28. Kapitel

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Bella

Ich gehe den Weg allein.
Immer, wenn meine Gedanken abschweifen und sich Tränen in meinen Augen bilden, blinzle ich sie weg.
Wenn ich nicht, weine, fühle ich vielleicht auch nichts.
Ich konzentriere mich auf den Weg vor mir.
Auf meine gefrorenen Füße im Schnee.
Ich ertappe mich, wie ich nach hinten sehe, um meine Fußspuren zu betrachten.
Doch Nein, Bella. Wenn du nach vorne willst, schau nicht zurück. Es zerstört dich nur noch mehr.
Es ist zwar nur der Weg, den ich vom Schloss bis zu Hagrids Hütte zurückgelassen habe, doch trotzdem schiebt sich das Messer immer tiefer in meine Brust bei jedem Blick nach hinten. Hier hätte er mich fast geküsst.
Ich bleibe stehen.
Lasse meine Füße bis zu den Schienbeinen in den Schnee sinken.
Spüre den kalten Wind auf meiner Haut.
Jedes einzelne Haar, das sich an meinem Körper aufstellt.
Sehe die Wölkchen bei jedem Ausatmen vor meinem Mund. Sie verschwinden, genauso schnell, wie sie gekommen sind.
Die eiskalte Luft brennt in meinen Lungen und das Atmen fällt noch schwerer als zuvor. Es fühlt sich an, als würde alles in mir gefrieren.
Doch mein Herz leider zu Letzt. So lange muss ich noch fühlen.
Ich drehe mich einmal im Kreis. Es ist wie eine 360° Tour durch den Moment. Ich erlebe alles erneut. Sehe alles, spüre alles, wie damals. Seine wärmen Hände. Meine Hüfte erwärmt sich. Sein süßes Lächeln. Ich grinse verlegen.
Dann plötzlich bin ich wieder das zitternde Mädchen ohne Schuhe draußen im Dunkeln, die nur zu gern an der Vergangenheit festhält.
Der Stacheldraht um mein Herz zieht sich fester und ich muss schlucken. Doch mein Hals ist zugefroren und ein tiefer Kloß hält meinen Speichel auf. Ich möchte sterben.
Wie lange kann ein Mensch in Kälte ausgesetzt sein, bis er erfriert? Wie lange dauert es noch, bis alles in mir zu Eis erstarrt?
Wie lange muss ich mich noch quälen?
Nicht mehr lange. Halt es aus, flüstert plötzlich eine Stimme aus dem Nichts.
Wie lange ist es her, dass Ron mich fallen gelassen hat?
Wie lange ignorieren wir uns schon?
Wie lange halte ich an etwas fest, das nicht existiert?
Vier Wochen?
Wie lange muss ich noch mit leeren Augen durch die Hallen laufen?
Ich kann nicht mehr. Ich kann einfach nicht mehr.
Allein bei dem Gedanken morgen Abend allein auf dem Weihnachtsball zu sitzen und allen anderen verliebten Pärchen zu zu schauen, wie glücklich sie sind, bahnt sich meine Galle ihren Weg nach oben.
Ich habe noch nicht viel über das Wort ‘Karma’ in meinem Leben nachgedacht, doch plötzlich ist es nur noch relevant in meinem Kopf, rennt hin und her und hält mich vom Schlafen ab.
Ich schätze, der Spruch
Wie du mir, so ich dir, bewahrheitet sich hier.
Ich habe bekommen, was ich verdient habe und verloren, was ich geliebt habe.
Ich lächle leicht und lasse mich dann nach hinten fallen.
Du hast es geschafft, Bella.

Gleißendes Licht flutet mein Sichtfeld und ich presse die Lider sofort wieder aufeinander. Eine einzige Frage, kommt mir in den Sinn: Was bin ich?
Ich fühle mich leer.
Leer.
Befreit von allen Gefühlen und Emotionen, die mich so bedrückt haben.
Ich fühle mich frei.
Freier als beim Fliegen auf den besten Besen.
Ich fühle mich gleichzeitig jedoch wie ein verletztes Tier, das nicht laufen kann.
Ich kann keines meiner Gliedmaßen auch nur einen Millimeter heben.
Es fühlt sich komisch an, so voller Gegensätze zu sein.
So als würden hunderte von Magneten sich in meinem Inneren abstoßen.
Keine meiner Gedanken machen Sinn.
Bin ich überhaupt noch ein Mensch?
Oder eher ein Wesen, welches verwundet auf einem Tisch liegt und von allen Seiten angestarrt wird. So wie ein Außerirdischer. Was wird mein nächster Schritt sein? Sie wissen nicht, was ich bin, also stehen viele Möglichkeiten offen. Ich könnte vom Tisch springen und allen die Augen auskratzen. Ich könnte einfach für immer hier liegen bleiben.
Oder weiß nur ich nicht, was ich bin?
Und plötzlich passiert es. Ich höre diese Stimme. Ihre warme Stimme voller Sorge.
“Hat sie sich bewegt?” Sie ist noch ganz weit weg, doch es fühlt sich an, als könnte ich nach ihr greifen.
Auf einem Mal kommen alle meine Gefühle wieder in meinen Körper. Die Pflaster auf meinem Herzen lösen sich und es fließt Blut. Blut in meinen Körper. Blut in meine Adern. Mein Herz schlägt wie wild. Als würde es gleich aus meiner Brust springen und wegrennen. Zu ihr. Zu Hermine.
Und plötzlich weiß ich, was ich bin.
Ich bin ein Mensch.
Und Menschen fühlen.
Ich reiße meine Augen auf.
Das Licht dringt in meine Augen. Es tut weh, aber es tut so gut. Es tut so gut, wieder zu fühlen.
Ich setze mich ruckartig auf. Mein Kopf dreht sich. Ich kann nicht klar sehen, alles ist verschwommen und voller Punkte, die das Licht auf mein Sichtfeld projiziert hat.
“Bella!” Ihre Stimme klingt jetzt schon viel näher und ich spüre ihre Arme um meinen Körper.
Ich kneife die Augen zu und versuche mich nicht zu übergeben. Alles dreht sich. Mein Kopf pulsiert. Ich kann sie gerade noch von mir wegschieben, dann breche ich auf den Steinboden des Krankenflügels.

Fünf Minuten später liege ich mit gefalteten Händen und Hermines kalter Hand auf meiner Stirn im Bett und beobachte Madame Pomfrey, wie sie meine Gefühle vom Boden schrubbt.
Als sie geht, murmelt sie noch irgendwas von: “Ruh dich aus.”
Ich blicke hoch zu Hermine. Sie schüttelt langsam und verständnislos mit dem Kopf.
“Warum, Bella, warum?” Ich habe immernoch höllische Kopfschmerzen und kann keinen klaren Gedanken fassen.
“Was?”, ächze ich. Meine Stimme kratzt und mein Hals brennt immernoch wie Feuer, doch ist mir trotzdem so kalt.
“Warum warst du da draußen. Du hättest erfrieren können! Du hattest nicht einmal Schuhe an! Wenn ich nicht aufgewacht wäre und dein leeres Bett gesehen hätte. Dann wärst du gestorben!” Sie lässt von mir ab und fällt erschöpft auf den Stuhl neben meinem Bett. In ihren Augen bilden sich Tränen. Ich will nach ihrer Hand greifen, doch meine Muskeln sind erfroren. Ich versuche zu lächeln und bringe auch eines hervor. Dann breche ich in Tränen aus.
“Es tut mir leid”, schluchze ich, obwohl ich weiß, dass sie das nicht verstehen wird. “Es tut mir so Leid, Hermine!”
Sie nimmt meine Hand.
“Warum hast du nicht mit mir geredet? Ich war so dumm und habe ernsthaft gedacht, dass es besser wird mit dir.”
“Ich..”, ich räuspere mich. “Ich.. wollte.. nicht, dass du dir Sorgen machst”, sage ich langsam.
“Du wolltest nicht, dass ich mir Sorgen machen? Ich wäre heute Nacht fast an einem Herzinfarkt gestorben. Du weißt nicht, wie schlimm es war, zu sehen, wie du dort inmitten der Ländereien in deinem Nachthemd stehst!” Ich lege meinen Kopf in den Nacken und beobachte die Decke.
“Es tut mir leid, Hermine.”
“Versprich mir, dass du das nie wieder tun wirst.”
“Ja.”
“Schau mich an.” Es tut zwar weh, doch ich drehe meinen Kopf zu ihr.
“Ich verspreche dir, dass ich es nie wieder tun werde.”
“Wir schaffen das zusammen, Bella. Ich bin für dich da.” Ich lächle schwach.
“Danke.”

Eine Stunde später mit viel Tee und einigen Decken hat sich mein Hals wieder halbwegs erholt, sowie der Rest meines Körpers. Ich kann sogar ein paar Schritte gehen (natürlich ohne das Wissen von Madame Pomfrey, sie hätte mich sofort wieder ins Bett geschickt).
“Wie lange war ich eigentlich weg?”, frage ich Hermine, die im Schneidersitz, wie ich, vor mir sitzt und Tee in zwei Tassen gießt.
“Ungefähr um eins bist du hier angekommen. Jetzt ist es schon fast neuen. Also sieben Stunden.” Ich nicke, obwohl ich eigentlich etwas anderes wissen wollte.
“Warst..”, fange ich vorsichtig meinen Satz an. “Warst du die Einzige hier?” Sie reicht mir meine Tasse und blickt mir tief in die Augen.
“Nein. Draco und Maxim waren bis drei hier. Harry auch. Und... Ron. Er war hier, bis er zum Unterricht musste.” Ich schlucke und atme tief durch. Doch mein Atem zittert.
“Was hat er gemacht?”
“Er hat dich einfach nur angeschaut. Es war fast schon gruselig. Sein Blick war voller Leid und es sah aus, als..” Sie stoppt urplötzlich und starrt auf ihren Tee.
“Als..?”, hake ich nach. Meine Stimme nicht so stark, wie ich sie gern haven will.
“Als würde er sich gleich aus dem Fenster stürzen.” Ich blinzle schnell und starre die Wand an. Hermine sieht mich mit Hundeaugen an.
“Es tut ihm so Leid, Bella. Er wollte das nicht. Er wollte das alles nicht. Und er wollte vor allem nicht, dass so was passiert. Alles was er wollte, war und ist immernoch dich, doch irgendetwas hat ihn davon abgehalten.” Ich nicke.
“Danke.”

Ein Jahr voller GefühleWo Geschichten leben. Entdecke jetzt