Kapitel 1

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  Seit meiner Abreise sind nun schon zwei Monate vergangen. Ich hätte nie gedacht, dass ich mich so schnell bei der Gastfamilie einleben könnte und dass es noch so viele andere au- Pairs in der Gegend gibt. Meine Gasteltern Mary und Declan sind bezaubernd, ebenso ihre Kinder Grace, Kate und Conor. In der Anfangszeit konnte ich noch von meiner Vorgängerin lernen,sodass ich schnell mit den Aufgaben vertraut wurde. Es zahlte sich tatsächlich aus, dass meine Mutter mich zuvor so mit ihrem Programm genervt hatte. Inzwischen ist auch Christin in Irland eingetroffen. Ich gab ihr eine Woche Eingewöhnungszeit, aber dann habe ich sie sofort mit meiner Anwesenheit beehrt. Sie wohnt ganz idyllisch in einer Vorstadt von Cork und hat ebenfalls drei Kinder zu betreuen. Ihre Gastmutter ist alleinerziehend, weshalb sie auf Christins Hilfe wirklich angewiesen ist.Heute haben wir aber beide unseren freien Tag und verbringen ihn in Cork, um zu reden und im Pub auch andere au- Pair zu treffen.Nach Feierabend sind die Pubs völlig überlaufen, sodass wir nur mit Mühe einen Platz in einer ruhigen Ecke finden. Bald gesellen sich noch zwei weitere Mädchen zu uns, die ebenfalls in der Nähe wohnen und die denselben Sprachkurs besuchen, wie Christin und ich.Um uns herum unterhalten sich die Menschen über ihren harten Arbeitstag und trinken Guinness, ein dunkles Bier, auf das die Iren richtig stolz sind. Christin und ich wollen es auch mal probieren, denn das gehört einfach dazu.„Wer will auch ein Bier?", frage ich in die Runde. Als alle nicken, stehe ich auf und gehe zur Bar. Dort ist noch mehr los als im Rest des Pubs. Doch endlich bin ich an der Reihe und bestelle vier Guinness. Der Wirt zieht fragend eine Augenbraue hoch. Normalerweise bestellt hier keiner unter zehn Guinness, denn Iren trinken in großen Runden. Dann stellt mir trotzdem ein Tablett mit vier Gläsern auf den Tresen und kassiert das Geld. Ich bin sehr froh,dass ich in Euro bezahlen kann, denn so komme ich nicht in Versuchung, umzurechnen und mich darüber aufzuregen, wie teuer es in der anderen Währung ist.Schwungvoll drehe ich mich um. Ich hätte es nicht tun sollen, denn hinter mir steht – nun pitschnass – ein junger Mann. Ich habe ihm in meinem Elan die Biere über sein teures Hemd geschüttet. Schnell stell ich das Tablett ab und sehe ihn flehend an. Hoffentlich tötet er mich jetzt nicht.„Das tut mir unendlich leid, wirklich. Ich habe dich nicht gesehen und nun ist dein Hemd ruiniert", rede ich drauflos. Er schweigt.„Verstehst du mich überhaupt?", frage ich ihn, denn es kann ja sein, dass er ebenfalls ein Ausländer ist.„Ich habe dich sehr wohl verstanden. Und mir tut auch leid, was mit meinem Hemd passiert ist", meint er und ich höre seinen englischen Akzent. Mittlerweile kann ich Original Engländer von den Iren unterscheiden, worauf ich echt stolz bin.„Gib es mir und ich wasche es dir, okay?", biete ich an.Lachend sieht er auf mich herab. „Das hättest du wohl gern. Ich gebe dir doch nicht mein Hemd, wer weiß, was du damit machst."Verwirrt sehe ich in seine blauen Augen. Mir fällt auf, dass er auch rotes Haar hat wie ich. Ein toller Zufall. Irgendwie ist er mir sympathisch, aber irgendwie auch nicht. Ihm geht es bestimmt nicht anders, denn ich habe gerade sein Outfit ruiniert. Christin hat ja schon manchmal einen Tisch vorm Kopf, aber ich habe sie soeben übertroffen, was Tollpatschigkeit betrifft.„Was soll ich denn damit machen, außer waschen? Wirklich, ich bringe es dir auch wieder",sage ich ernst. Mary wird hoffentlich keine unangenehmen Fragen stellen.„Und was soll ich deiner Meinung nach stattdessen anziehen?", fragt er belustigt. Hinter ihm tauchen nun auch seine Freunde auf. Das wird immer peinlicher. Wo sind meine Freunde,wenn ich sie mal brauche? Ich schiele an dem Fremden vorbei und sehe die anderen überlustige Geschichten lachen. Super!„Du könntest deine Jacke anziehen", schlage ich vor und bin froh, dass mir so schnell eine Alternative eingefallen ist. Er wendet sich zu seinen Freunden um.„Hol meine Jacke und komm dann zur Toilette", befiehlt er einem von ihnen. Der führt den Befehl ohne zu fragen aus.„Und wir beide sollten schon mal vor gehen, denn ich ziehe mich bestimmt nicht in der Öffentlichkeit aus", sagt er zu mir und schiebt mich voran. Vor der Tür zum Männerklo bleibe ich stehen und werde von seinen Freunden bewacht. Kurz darauf kommt er wieder heraus und hält mir sein nasses Hemd hin.„Wir treffen uns in drei Tagen zur selben Zeit wieder hier und wenn du nicht auftauchst, finde ich dich", droht er und ich nicke nur eingeschüchtert. Ich stehe immer noch da, obwohl er mit seinen Freunden den Pub schon längst verlassen hat.Wo verstecke ich das Hemd? Ich kann damit doch nicht rum laufen, das ist pitschnass und tropft den ganzen Boden voll. Ich gehe zu Christin, die ungeduldig auf mich wartet.„Wo sind die anderen?", frage ich.„Sie sind gegangen. Das mit dem Bier dauerte ihnen zu lange. Wo warst du überhaupt und was hast du da in der Hand?", will sie wissen.„Das ist mir jetzt echt peinlich: ich habe einem Mann das Bier auf sein Hemd gekippt und nun muss ich es waschen und in drei Tagen abgeben."Christin kann sich ihr Lachen nur schwer verkneifen. „Ach, Tori, wer von uns beiden hat hier den Tisch vorm Kopf?"Wir verlassen möglichst unauffällig den Pub und ich stopfe das Hemd in meine Tasche.Hoffentlich trägt mein Handy keinen bleibenden Schaden davon.„Wir sehen uns also in drei Tagen", sage ich zu Christin, als diese in das Auto steigen will.„In drei Tagen muss ich mit Kiera zum Arzt, da kann ich nicht dabei sein, wenn du ihm das Hemd wiedergibst."Na toll, denke ich frustriert.„Okay, ich rufe dich nach dem Treffen mal an", sage ich und steige in mein Auto. An das Linksfahren habe ich mich gewöhnt und es ist gar nicht so schwer, wie es scheint. Man fährt eben nur auf der anderen Straßenseite. Mit den Geschwindigkeitsbegrenzungen habe ich es nicht so genau, denn ich liebe schnelles Fahren.Also fahre ich schleunigst durch Cork hindurch nach Whitechurch, wo meine Gastfamilie ihren Wohnsitz hat. Declan besitzt seine eigene Milchfarm und arbeitet deshalb rund um die Uhr. Als ich ankomme, scheint Mary schon zu Hause zu sein.„Hallo Viktoria, wie war dein Tag?", fragt sie freundlich.„Es war sehr schön und interessant", antworte ich wahrheitsgemäß. Interessant war es auf jeden Fall.„Oh, hat es geregnet? Deine Tasche tropft ja so", sagt sie.Ich sehe hinunter auf meine Tasche. Verdammt! Dieses Hemd ist so nass, dass es selbst meine Tasche durchweicht.„Du hast recht, ich sollte sie besser schnell ausräumen und trocknen", sage ich und renne die Treppe hinauf in mein Zimmer. Dort kippe ich den Inhalt der Tasche auf den Boden. Sofort bildet sich dort ein großer, dunkler Fleck. Ich hätte vor dem Ausschütten nachdenken sollen.Schnell hole ich ein Handtuch aus dem Bad gegenüber und lege den Inhalt meiner Tasche darauf aus, damit es trocknen kann. Um mein Handy muss ich mich später kümmern, jetzt hat erstmal das Hemd Vorrang. Da vor der Waschmaschine schon Wäsche liegt, muss ich das Hemd wenigstens nicht allein waschen. Ich werfe es mit Unterhemden und Handtüchern hinein. Kochwäsche kann bei der Verschmutzung nicht schaden, finde ich. Im Gegenteil,danach kann das Hemd nur sauber sein.Während die Waschmaschine rattert, sehe ich mir mein Handy an. Es zeigt noch Lebensgeist und ich hoffe, dass es das aushält. Ich kann es mir nicht leisten, ein neues Handy zu kaufen. Hinter mir höre ich ein Kichern. Grace und Kate sind in mein Zimmer gestürmt und lachen über die große Pfütze auf dem Teppich.„Was ist da passiert?", fragt Grace neugierig.„Tja, mir ist die Gießkanne aus der Hand gefallen", lüge ich. Wie sollte ich Kindern auch erklären, was für Mist ich gebaut habe?„Wenn ihr möchtet, könnt ihr mir helfen, alles sauber zu machen und dafür erzähle ich euch heute Abend ein schöne Geschichte", schlage ich vor. Damit habe ich beide Mädchen überzeugt, denn sie wischen eifrig auf dem Teppich herum. Die beiden mögen deutsche Märchen und Geschichten und ich bemühe mich, sie in fehlerfreies Englisch zu übersetzen.Das ist nicht ganz einfach und alle haben ihren Spaß dabei.Gemeinsam schaffen wir es, dass der Teppich vom meisten Wasser befreit ist.„Vielen Dank", sage ich erleichtert. „Dafür erzähle ich euch zwei Geschichten."Jubelnd verlassen Grace und Kate mein Zimmer und ich werfe mich erschöpft aufs Bett. Zum Lesen habe ich keine Lust. Mir gehen andere Dinge durch den Kopf.Wäre ich nicht so tollpatschig gewesen, hätte ich nun nicht diese ganzen Probleme gehabt. Ich kenne nicht einmal den Namen des Mannes. Er kennt meinen zum Glück auch nicht. Seine Freunde haben einschüchternd auf mich gewirkt, aber ich kann nicht genau sagen, wieso. Lag es vielleicht an ihrem untypischen Verhalten? Wären sie Freunde gewesen, hätten sie doch anders reagiert und mehr Witze gemacht. Doch diese Jungs waren total ernst gewesen und hatten auf die Befehle des Mannes gewartet. Bestimmt ist er so ein arroganter Schnösel, der es gewohnt ist, zu kommandieren und seinen Willen durchzusetzen. Wäre er nicht einigermaßen gut aussehend, würde ich ihn unsympathisch finden. Doch irgendeinen Reiz hat er.Ich warte ungeduldig auf das Ende der Kochwäsche. Es ist zwar schon reichlich spät, doch ich kann das Hemd ja in den Trockner legen.Aber als ich das Hemd sehe, erstarre ich. Es ist eingelaufen! Kann der Tag noch schlimmer werden? Was soll ich denn nun machen? Er will das Hemd in drei Tagen wieder zurück, aber nun ist es auf Kindergröße geschrumpft. Dafür wird er mich ganz sicher töten.Die andere Wäsche stecke ich in den Trockner, aber das Hemd nehme ich mit in mein Zimmer. Mit zitternden Fingern suche ich nach dem Schild, um die Marke herauszufinden.Mein Laptop ist schon startbereit und wartet nur auf meine Eingabe.„Hugo Boss", stöhne ich. Das Hemd ist wahrscheinlich super teuer und ich kann es mir nicht leisten. Trotzdem suche ich im Internet nach Hemden dieser Marke und werde tatsächlich fündig. Es wäre dasselbe grüne Modell und kostet unglaubliche hundertfünfzig Euro.Wer kauft sich solche Kleidung? Mir wären schon fünfzig Euro dafür zu viel. Dieser Mann hat eindeutig zu viel Geld.In meiner Not rufe ich Christin an. Im Hintergrund höre ich den Fernseher laufen, also geben die Kinder wenigsten Ruhe.Ich schildere ihr mein Problem, was sie natürlich nur zum Lachen bringt. Wahre Freunde lachen eben erst, bevor sie dir helfen.„Was soll ich denn machen?", frage ich aufgeregt.„Gib es ihm doch so zurück", lacht Christin weiter.„Das kann ich nicht machen. Der denkt sonst, ich verarsche ihn", sage ich.„Dann kaufe ihm ein neues", schlägt sie vor.„Ich habe im Internet danach gesucht. Das Hemd kostet hundertfünfzig Euro!"Ihr Lachen er stirbt. „Ernsthaft? Wer kauft sich denn so was?"„Ich wünschte, ich hätte das Bier auf jemand anderen gekippt. Der bringt mich garantiert um,wenn er das sieht", jammere ich.„Okay, pass auf, Tori, ich habe eine Idee: kauf ihm ein ähnliches Hemd von einer anderen Marke. Der Unterschied fällt ihm bestimmt erst auf, wenn du schon weit weg bist. Dann kann er dir nichts mehr tun", sagt sie und ich bin froh, endlich mal eine produktive Idee aus ihrem Mund zu hören.„Christin, manchmal bist du ein Genie!", lobe ich sie überschwänglich. „Aber sicher doch, Tori", sagt sie noch, bevor sie auflegt. Mein Abend ist gerettet. Gleich morgen werde ich ein neues Hemd für den Mann kaufen.


Ich schwöre, ich höre nie wieder auf Vorschläge von Christin. Cork hat viele Geschäfte, in denen Kleidung angeboten wird, aber scheinbar keines, wo es dieses Hemd gibt. Nicht mal ein ähnliches Modell. Ich bin am Verzweifeln. Das eingelaufene Hemd ist in meiner Tasche,damit es als Anschauung dient. Kein Verkäufer konnte mir bisher helfen. Scheinbar sind die türkischen Plagiate noch nicht bis nach Irland gekommen, dann hätte ich nun ein Problem weniger. Völlig frustriert schlendere ich durch die Straßen. Ein Hugo Boss Geschäft gibt es hier nicht.Auch kein Geschäft mit anderen Luxusmarken. Ich gönne mir einen Burger bei McDonalds und gehe weiter. Die vielen Geschäftsleute bestellen sich ihre Anzüge und Hemden bestimmt im Internet. Aber das hätte zu lange gedauert und ich hätte die Rechnung nicht bezahlen können. Wie es aussieht, bleibt mir keine andere Wahl, als das Hemd in Kindergröße bei ihm abzugeben.  

Story of my Life - Ein englisches GeheimnisWhere stories live. Discover now