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Aylana

Wir hielten einen dieser klischeehaften, gefangenen Blicke auf dem jeweils anderen. Es störte weder ihn noch mich, nur Calev hatte mit Schlafmangel zu kämpfen, denn er unterdrückte sich ein Gähnen.

Sollte ich jetzt irgendetwas sagen ?
Oder plapperte ich dann direkt ?
Was ist, wenn ich etwas sage, er aber auch ?
Wie haben das die Protagonisten in meinen Büchern gemacht ?

Calev schnaubte: „Unterbrecht diesen Humbuck, sonst sehe ich Herzchen fliegen". Dazu schritt er auf mich zu und legte mir die Hände über die Augen. Ich stolperte überrumpelt gegen ihn und konnte mir ein kurzweiliges Lachen nicht verkneifen. „Schon gut Calev, du...".

Ich wurde von der Türklingel unterbrochen, die zweimal kurz schellte. Calev nahm seine Hände von meinem Gesicht und ging an das Fenster um zu schauen, wer vor der Tür stand. Nachdem er sich fast krumm gestreckt hatte, sprang er zurück und sah uns mit einer gewissen Panik an: „Verstecken. Jetzt".

Seine Art machte mich unruhig, normalerweise war er immer in sich gekehrt und überlegte, bevor er handelte. Dementsprechend mulmig war mir nun zumute. Wer stand dort draußen und versetzte ihn in Panik ? Calev brummte genervt, als wir ihn nur fragend ansahen und zog uns zu seinem Schrank. Dort drückte er erst Nolan hinein und schubste mich dann hinterher.

Ich fing mich noch ab, sonst wäre ich auf Nolan gelandet und das wollte ich ihm nicht zumuten. Er sollte mich nicht für geisteskrank halten, weil er einer der wenigen war, die mich einigermaßen ausstehen konnten. Calev schloss die Tür: „Seid bitte einfach nur leise und nutzt die Situation nicht zum rummachen, danke". Verwirrt massierte ich mir meine Schläfe und lehnte mich an die Schrankwand. Nolan seufzte und schien nicht allzu weit entfernt zu sein.

Die Dunkelheit die uns umgab machte alle Wahrnehmungen viel intensiver. Hin und wieder lauschte ich nach draußen, aber bis auf unser Atmen hörte man nichts. Nolan neben mir regte sich und ich faltete meine Hände ineinander um mich zu beruhigen. Warum war ich nun so nervös ? Ich war ihm gestern noch näher, zumindest auf Cyllene, und nun wollte mein Körper am liebsten davon rennen.

„Weiß Calev von deiner Fähigkeit ?". Ich hielt inne und schüttelte dann den Kopf. Ich hörte daraufhin ein leises Lachen: „Du weißt aber schon, dass ich dich nicht sehen kann Gänseblümchen". „Nein. Ja. Also er weiß nichts davon. Und ja ich weiß das", redete ich mich schnell raus und wurde an der Rippe angestupst. „Eigentlich wollte ich deinen Arm treffen", sagte Nolan belustigt und ich musste lächeln. Die Dunkelheit hatte doch etwas gutes, immerhin sah er gerade nicht mein Grinsen. „Gibt es überhaupt jemanden außer mir, der davon weiß ?".

Ich verneinte: „Du bist der einzige, der mir je auf die Schliche gekommen ist. Calev hätte mich zwar ein paar Mal fast erwischt, aber irgendwie bin ich auch froh darüber, dass es nicht so war". Er rutschte näher an mich heran bis ich seine Präsenz neben mir wahrnahm und sein Knie meines berührte. „Darf ich mich jetzt als etwas besonderes sehen ?", witzelte er und ich verfluchte insgeheim mein breiter werdendes Grinsen. „Natürlich darfst du das", bemerkte ich sarkastisch und er boxte mit seinem Ellenbogen gegen meinen Arm. „Sei nicht so frech".

„Was willst du denn dagegen tun ?", fragte ich neugierig und drückte seinen Ellenbogen von mir. Er schluckte hörbar und plötzlich wurde mir unsere Nähe bewusst. Wie viel Dunkelheit einen etwas tun lässt, das man im Licht vermutlich nie getan hätte. „Ich würde etwas tun, wofür du mich verabscheuen würdest. Wer weiß, vielleicht tust du das ja ohnehin schon".

Ich befeuchtete meine Lippen und gestand: „Ich verabscheue dich nicht Nolan. Auch wenn es manchmal so rüber kommt". „Du solltest öfters meinen Namen sagen", lenkte er das Gespräch rasant in eine andere Richtung. „Wieso denn ?". „Du betonst ihn anders, wie etwas besonderes und schönes". Ich vergrub meine Hände zwischen meinen Schenkeln und blickte nach unten. Er räusperte sich: „Das ist nichts schlechtes Aylana". Ich strich mir lächelnd eine lose Strähne hinter mein Ohr: „Ich weiß".

》Nolan《

Calev hatte uns nach geschlagenen 20 Minuten wieder aus dem Schrank gelassen. Kaum waren wir nicht mehr unter uns, versteckte Aylana jegliche Emotionen, als wäre nie etwas gewesen. Immer wieder versuchte sie aus Calev irgendetwas informatives herauszubekommen, aber er blockte jeden Versuch ab. So auch dieses Mal, als wir in seiner Küche am Esstisch saßen.

„Es reicht", rief er sauer, als Aylana ihn ansah. Beleidigt verschränkte sie ihre Arme vor sich: „Da steckst du mich mit Nolan in einen Schrank, aber sagst mir nicht wieso ? Was bringt dir das ? Ich ignoriere das nächstes Mal deine Anweisung, wenn du mir jetzt nichts sagst warum du dich so komisch benommen hast". Verblüfft sahen wir sie an. Ihr Temperament machte sie zu einem ganz anderen Menschen, als man sie eigentlich kannte. Oder in meinem Fall erst kennengelernt hatte.

Calev hob beschwichtigend die Hände hoch: „Okay okay, aber sei nicht böse auf mich". Sie lockerte ihre Arme und legte diese schlussendlich auf dem Tisch ab. „Berthold war hier. Er wurde von deiner Mutter geschickt".

Wer war Berthold ? Ein Freund ? Ein Tier ? Wenn selbst Schmetterlinge hier Namen hatten, war die Idee gleich viel realistischer.

„Und ?", hakte sie nach und sah ihn erwartungsvoll an. „Und sein Kollege hat dich auf Cyllene erwischt. Zwar sei er nun verstört, seit er zurück gekommen ist, aber er hat deinen Namen gesagt". Aylana biss sich nachdenklich auf ihre Unterlippe und ich sah augenblicklich woanders hin. Mir hatte die Nähe im Schrank schon nicht gutgetan. Wären es andere Umstände und ein anderes Mädchen gewesen hätte ich mir die Gelegenheit nicht nehmen lassen sie zu küssen. Aber Aylana wirkte mir nicht wie eines der Mädchen, mit denen ich vorher zu tun hatte. Sie war zwar heiß und steckte voller Geheimnisse, aber gleichzeitig strahlte sie eine Unschuld aus, die ich nicht beschmutzen wollte.

„Deswegen wollte ich mit dir reden", gestand sie und blickte kurz zu mir, „ich wollte dich um deine Hilfe bitten". Er runzelte die Stirn und legte seinen Blick ebenfalls für einen Moment auf mich: „Bei was ?". „Begleitest du uns nach Megaclite ?". Sein Gesicht nahm eine blasse Farbe an: „Du weißt ich gehe dort nicht mehr freiwillig hin". „Calev bitte. Du bist der einzige, den ich kenne, der dort jemals war".


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Ein riesiges Dankeschön für deine Votes liebe @Elsterflug , deshalb widme ich dir heute dieses Kapitel

Revival of SocietyWo Geschichten leben. Entdecke jetzt