Tag 89 [15]

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Mein Blick ruhte auf dem Foto von mir und der darüber geschriebenen Bezeichnung. Objekt Alpha 15.
Ich nahm meinen Rucksack ab, steckte die Akte ohne ihr weiter Beachtung zu schenken hinein und wandte mich zum Gehen. Je weniger Zeit ich an diesem Ort verbrachte, desto besser.
Mittlerweile war ich mir nicht mal mehr sicher, ob ich überhaupt die Wahrheit wissen wollte. Nach dem, was ich gesehen hatte, war das hier die reinste Horrorstory.
Wir liefen zügig auf die Treppe zu, als ich Es hörte. Es war wie ein sauberer Schnitt in mein Trommelfell, Es verhinderte, dass ich mich bewegen oder gar daran denken konnte. Es kam so plötzlich, dass ich nach wenigen Sekunden begann, in endlose Schwärze abzudriften.
Doch ich kannte Es. Denn ich hatte Es schon einmal gehört. In meinem Kopf formten sich Buchstaben zu einem Wort. Schwarzrauschen. Ein anhaltender Ton, zusammengemischt aus ohrenbetäubend lautem Fiepen und durchdringendem Rauschen.
Mir verschwamm nun komplett die Sicht und sie wurde durch Dunkelheit ersetzt, doch direkt vor meinen Augen spielte sich noch etwas Anderes ab.
Ich erinnerte mich.

[Tag 71; Objekt Alpha 15]
Ich fand mich in einer Art Zelle wieder, benommen von Narkosemitteln und mit hämmernden Schmerzen in meinem Kopf. Natürlich wusste ich, was sie mit mir getan hatten. Einen elektromagnetischen Chip hatten sie mir eingesetzt, weil ich meine Fähigkeiten an ihren Leuten getestet hatte. Tief in mir drin fühlte ich die Schuld der getöteten Soldaten auf mir lasten, doch ich sagte mir selbst, dass ich richtig gehandelt hatte. Ich wollte nur eins - entkommen. Denn was auch immer sie mir noch antun würden, von Tag zu Tag veränderte ich mich mehr. Mir war selbst aufgefallen, dass ich nicht mehr der Peter Parker war, auf den ich stolz war. Nun war ich brutaler, skrupelloser und ohne Reue. Die Fähigkeiten gaben mir Sicherheit, wie ich sie nie gefühlt hatte, und doch machten sie mir Angst. Ich machte mir selbst Angst.
Vielleicht war dieser Chip zu meinem Besten, vielleicht half er mir ja, wieder die Oberhand über meine Handlungen zu gewinnen.

[Tag 88; Objekt Alpha 15]
Morgen war Tag 89. Ich hatte jeden einzelnen Tag hier gezählt und morgen war es soweit, ich wollte hier weg und würde das auch durchziehen.
In den letzten Wochen hatte ich meine neuen Fähigkeiten zur Genüge getestet, doch von einer Einzigen wusste niemand der hier tätigen Laborarbeiter auch nur das Geringste. Und genau das war mein entscheidender Vorteil. Mit der Fähigkeit, Leuten meinen Willen aufzuzwingen, ohne dass sie sich dagegen wehren konnten, würde ich es hier heraus schaffen. Dazu noch bisschen herum spidern und telekinieren und die Freiheit war gebongt!
Ich hatte meine Fähigkeit durch Zufall entdeckt, als eine der Ärztinnen mir mal wieder einen langweilen Vortrag über die Auswirkungen meiner Taten gegen die Laborarbeiter hielt. In diesem Moment hatte ich nur den Gedanken "Schlaf ein", wobei das eher als Spaß gemeint war. Als sie mir jedoch direkt in die Augen gesehen hatte, sank sie auf dem Boden zusammen und schlief tief und fest ein. Ihre Mitarbeiter dachten wohl, dass ich sie k.o. geschlagen hatte, denn keiner von ihnen hatte genau gesehen, was passiert war. Ich hatte danach immer mit kleineren, unauffälligeren Befehlen wie "Lass mich los" oder "Verschütte den Kaffee" geübt und jeder einzelne Versuch hatte funktioniert.
Entspannt legte ich mich auf meine Liege und schloss die Augen. Morgen war es so weit. Endlich.
Und beflügelt von dem Gedanken an meine bevorstehende Freiheit schlief ich ein.

[Tag 89; Objekt Alpha 15]
Ich stand auf und ging zur Tür. In wenigen Sekunden würde mein Ausbruch beginnen. Naja, so spektakulär würde der nicht ablaufen, ich wollte einfach allen befehlen, mich zu unterstützen und nach draußen zu führen. So schwer konnte das ja nicht sein.
Klick.
Die Tür öffnete sich und meine zuständige Ärztin kam herein und sah mich an. Ich fing ihren Blick auf und formte Buchstaben in meinem Kopf. "Helfen sie mir hier raus". Sie lächelte, bedeutete mir zu folgen und ging nach draußen, vorbei an den üblichen Räumen den Gang entlang. Die Blicke einiger anwesenden Arbeiter folgen uns und ich wendete die gleiche Prozedur an zehn weiteren Leuten an. Wir gelangten zu einer Treppe, die nach oben führte. Mein Herz wurde mit jeder Stufe leichter. Oben angekommen leiteten sie mich durch einige Gänge. Als ich die Tür nach draußen schon von weitem erblickte, beschleunigte ich meine Schritte.
"Stehen bleiben! Sofort!" Bei dem Klang dieser sehr vertrauten Stimme lief es mir kalt den Rücken herunter. Walker. Mein Gefolge drehte sich zu ihm um, blieb jedoch unter meiner Kontrolle.
"Darf ich erfahren, was das werden soll?!", fragte er mit aggressivem Unterton und sah uns bedrohlich an.
"Wir begleiten die Testperson nach draußen, Sir!", entgegnete die Ärztin, die sich keiner Schuld bewusst war. Walkers Blick traf meinen und er hatte mich sofort durchschaut. Ich musste handeln und zwar schnell! Mithilfe von meiner Telekinese zog ich blitzschnell einen Schiebeschrank zwischen uns, drehte mich um und lief in einem irren Tempo auf die Tür zu. Ich rannte und rannte und stoppte erst, als ich weit genug von dem Gebäude entfernt war, was dank meiner Schnelligkeit nicht lang dauerte.
Ein Atemzug. Ein Weiterer. Freiheit. Leben. Zuhause. Endlich.

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dam dam daaaam

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