Kapitel 13

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„Hallo, Amelie", begrüßt Henry die Haushälterin. „Ich werde dir gleich alle Fragen beantworten, aber vorher möchte ich dir noch jemanden vorstellen."
Er schiebt mich ein Stück nach vorn, damit ich in Amelies unmittelbares Sichtfeld rutsche.
„Das ist Viktoria", stellt Henry mich nun vor.
„Hallo", sage ich schüchtern. Amelie schüttelt kräftig meine Hand.
„Viktoria ist ein reizender Name!", schwärmt sie mir vor. „ Ich habe eine Nichte, die so heißt. Und glauben Sie mir, mit ihr ist es nicht immer einfach. Deshalb bin ich stets froh, wenn sie wieder fährt."
So viel wollte ich jetzt eigentlich nicht wissen. Amelie ist bestimmt keine gute Geheimnisverwahrerin.„Ich freue mich, Sie kennenzulernen", sage ich freundlich. Sie ist nett zu mir, da bin ich auch nett zu ihr.
Amelie watschelt voraus durch das Schlösschen. Wir kommen an zahlreichen Zimmern vorbei und erreichen schließlich die Küche, in der es köstlich durftet. Unweigerlich drängt sich mir die Frage auf, für wen Amelie kocht, wenn Henry nicht da ist? Da ist sie bestimmt allein hier – mit Baby. Henry zeigst sein strahlendstes Lächeln.
„Du hast für uns gebacken?"
„Aber natürlich, mein ... Henry!", antwortet sie, als wäre es das Selbstverständlichste auf der Welt. „ Du magst doch meine Erdbeer- Schoko –Torte."
Nicht nur Henry mag Erdbeeren und Schokolade, auch ich.
„Setzt euch doch, ich bringe euch gleich ein Stück", meint die Haushälterin und zeigt auf den Küchentisch. Die Küche an sich ist groß genug, um eine Großküche zu sein. Überall stehen glänzende Pfannen und Töpfe herum.
„Ist sie sonst allein hier?", frage ich Henry.
„So allein ist sie auch wieder nicht. Sie hat Baby und den Gärtner", antwortet Henry. „Amelie hat keine eigenen Kinder, deshalb schwärmt sie so von ihrer Nichte."
„Dann legt sie ihre ganze Liebe in ihr Essen", bemerke ich. Ein bisschen tut mir die dralle Haushälterin schon leid.
„In gewisser Weise schon. Aber Amelie mag es so, wie es ist. Sie ist der lebensbejahendste Mensch, den ich kenne", meint er nachdenklich.
„Wie bist du auf dieses Schlösschen gekommen?", wechsel ich das Thema. Diese Frage scheint ihm unangenehm zu sein, denn er antwortet nicht sofort.
„Ich habe es bei einem Ausflug hier entdeckt. Meine Eltern hatten Will und mich auf Wanderschaft geschickt und da fand ich das kleine Schloss. Es gefiel meinen Eltern so gut, dass sie es gekauft haben", erklärt er schließlich.
Ich würde auch einfach mal so ein Schloss kaufen, weil es meinen Kindern gefällt. Tolle Sache! Meine Eltern haben mir nicht mal ein Bonbon gekauft, weil es mir gefiel.
„Das ist sehr großzügig von ihnen gewesen", meine ich. Ein bisschen neidisch bin ich schon.
„Ja, das kann man so sagen", sagt Henry und ich merke, dass er das Thema dabei belassen möchte. Also schön, wir können auch über andere Dinge reden.
Aber bevor ich dazu komme, bringt uns Amelie schon die Torte.
„Esst soviel ihr wollt", sagt sie. Die Torte ist dreistöckig und aus purer Schokolade mit Erdbeeren dazwischen. Ein Traum!!!
Sie teilt uns Stücke ab und ich staune über die vollendete Perfektion dieser Backkunst. Meine Kuchen sehen nie so aus.
„Ich wünsche euch guten Appetit", sagt sie und lässt uns wieder allein.
Henry schafft es doch tatsächlich, die einzige herzförmige Erdbeere aus dem Kuchen zu fischen und legt sie mir auf den Teller.
Total süß!
„Danke", sage ich und werde bestimmt ganz rot. Bei Sommersprossen dürfte das eigentlich nicht so auffallen, aber ich bin froh, mich im Moment nicht im Spiegel ansehen zu müssen.
„Ich weiß, wir haben heute nicht mehr viel Zeit, aber wenn du magst, können wir hier mal zusammen Urlaub machen. Die Gegend hat viel zu bieten", schlägt Henry mir vor. Ich finde seine Idee klasse.„Gern. Darüber würde ich mich sehr freuen", antworte ich begeistert. Endlich mal Urlaub in Frankreich! Das wollte ich schon immer mal machen.
„Super, da freue ich mich. Wann hast du Urlaub?"
„Demnächst wohl erstmal nicht mehr. Ich habe schon zu viel Urlaub gemacht. Vielleicht erst nächsten Sommer", sage ich.
Henry sieht ein wenig frustriert aus, aber das steht ihm recht gut. Er könnte öfter so aussehen.
Wir essen unser Tortenstück auf. Es schmeckt fantastisch. Amelie könnte sowohl als meine Haushälterin und Köchin anfangen. Aber das kann ich nie bezahlen.
Eine Weile später kommt Amelie zu uns. Wir haben jeder nur ein Stück Torte geschafft, aber das scheint sie nicht zu stören.
„Ich hoffe, es hat euch gemundet", sagt sie.
„Ja, es war sehr lecker", lobe ich ihre Torte. Amelie lächelt mich glücklich an.
„Wir müssen nun leider aufbrechen. Ich komme aber bald wieder", verspricht ihr Henry.
„Das will ich auch hoffen, junger Mann. Dann bringst du deine Freunde mit – und Viktoria"
Henry reicht mir seine Hand, damit ich aufstehe und wir gehen zur Haustür. In der warmen Mittagssonne wartet schon Baby auf uns. Sofort kläfft sie los, als sie Henry sieht.
„Diese beiden sind früher unzertrennlich gewesen. Ich glaube, Baby hat ihm nie verziehen, dass er nur noch so selten kommt", sagt Amelie neben mir in ihren Erinnerungen versunken.
„Henry war früher öfter hier?"
„Seine Eltern haben es als Sommerresidenz gekauft. Nach dem Tod seiner Mutter suchte Henry hier Ruhe vor dem Trubel zu Hause", erklärt sie mir.
Mitgefühl steigt in mir auf. Auch für Baby, die ihr Herrchen sicherlich schrecklich vermisst hat.
„Möchtest du Baby nicht mitnehmen?", frage ich Henry, der dem Hund den Rücken massiert. Das könnte er bei mir auch mal machen...
Sein Blick ist liebevoll auf den Chihuahua gerichtet.
„Es ist besser für sie, wenn sie hier bleibt. Baby ist schon eine alte Hundedame, da verträgt sie das Reisen nicht mehr so gut. Außerdem hat Amelie sonst keine Gesellschaft mehr", sagt er.
Die Haushälterin nickt zustimmend. „ Was würde ich nur ohne den Hund machen? Da hätte ich viel zu viel freie Zeit."
Darüber müssen wir alle lachen und Amelie umarmt Henry herzlich zum Abschied. Mir schüttelt sie wieder die Hand.
„Pass bloß gut auf das Mädel auf", sagt sie Henry und droht ihm grinsend mit dem Zeigefinger. „Sie passt zu dir."
„Das werde ich", verspricht Henry lachend und wir lassen das Schlösschen und die winkende Haushälterin hinter uns.
„Danke, dass du mir deinen Lieblingsort gezeigt hast", sage ich
„Gern geschehen. Du hast es dir verdient", sagt er.
Cool, ich bin im Recall!
Wir haben die Stelle erreicht, wo die Kutsche uns erwarten sollte. Der Rückweg dauerte nur halb so lang wie der Hinweg. Da ich normalerweise nicht der Typ für Gefühlsausbrüche bin, überrasche ich mich selbst, indem ich Henry an mich ziehe und leidenschaftlich küsse. Das habe ich jetzt einfach gebraucht. Er ist viel mehr für mich, als ich jemals zugeben würde. Ich will ihn glücklich machen, so wie er mich glücklich macht. Ihm das zu sagen, traue ich mich noch nicht, weil ich ein wenig Angst vor seiner Reaktion habe. Vielleicht bin ich für ihn doch nichts weiter als eine Romanze? Immerhin könnte er jede haben. Ich bin mir sicher, dass Henry bislang, was seine Gefühle betraf, stets ehrlich zu mir war. Doch irgendwas an ihm lässt mich zögern, ihm meine Gefühle für ihn zu gestehen.
Henry erwidert den Kuss und zieht mich an sich. Seine Hände greifen in mein Haar und ich fühle mich wie Baby, als er sie dort massiert hat. Seine Berührungen entfachen ein Feuer in mir, das mir bis eben völlig unbekannt war. Viel zu schnell lässt er mich wieder los. Aber ich sehe, dass es ihm genauso ergeht.
Die Kutsche kommt ratternd den Weg hinauf und hält dicht vor uns. Henry hält mir die Tür auf und ich steige ein.
Dass die Liebe blind macht, wusste ich schon immer. Aber dass sie Henry zum Zentrum meines Denkens und Fühlens macht, ist neu.
Schweigend sitzen wir uns gegenüber. Seine Hände auf meinen Knien und ich fahre mit meinen Fingern darüber. Ich wünschte, dass wir beide jetzt irgendwo allein wären.
Ein Blick in Henrys Augen verrät mir, dass er genauso denkt.

„Ich bin gespannt, wie deine Freunde mit den Kühen zurecht kamen", sage ich, um die Stille zu durchbrechen.
Henry muss schmunzeln. „ Nun ja, sie werden diese Herausforderung schon gemeistert haben. Dazu wurden sie schließlich ausgebildet."
„Glaube mir, Kühe können sehr anstrengend sein"; sage ich gespielt ernst.
Henry umfasst meine Hände und drückt kleine Küsse in die Handinnenflächen.
„Wir werden mit dem Jet zurückfliegen", teilt er mit.
„Was ist mit den Sachen, die noch auf dem Schiff waren?", frage ich panisch.
Henry drückt sanft meine Hände.
„Keine Sorge, ich habe dafür gesorgt, das alles verlagert wurde. Du kennst mich doch. Ich habe gern alles unter Kontrolle", sagt er.
Ich beruhige mich etwas. Wir werden fliegen! Ich mag fliegen, denn die Aussicht ist wunderbar aus der Luft.
„Außerdem sind wir so schneller. Deine Gasteltern werden gegen Abend zurück erwartet", sagt Henry, als wäre ich einer seiner Geschäftspartner. Manchmal ist es praktisch, dass er so ein Kontrollfreak ist.
„Wo hast du nur so gut organisieren gelernt?", frage ich verblüfft.
„Nun, vielleicht bin ich es gewohnt, dass die Menschen das machen, was ich ihnen befehle", meint er leichthin.
Da ist wieder seine Arroganz, mit der ich eigentlich gar nicht klar komme. Aber heute will mal drüber hinweg sehen. Ausnahmsweise.
Wir erreichen einen Flughafen, der eigentlich für Segelflugzeuge gedacht ist. Henry hilft mir aus der Kutsche.
Zu meiner Überraschung wartet Freddy, der Kapitän, auf uns.
„ER kann auch fliegen?"
„Ja, er ist ein Multitalent. Freddy ist Kapitän, Pilot, Arzt und vorrangig mein Chauffeur. Wundert dich das?"
Nein, überhaupt nicht. Es ist ganz normal, dass Menschen mehrere Job gleichzeitig haben. Aber das sind eigentlich Minijobs wie Putzen oder Regale im Supermarkt einräumen.
„Steigt ein!", sagt Freddy und lächelt uns freundlich an.
Ein bisschen wehmütig sehe ich auf die Wälder und das kleine Schlösschen herab, als wir darüber fliegen.
Eswar ein wunderschönes Wochenende, obwohl ich vorher solche Bedenken hatte.Manchmal sollte man einfach alles auf einen zukommen lassen. 

Story of my Life - Ein englisches GeheimnisWhere stories live. Discover now