Die bunten Lichter von Boston verschwammen zu einem undefinierbaren Gemisch aus Farben, ebenso die alten und erst vor kurzem restaurierten Häuser der Altstadt. Ich war mir nicht sicher, ob die Klimaanlage in diesem altmodischen Taxi wirklich funktionierte, wie uns der Fahrer hatte weis machen wollen, denn mir war warm und mein langes, dunkelbraun gelocktes Haar klebte mir im verschwitzten Nacken. "Draußen ist es sogar noch wärmer als in dem Taxi mit Klimaanlage", grummelte Jordan, so als hätte er meinen Gedanken gelauscht und warf dem beharrlich schweigenden Taxifahrer einen vernichtenden Blick zu. Seine Worte trieften nur so vor Sarkasmus. Dann verfinsterte sich seine Miene noch mehr, als er einen Blick auf seine Armbanduhr warf.
"Wenn der Idiot weiterhin so kriecht, sehen wir vom Film allenfalls noch den Abspann", schnaubte er.
Als das Taxi an einer großen Kreuzung hielt, kurbelte ich meine Fensterscheibe herunter. Sofort schlug mir warme Luft entgegen, eine bizarre Mischung aus Abgasen und stickiger Luft.
Desinteressiert beobachtete ich einen Moment lang die Menschen auf den überfüllten Straßen, die wie ein Fischstrom langsam an mir vorbeizogen.
"Bist du verrückt, mach sofort das Fenster wieder zu!", hörte ich Jordans empörte Stimme. Ich wandte mich ihm wieder zu, während ich die Fensterscheibe wieder hochkurbelte. "Sei doch nicht immer so herrisch, da bekommt man es ja mit der Angst", lachte ich und knuffte ihn in die Seite, was er mit einem schmerzhaften Aufstöhnen quittierte. Reflexartig beugte ich mich zu ihm, denn anscheinend hatte ich ihm mit meinem Stoß wirklich wehgetan, doch kaum dass ich ihm etwas näher war schlang er die Arme um mich und hielt mich mit seinen Pranken fest. "Hab dich", raunte er mir ins Ohr, während sein Atem über meinen Nacken strich.
Ich verspannte mich sofort und kniff die Augen zusammen, als mich die Panik überkam. Ich war wieder in meinem Traum gefangen. Da war der Mann, der mich böse lächelnd an sich heranzog und mich mit seinen rauen und gleichzeitig unglaublich weichen Lippen küsste, und ich erinnerte mich an das Gefühl, von innen nach außen heraus ausgesaugt zu werden, bis ich am Ende als leere Hülle zurückblieb.
Mir wurde abwechselnd heiß und kalt, ich versuchte tief ein und aus zu atmen und meine plötzliche Panik abebben zu lassen.
Das ist Jordan, nicht Ashton. Nicht Ashton.
"Luce? Alles in Ordnung?" Jordan hatte mich zu sich herumgedreht und sah mich verwirrt an.
Ashton. Wie kam ich auf seinen Namen?
Langsam nickte ich und sah Jordan tief in seine besorgten Augen, die sich meinen näherten. Ich wollte ihm so gerne sagen, was los war, aber ich empfand es als zu lächerlich wegen einfachen Albträumen so auszurasten, deswegen brachte ich keinen Ton über meine Lippen.
Das tun sonst nur Kleinkinder. Viel zu peinlich.
Jordan schien mein Benehmen falsch gedeutet zu haben, oder er hatte mein Verhalten nicht richtig bemerkt, denn plötzlich spürte ich seine Lippen auf meinen. Verheißungsvoll drückten sie sich gegen meine Mund, den ich vor Schreck kurz öffnete, was Jordan sofort ausnutzte um mit seiner Zunge meinen Mund zu erobern.
Die Hitze seines Körpers strahlte auf mich ab und schien mich zu erdrücken.
Als ich realisierte, was gerade geschah erstarrte ich. Es ist so wie an der Bushaltestelle. Wieder die Arme an meinem Körper, wieder die Lippen auf meinen. Gleich würde er... NEIN!
Mit aller Kraft begann ich mich gegen den Kuss zu wehren, und Jordan gab sofort nach und lehnte sich mit einem resignierten aufseufzen zurück, fuhr sich durch die Haare. "Sorry, Luce, ich dachte du.." Weiter kam er nicht. Ich will hier raus. Sofort. Die Enge hier drinnen machte mich verrückt, denn es gab keinen Fluchtweg. Hastig wandte ich mich um und griff nach dem Türgriff, doch bevor ich sie öffnen konnte legten sich Jordans Hände fest auf meine. "Es tut mir leid", raunte er und sagte barsch an den Taxifahrer gewandt: "Halten Sie an, wir steigen aus."
Jordan ließ meine Hand nicht los, bis er bezahlt und mich aus dem Wagen bugsiert hatte. Dann ließ er mich los, als hätte er sich an mir verbrannt.
Tief atmete ich die frische Luft ein, die mich wieder klarer denken ließ. Was zum Teufel war das? Wütend drehte ich mich zu ihm um, und funkelte ihn an. "Warum hast du mich geküsst?"
Jordan schien die Situation unangenehm zu sein, denn er sah mich nicht an, als er murmelte: "Ich dachte, dass du es auch wolltest." Mehr nicht. Das war alles.
Ich schnaufte empört. "Du bist unmöglich." Jordan sah mich nachdenklich an, und lächelte dann reumütig. "Ich weiß." Er warf einen Blick auf seine Uhr. "Der Film beginnt gleich. Komm."
*
Gute zwei Stunden später hob ich den Arm und winkte ein Taxi herbei, welches sich durch den dichten Verkehr zu mir schlängelte und vor mir hielt.
Die Fahrt über hatte ich meinen Kopf an die kühle Fensterscheibe gelehnt und die Augen geschlossen. Ich musste kurz eingenickt sein, denn als mich die freundliche Fahrerin weckte, hielt das Taxi schon vor meiner kleinen Wohnung. Schlaftrunken drückte ich ihr das Geld in die Hand und griff nach meiner Handtasche, aus der ein kleiner Zettel fiel. Ohne groß darüber nachzudenken hob ich ihn auf, stieg aus und ging in meine Wohnung.
Dort angekommen schmiss ich mich erschöpft aufs Sofa und drehte den Fetzen Papier nachdenklich zwischen den Fingern hin und her. Das mit Jordan vorhin war komisch. Wie können wir Freunde sein, wenn er mich aus heiterem Himmel einfach küsst?
Schlecht gelaunt drückte ich den Zettel in meiner Hand zu einer Kugel zusammen und betrachtete ihn verwirrt. Was war das überhaupt?
Neugierig faltete ich das Stück Papier auseinander und starrte auf die zwei Worte, die mein Herz zum Pochen brachten. "Bis bald"
Es gab nur zwei Möglichkeiten. Entweder die Nachricht stammte von Jordan, wobei ich das bezweifelte, denn er hatte sich persönlich vorm Kino von mir verabschiedet, oder es war Ashton. Und wenn ich es mir so überlegte klangen die Worte in diesem Zusammenhang entweder nach einer Drohung oder nach einer Verheißung.
Oder du interpretierst schon wieder viel zu viel in die Sache hinein.
Ich seufzte, stand auf und ging ins Bett, die Nachricht von Ashton legte ich auf meinen Nachttisch. Kaum dass ich das Licht ausgeschaltet hatte, war ich auch schon eingeschlafen, und Jordan und Ashton schlichen sich in meine Träume.
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Dunkles Verlangen
RomanceLucinda fühlt sich eigentlich wie ein ganz normales Mädchen, das zur Uni geht und ein verhältnismäßig normales Leben führt, bis sie auf Ashton stößt, der sie durch sein dunkles Geheimnis unwiderruflich an ihn bindet und ihr eine völlig neue Welt off...
