Laut hallten unsere Schritte auf dem kühlen Steinboden und schon nach wenigen Abzweigungen wusste ich nicht mehr wo ich mich befand.
Zwei in teure Anzüge gekleidete Männer hatten uns in der Nacht aus dem Schlaf gerissen und uns in einer Reihe aufgestellt, an deren Anfang und Ende sie sich positionierten, um uns wegzuführen.
Ich hatte ein flaues Gefühl im Magen, denn mir wurde bewusst, dass mir nun die Zeremonie bevorstand, von der Mr. Unsympathisch gesprochen hatte, und die unruhige Atmosphäre der anderen Menschen um mich herum machte mich ganz hibbelig.
Die Räume, die wir durchquerten waren modern und hochwertig eingerichtet, es schien ein riesiges Gebäude zu sein und ich blieb neugierig stehen, um mich umzusehen.
"Nicht stehen bleiben. Weiter", knurrte der Mann hinter mir und stieß mir nicht sonderlich sanft in den Rücken.
Wütend wirbelte ich herum und erblickte einen der Männer im Anzug, der mich grimmig anstarrte.
"Fass mich nicht an!"
Kurz musterte der Typ mich emotionslos, bevor er anzüglich grinste.
"Das wird nicht lange so bleiben, Schätzchen. Vielleicht lässt Ashton ja noch was von dir übrig."
Und damit schubste er mich wieder in die Reihe.
Als wir den Raum betraten, in dem die Zeremonie anscheinend stattfinden sollte, war ich überrascht auf Grund der schlichten Eleganz des kleinen Saales.
Eine riesige Glaskuppel, getragen von hohen, schmalen Säulen überspannte den Raum und ließ das schwache Licht der Sterne und des Mondes auf den mit schwarzen und weißen Marmor bestückten Boden fallen.
Das Muster dessen kam dem eines Schachbrettes gleich, und unwillkürlich kam mir Jordan in den Kopf, der für sein Leben gerne Schach gespielt hatte.
Tränen stiegen mir in die Augen.
Rasch senkte ich meinen Kopf und inspizierte meine Chucks eingehend, damit es niemand sah.
Wir wurden in einer Reihe aufgestellt und zu jedem von uns stellte sich ein Mann im Anzug, weiß Gott was diese Menschen für einen Anzug-Faible hatten.
Unruhig trat ich von einem Fuß auf den anderen und biss mir auf die Innenseite meiner Wange.
Was passiert jetzt wohl?
Auf der rechten Seite des Raumes öffnete sich eine Tür, durch die ein Dutzend Männer und Frauen eintraten und sich genau vor uns stellten.
Augenblicklich entdeckte ich Ashton, der wiederum mich bereits ansah und sich mit einer nervösen Bewegung durch das Haar strich.
Kein gutes Zeichen.
In der Mitte stand ein hochaufgeschossener, schlanker Mann, dessen Gesicht mich sofort an das von Ashton erinnerte, nur dass dieser Mann bereits sichtbar gealtert war.
Sein Vater?
Der Alte räusperte sich und augenblicklich wurde es komplett still im Raum, jeder schien auf seine Worte zu warten.
"Wir alle wissen, weswegen wir uns heute hier zusammengefunden haben.
Denn diese Nacht, die Nacht auf den Totensonntag, wenn der Mond im Zenit steht, ist eine besondere Nacht für jeden von uns. Ich will nicht lange drum herum reden, lasst uns anfangen."
Ein kaltes Lächeln huschte über sein Gesicht.
"Achja. Genau, ich bedanke mich im Namen aller noch bei denen von euch, die sich von uns verabschieden und uns trotzdem noch einmal ihren Dienst erweisen."
Flüchtig wies er mit der Hand auf den Mann hinter mir und trat dann einen Schritt zurück.
Ich beobachtete angespannt, wie die erste Person aus der Reihe trat, ein Junge, und auf eine ältere Frau zuging, sie freundlich ansprach und dann seinen Mund auf ihren presste, nachdem sie genickt hatte.
Sprachlos starrte ich die beiden an, konnte die Situation nicht erfassen, da sie zu unwirklich erschien.
Wieso küsst dieser Junge eine alte Frau?
Schon löste sich der Kerl wieder von ihr, dankte ihr und ließ diese leicht schwankend zurück, die sich auf den Mann hinter sich stützte.
Sein Körper schien von innen nach außen zu leuchten, als würde flüssiges Gold durch seine Adern pumpen und ein selbstgefälliges Lächeln zierte sein schmales Gesicht.
Was geht hier vor sich?
Mein Blick wanderte unweigerlich zu Ashton, der ein wenig widerwillig auf sein Gegenüber zuging.
Ich lehnte mich nach vorne, um zu erkennen, wen er gleich küssen würde, warum zum Teufel auch immer, und das Blut gefror mir in den Adern.
Insa. Da stand sie, in einem weißen hauchdünnen Sommerkleid und lächelte ihn überglücklich und erwartungsvoll an.
Ich schluckte mehrmals und schaffte es nicht meinen Blick abzuwenden, als Ashton nach ihren dünnen Armen griff, sie sanft an sich zog und vorsichtig küsste.
Sofort wurde mir schlecht und gleichzeitig bohrten sich Splitter schmerzhaft in mein Herz, aber wegsehen konnte ich einfach nicht.
Mit einem bitteren Geschmack im Mund beobachtete ich, wie sie sich ihm völlig hingab und regelrecht in seinen starken Armen zerfloss.
Es schien, als würde etwas von ihrem Körper zu seinem Körper hinüberfließen, doch sicher war ich mir nicht.
Als nächstes war Danny an der Reihe, der neben mir stand.
Ich spürte Ashton's stechenden Blick auf mir, doch ich würdigte ihn keines Blickes.
Ich muss hier weg.
Eine Frau krallte ihre langen Fingernägel in seine kleinen Schultern, Danny schluchzte mit glockenheller Stimme leise vor sich hin und alles zog sich in mir zusammen.
Sie dürfen das nicht gegen seinen Willen tun!
Meine Angst war wie weggeblasen und anstatt still auf meinem Platz zu verharren, trat ich vor und hielt die Frau zurück, die sich bereits zu dem Jungen hinunter gebeugt hatte.
"Lass deine Krallen von ihm, er ist ein kleiner Junge, du Miststück", fauchte ich und funkelte sie an.
In diesem Moment erschütterte eine Explosion den Boden unter mir und brachte mich aus dem Gleichgewicht.
Im ersten Moment dachte ich, der Himmel wäre in tausend kleine Stücke zerbrochen, doch dann regneten Glassplitter wie Hagel auf mich herab.
Reflexartig versuchte ich meinen Kopf mit den Händen zu schützen.
Alles geschah wie in Zeitlupe, um mich herum klang alles so dumpf, als wären meine Ohren in Watte gepackt.
Etwas fiel neben mir auf den Boden, und ich griff ohne nachzudenken nach der Waffe.
Langsam rappelte ich mich wieder auf und sah mich orientierungslos um.
Um mich herum herrschte Chaos.
Staub rieselte von der zerstörten Glaskuppel und fremde Männer und Frauen strömten wie ein vernichtender Heuschreckenschwarm in den Saal, bewaffnet und erschreckend koordiniert.
Etwas oder jemand stieß gegen mich und schlagartig war mein Hörvermögen wieder da, es war, als hätte sich ein Radiosender mit schlechtem Empfang plötzlich wieder richtig eingestellt.
Und dann ging alles entsetzlich schnell, so schnell, dass ich die ganzen Eindrücke kaum in mich aufnehmen konnte. Ich wurde herumgezogen und fiel gegen einen Mann, dabei kam mein Finger auf den Auslöser und ich drückte ungewollt ab.
Der Mann vor mir brach verwundet zusammen, ich schrie auf, jemand packte mich am Arm und zog mich aus dem Raum, raus aus dem Gebäude und in einen Wagen, während ich meinen Blick nicht von meinen zitternden Händen nehmen konnte.
Ich habe auf jemanden geschossen, vielleicht auch tödlich getroffen.
Oh mein Gott.
"Ashton", flüsterte ich und fing an zu weinen, denn es war er, der neben mir saß und viel zu schnell über den Highway raste.
Er warf mir einen Blick zu und verstärkte den Griff um das Lenkrad, während ein bitterer Zug auf seinem Gesicht erschien.
"Ich weiß. Du verstehst das alles nicht und kannst es nicht verstehen, denn meine Welt ist eine ganz andere als deine.
Ich wollte nicht, dass du in meine Angelegenheiten hinein gezogen wirst, doch dann wurdest du entführt und verdammt", er schlug auf das Lenkrad, "dann konnte ich es nicht mehr verhindern.
Ich werde dich beschützen, Lucinda, doch das ist schwierig, wenn du dir der Gefahren nicht bewusst bist.
Wie fühlst du dich?"
"Ich habe jemanden angeschossen", flüsterte ich und nestelte an meiner Hose herum.
"Wieso ist das passiert? Wieso waren auf einmal bewaffnete Menschen da und haben euch angegriffen?
Das k-kann ich nicht verste-ehen, Ashton.
I-ich dachte sowas geschieht nur in Action-Filmen."
Er warf mir einen prüfenden Blick von der Seite zu und schüttelte den Kopf.
"Nicht weinen."
Peinlich berührt wischte ich mir über das Gesicht und versuchte, noch tiefer in meinem Sitz zu versinken.
Meine Welt steht Kopf und ich soll nicht weinen.
Wie sollte ich denn sonst reagieren?
Schweren Herzens stieg ich aus und hob den Kopf, doch ich stand nicht wie erwartet vor meiner Wohnung.
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Dunkles Verlangen
RomanceLucinda fühlt sich eigentlich wie ein ganz normales Mädchen, das zur Uni geht und ein verhältnismäßig normales Leben führt, bis sie auf Ashton stößt, der sie durch sein dunkles Geheimnis unwiderruflich an ihn bindet und ihr eine völlig neue Welt off...
