Gedächtnispalast [18]

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Ich spürte den sanften, kühlen Wind über meine Haut streichen und atmete die frische Luft ein, als ich aufwachte.
Ruckartig setzte ich mich auf. Ich befand mich auf einem offenen Gelände, weit und breit war kein Bunker zu sehen.
"Na Prinzessin, auch schon wach?", hörte ich MJ's belustigte Stimme hinter mir. Ich fuhr herum und blickte geradewegs in ihre nussbraunen Augen.
"Was zur Hölle ist passiert?", fragte ich sie verwirrt und inspizierte dabei das Gelände um mich herum genauer.
"Sagen wir es so - dein bester Freund Walker wurde von einem Mädchen, nämlich meiner Wenigkeit, in einen andauernden Schlaf versetzt. Kurz gesagt: ich hab ihm eine runtergehauen. Sorry falls du noch Zeit mit ihm verbringen wolltest, mir schien eine schnelle Flucht sinnvoll." Ich musste lächeln, ihre Art war eben einfach einzigartig.
Unter anderen Umständen wäre das hier eine schöne Erinnerung. Mit einer Freundin auf einem kleinen Hügel sitzen, den Sonnenaufgang betrachten, die Frischluft genießen und einfach wissen, dass der andere da ist.
Ich nutze die Stille und dachte nach. Eines der letzten Dinge, an das ich mich erinnerte, war, dass ich mir einige Erinnerungen am Laptop freigegeben hatte. Jetzt musste ich nur herausfinden, welche.
Ich sah zu meiner Freundin herüber und musterte sie von der Seite. Es war, als würde sich in meinem Kopf eine Tür öffnen. Es blitzten zunehmend mehr Informationen über sie durch mein Gedächtnis. Ich versuchte, sie zu sortieren, als ich auf etwas stieß, dass mir das Blut förmlich in den Adern gefrieren ließ.
Auf einmal ergab alles Sinn. Dass sie sich in dem Bunker auskannte, Walker kannte und wusste, wie die Leute dort ticken.
"Und, wie ist das so?", fragte ich sie plötzlich in die Stille.
Sie drehte sich zu mir um und sah mich an. "Was meinst du?"
"Naja, als Junioragentin für diese Leute gearbeitet zu haben. Wie fühlt sich das an, sich gegen alles zu stellen, was einem je etwas bedeutet hat?" Ich bemerkte zu spät, dass ich eventuell etwas zu weit gegangen war, doch sie schien das nicht aus der Ruhe zu bringen.
"Ganz ehrlich, es interessiert mich nicht mehr wirklich. Ich hab hier was Besseres als dort. Und ich wüsste nichts, was meine Entscheidung irgendwie hätte beeinflussen können." Nach einer kurzen Pause fügte sie hinzu, "Wir sollten langsam aufbrechen, wir wollen ja möglichst Heute noch am Avengersstützpunkt ankommen."
Mit diesen Worten stand sie auf und wandte sich zum gehen. Ich folgte ihr und dachte dabei über das nach, was ich soeben erfahren hatte.
'Jeder hat doch seine Geheimnisse', dachte ich und musste schmunzeln, weil dies ein Filmzitat war. Ein wohliges Gefühl breitete sich in mir aus als ich bemerkte, dass ich mich an so gut wie jeden existierenden Film erinnerte. Mein Kopf war wie ein großes Archiv, eine riesige Bibliothek mit Filmen und Büchern vollgestopft bis zur Decke. Ich blieb stehen und schloss für einen Moment die Augen.
Nun befand ich mich voll und ganz in diesem Archiv. Ich wanderte langsam durch die Gänge in meiner eigenen Bibliothek, ließ meine Finger über das weiche Holz der meterhohen Regale streichen, ging vorbei an tausenden Büchern, in denen alles niedergeschrieben war, was ich je gesehen oder erlebt hatte. Nach manchen Büchern konnte ich greifen, andere wiederum ließen sich nicht anfassen. Das waren wohl die, von denen meine Erinnerungen noch nicht wieder zurückgekehrt waren. Letztendlich blieb ich vor einem Regal aus Zedernholz stehen. Ich nahm ein Buch heraus und blätterte durch die Seiten. Doch sie waren leer. Nur ein paar Seiten waren beschrieben.
"Er kehrte in seinen Gedächtnispalast zurück und sah sich seine Erinnerungen an.", stand als letzter Satz geschrieben. Ich schmunzelte leicht als mir bewusst wurde, dass all diese Bücher so etwas wie meine Biographie waren.
In mir hatte sich, seitdem ich hier her gekommen war, eine innere Ruhe ausgebreitet, die bewirkte, dass ich mich beherrscht und seltsam gut fühlte.
Mit diesen Gefühl öffnete ich meine Augen wieder und sah nun wieder die reale Welt vor mir. MJ schien nicht bemerkt zu haben, dass ich für eine kurze Zeit abwesend war. Was vielleicht gar nicht so schlecht war. Ich war froh über meinen neu gewonnenen Rückzugsort und das sollte erstmal mein Geheimnis bleiben.
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Wir hatten seit Stunden nichts anderes getan als über Trümmer, Schutt und Brocken zu klettern, als wir endlich eine einigermaßen begehbare Straße erreichten. Die Sonne stand mittlerweile hoch, was bedeutete, dass es Mittagszeit war. Mein Magen fühlte sich leer an und ich wusste nicht, wann ich das letzte Mal etwas gegessen hatte. Also beschloss ich eine kleine Pause einzulegen.
"Hey, was hälst du von einer kurzen Pause und einem nachträglichem Frühstück?", fragte ich MJ, die seit unserer Diskussion komischerweise kein Wort mehr gesagt hatte.
"Das ist der erste sinnvolle Vorschlag, den du heute von dir gibst!", meinte sie und blickte mir zum ersten Mal nach heute Morgen wieder direkt in die Augen.
Wir ließen uns daraufhin am Straßenrand nieder und wollten gerade unsere Sachen auspacken, als wir Motorengeräusche vernahmen.

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Hi ich lebe noch!
Sorry, dass so lange nix kam.
Hatte viel zu tun und hab in meiner freien Zeit massig Serien gesuchtet sns.
Hoffe euch hat das Kapitel trotzdem gefallen!
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Das Schicksal hat HumorWo Geschichten leben. Entdecke jetzt