wird mit denen fertig. Er hat uns zusammen das Überleben gesichert, dann wird er es erst recht schaffen, allein zu überleben. Ohne mich als Hindernis. Mir gehen seine Worte nicht aus dem Kopf.

"Und wenn du so feinfühlig bist, dann bist du ein Hindernis. Du zeigst Gnade, und genau das ist es, was uns früher oder später den Tod bedeuten könnte."

Bin ich wirklich so ein großes Hindernis für ihn, dass er denkt, er könne mit mir nicht überleben? Niedergeschlagen drücke ich die Tür auf, trete ins Haus und schließe sie wieder hinter mir. Ein Blick in die Ecke verrät mir, dass unsere Rucksäcke immer noch alle da sind. Zum Glück! Ich atme tief aus und stemme meine Hände in die Seiten. Grübelnd lasse ich meinen Blick durch den Raum schweifen. Und was soll ich nun tun? Sehr viel gibt es nicht mehr, was mir gegen die Langeweile hilft. Früher hätte ich mich vor den Fernseher gesetzt, aber jetzt fällt diese Option aus. Ich verlasse das Wohnzimmer und gehe nach oben. Mein Weg führt mich in das vermutliche Schlafzimmer. An der Wand steht etwas mittig ein großes Bett, gegenüber ein großer Schrank und daneben Regale. Eine weitere Tür befindet sich an der Wand. Ich sehe mich kurz um, steuere gezielt auf den kleinen Nachttisch zu, der neben dem Bett steht. Ich greife vorsichtig nach einem weißen Bilderrahmen, schaue mir das Bild darin genauestens an. Zwei ältere Menschen sind darauf abgebildet, eine Frau und ein mann, wahrscheinlich das Ehepaar welches hier lebte. Sie haben ein breites Lächeln auf dem Gesicht, sehen mehr als glücklich aus. Dieses Bild allein ist der Grund dafür, weshalb ich Lächeln muss. Es ist so schön, jemanden in dieser Welt lachen zu sehen, auch wenn es nur auf einem Bild ist. Es kommen mir die Zeiten vor dieser ganzen scheisse in den Kopf. Wie ich mit meiner Familie immer Fotos geschossen hatten, wenn wir so unterwegs waren und sich die Gelegenheit bot, schöne und viele Familienfotos zu schießen. Mit diesen Bildern schießen mir auch sofort die Bilder meiner toten Familie in den Kopf. Wie meine Mutter und mein Bruder da liegen, voller Schrammen und Blut. Mein Vater musste ich zum Glück nicht in diesem Zustand sehen, anderseits, wenn er auch dort gelegen hätte, wüsste ich wenigstens wo er ist. So gerate ich immer in ein schreckliches Kopfkino was meinem Vater alles passiert ist. Plötzlich kommt ein lautes Poltern von unten. Ohne zu zögern ziehe ich mein Messer aus dem Holster und halte es schützend vor mich. Schritt vor Schritt laufe ich auf die Treppe zu, die mich nach unten führt. Ich bleibe auf der Stufe stehen, so dass ich für, egal was mich da unten erwartet, unentdeckt bleibe. Ich senke mein Messer erleichtert, als ich nur den Lockenkopf im Wohnzimmer auffinde. Er kniet auf dem Boden, hebt Bücher auf.

Keep me aliveWo Geschichten leben. Entdecke jetzt