Sherlock PoV
Wenige Minuten später stand ich mit John vor der Haustür von Ms. Wilder und drückte den kleinen Knopf auf dem Klingelschild. 'Wilder' war der einzige Name, der auf dem Klingelschild stand, obwohl Stuart schon seit über einem Jahr miteingezogen war.
John neben mir schien die gelbliche Fassade des Hauses zu betrachten, er bemerkte gar nicht, wie ich ihn von der Seite ansah. Gerade drehte er den Kopf ebenfalls in meine Richtung, da wurde die schwarze Haustür mit dem Glasfenster in der Mitte geöffnet und Emily Wilder erschien im Türrahmen, trotz der Mittagszeit noch im blassrosa Morgenmantel.
Sie scheint blassrosa zu mögen. Der Morgenmantel ist lange nicht gewaschen worden, Kaffeeflecken auf der Vorderseite, Knitterfalten an Rücken und Ärmeln, feine, weiße Haare am unteren Ende des Kleidungsstück. Mrs Wilder hat also eine Katze.
In wenigen Sekunden hatte ich ihr Auftreten vollständig deduziert. Sie hatte wieder geschlafen, dennoch schien sie sich nicht wirklich um sich zu kümmern, wie anscheinend sonst auch niemand. Außer das weiße Kätzchen, dass im selben Augenblick aus dem Flur gelaufen kam und an Mrs. Wilders Beinen vorbei auf die Straße flitzte.
"Sie sind es. Kommen sie rein.", begrüßte uns die Blonde müde, trat einen Schritt zur Seite, um uns Einlass zu gewähren. Vor John betrat ich das Haus und sah mich aufmerksam um, in meinem Kopf entstand sofort ein Lageplan der Räumlichkeiten. "Setzen sie sich doch, ich koche gerade Kaffee.", lud sie uns ein, doch ich winkte ab. "Hat ihr Mann irgendwas zurückgelassen ? Wertgegenstände, Kleidung, ähnliches ?", fragte mein Begleiter daraufhin vorsichtig, doch ich wartete die Antwort nicht ab. Natürlich musste er irgendetwas hiergelassen haben.
Ohne, dass John und Emily sonderlich Notiz davon nahmen, ging ich die Treppe hinauf und erblickte, wie erwartet, das Schlafzimmer des Paares. Das Haus war groß für zwei Menschen, ein Altbau, aber gut in Schuss. Mein Blick wanderte über den ganzen Raum, das offene Fenster, das ungemachte Bett, die Nachttische an beiden Bettseiten. Zielstrebig ging ich auf den zu, der Mr. Hamilton gehören musste und zog die Schublade schwungvoll auf. Sie war fast leer, nur zwei Bücher, beide Reiseführer, und ein Notizbuch lagen darin.
Als ich dieses aus der Schublade nahm und öffnete, dauerte es nicht lange, um zu finden, was ich gesucht hatte. Ein breites Grinsen schlich sich auf mein Gesicht, als sich mein Verdacht bestätigte. Kurz darauf ging ich mit dem Buch in der Manteltasche wieder die Treppe hinunter und fand John immer noch mit Emily im Wohnzimmer vor, welche schon wieder schluchzte. John hatte die Hand auf ihren Unterarm gelegt, genau so, wie in unserer eigenen Wohnung.
Warum fasst John Menschen immer direkt so an ? Dieses Mitgefühl. Viel zu viel Gefühl.
"Waren sie jemals zusammen bei einem Pferderennen, Mrs. Wilder ?", fragte ich direkt, als ich das Zimmer betrat. Emily sah verwirrt auf und schüttelte nach einem Moment den Kopf. "Pferderennen... ? Stuart konnte mit Sport nicht so viel anfangen...", murmelte sie vor sich hin. Verstehend sah John zu mir und zog seine Hand vom Arm der Frau zurück und ließ ihn wieder seitlich herunterhängen.
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"Für mich die Spaghetti mit Tomatensoße, bitte.", bestellte John sein Essen, dann klappte er die Karte zu und gab sie der Bedienung zurück, die mich im nächsten Moment abwartend ansah. "Nur ein Tee bitte. Schwarz.", meinte ich und schob die unangetastete Karte ebenfalls zu der jungen Frau, welche sich daraufhin entfernte.
Nachdem John und ich Emily Wilders Haus verlassen hatten, waren wir in das nächstbeste Restaurant getreten, um etwas zu Mittag zu essen. Besser gesagt, damit John etwas zu Mittag essen konnte.
"Werden sie jemals etwas mit mir essen, oder werden sie mich weiterhin nur dabei beobachten ?", fragte der Arzt, sobald wir alleine waren und legte seine Jacke neben sich auf die Sitzbank. Ich selbst hatte meinen Mantel bereits über meine Stuhllehne gehängt, den Schal ebenfalls abgelegt. Nun wandte ich den Blick vom Straßengeschehen durch das Fenster ab und sah zu John:" Sie wissen doch -", begann ich, doch er unterbrach mich und beendete den Satz :" Sie essen nichts während der Arbeit, ich weiß."
Ein vorsichtiges Lächeln umspielte seine Mundwinkel und unwillkürlich musste auch ich etwas lächeln. "Richtig. ", stimmte ich zu, dann schob ich John das Notizbuch über den Tisch, das ich aus dem Nachttisch mitgenommen hatte. "Ein Wettschein aus Queensway. 'Überraschung aus Shanghai'", las John vor, während ich ihn abwartend musterte, "Ganz schön weit weg von seinem Wohnort. Warum sollte er in Queensway einen Wettschein von... 500 Pfund ausfüllen ?"
"Genau das, John, ist die Frage.", grinste ich ihn an. John stellte schon lange die richtigen Fragen, dennoch erfreute es mich immer wieder.
In diesem Moment kam die Bedienung erneut an unseren Tisch, meinen Tee in der einen, Johns Spaghetti in der anderen Hand. "Lassen sie es sich schmecken", nickte sie John zu, dann verschwand sie wieder im Lokal. Als John begann, zu essen, drehte ich die heiße Teetasse leicht hin und her, beobachtete meinen Freund unauffällig, während er seine Spaghetti sorgsam aufrollte.
Er sieht so konzentriert aus, wenn er sich mit alltäglichen Dingen beschäftigt... So zufrieden. Als gäbe es nichts auf der Welt, was ihn davon abbringen könnte, die Nudeln ordentlich aufzurollen.
Doch John schien mein Schweigen bemerkt zu haben und sah plötzlich von seinem Teller auf, wobei ein paar Nudeln rote Soße um seine Lippen verteilten, als er sich diese in den Mund schob. "Ist was ?", fragte er daraufhin lachend, doch ich schüttelte nur den Kopf. "Sie essen wie ein Kind, John !", neckte ich ihn, ehe ich meine Teetasse anhob und einen Schluck von dem heißen Getränk nahm, um Johns Blick zu entgehen. Einen Moment schien ich zu vergessen, wie John mich vorgestern noch behandelt hatte. Als sei ich ein Monster. Kein Mensch. Abstoßend.
Seufzend stellte ich die Teetasse ab und sah wieder aus dem Fenster.
Vielleicht bin ich das ja. Nicht so gefühlvoll, wie John Watson.
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It is what it is - Johnlock
FanfictionJohn Watson und Sherlock Holmes jagen seit einiger Zeit den Verbrechern Londons hinterer. Beide ergänzen sich dabei so gut, dass sie Freunde werden - ein für Sherlock bisher unbekannter Zustand. Doch dann versucht der Consulting Detective ungelenk...
