Sherlock PoV
118 Minuten nach Johns Verschwinden
Nachdem ich aufgelegt hatte, steckte ich mein Smartphone wieder in meine Manteltasche, schlug meinen Mantelkragen gegen den kalten Wind nach oben und trat auf die Straße hinaus.
Der Inspector würde in wenigen Minuten hier sein, alleine, darum hatte ich ihn ausdrücklich gebeten.
Stuart Hamilton muss ja nicht gleich wissen, dass wir ihn holen kommen.
Beim Gedanken an diesen Mann, den ich bis jetzt noch nie gesehen hatte und doch derart verabscheute, biss ich grimmig die Zähne zusammen. Wer John Watson etwas antat, der bekam es mit mir zu tun.
Doch bevor ich weiter darüber nachdenken konnte, wie viele Möglichkeiten es für mich gab, Hamilton etwas anzutun, bog Lestrades Dienstwagen um die Ecke, das Blaulicht meinen Anweisungen folgend ausgeschalten.
Noch bevor der Wagen wirklich gehalten hatte, riss ich die Tür auf, ließ mich auf den Beifahrersitz fallen und zog die Tür im selben Zuge schon wieder hinter mir zu.
"Richtung Queensway, nun fahren sie schon !", stieß ich dabei direkt aus, ohne den Inspector zu Wort kommen zu lassen. Am Telefon hatte ich ihn nicht weiter informiert, denn jetzt zählte vor allem eins, Geschwindigkeit. Sollte Hamilton bereits an Queensway vorbei sein, würde es schwer sein, ihn wieder aufzuspüren.
Sofort wurde der Wagen wieder gestartet und Lestrade drückte das Gaspedal durch, er fuhr definitiv zu schnell. Dennoch beschwerte ich mich natürlich nicht, er wusste schon, was er tat, zudem saßen wir in einem Wagen von Scotland Yard, niemand würde uns aufhalten.
Ich komme, John. Halte durch.
"Haben sie auch irgendwann vor, mir zu erzählen, warum wir nach Queensway fahren ?", zischte Lestrade dann, den Blick jedoch aufmerksam auf die Straße gerichtet. Einen Moment hatte ich aufgebracht erwidern wollen, dass das doch offensichtlich sei, doch dann riss ich mich zusammen. Er hilft dir gerade, Sherlock. Verärgere ihn nicht.
"Die Karte, die ich ihnen gegeben habe. Vera Reynolds.", begann ich, schnell sprechend, wie ich es während einem Fall so häufig tat ," Es war Absicht, dass John sie hinterlassen hat. Nicht, weil die Frau ihn entführt hat, sondern weil sie das eigentliche Opfer war."
Bei diesem Gedanken musste ich schlucken und sah bewusst aus dem Seitenfenster, damit Lestrade meine Anspannung nicht bemerken würde.
"Die Emails auf Reynolds' Computer waren der entscheidende Hinweis. Es hätte mir direkt bei der ersten Begegnung auffallen müssen !", fuhr ich fort, wütend auf mich selbst.
Wie konntest du so blind sein, Sherlock ? Wärst du bloß nicht so fokussiert darauf gewesen, dass sie mit John geflirtet hat...
"Sie hat gelogen. Sie wusste, dass Hamilton einen Haufen Geld gewonnen hatte und deshalb verschwunden ist."
Plötzlich bog der Wagen so schwungvoll um eine Kurve, dass ich mit dem linken Arm kräftig gegen die Scheibe gedrückt wurde und spannte mich an, um dagegen zu steuern, während mein Kopf wegen der Fliehkraft ruckartig nach hinten und anschließend wieder nach vorne geschleudert wurde.
"Entschuldigung !", stieß der Inspector nur zwischen zusammengebissenem Kiefer hervor, drückte dann erneut aufs Gas und fuhr im letzten Moment über eine rot werdende Ampel.
"Sie wusste es ? Warum hat sie dann nichts gesagt ? Heißt das, Hamilton ist der Entführer ?", schossen seine Fragen dann eine nach der anderen auf mich ein und ich nickte zustimmend :" Ja, er ist es. Deshalb fahren wir nach Queensway. Sie hat nichts gesagt, weil sie eine Affäre hatten, Lestrade. Ursprünglich sollte sie etwas von dem Geld erhalten."
Auf welche Ideen manche Menschen kommen.
Angespannt hielt ich mich am Deckengriff im Wagen fest, richtete den Blick nun wieder aus der Frontscheibe, ehe ich fortfuhr :" Aber sie hat es nicht erhalten. Hamilton wurde gierig, wollte alles für sich behalten -"
An dieser Stelle unterbrach mich der Detective, ein selbstzufriedenes Grinsen auf dem Gesicht :" Also wollte sie seiner Frau alles erzählen, richtig ? Die zwei gerieten in Streit, Vera wollte Sie und Dr. Watson einweihen und in diesem Moment wollte Hamilton sie entführen !"
Etwas verblüfft starrte ich den Fahrer von der Seite an, die Augen erstaunt aufgerissen. Lestrade ist ja doch nicht so minderbemittelt, wie ich dachte.
"Grinsen sie nicht so dämlich. Nur deshalb ist John ebenfalls entführt worden.", zischte ich dann jedoch nur und wandte mich wieder ab, "Irgendetwas fehlt aber noch. Die Frau ist zur Bakerstreet gekommen, weil sie Hilfe brauchte, ja. Aber in den Emails ist von irgendeinem Druckmittel die Rede. Irgendeine Information muss Hamilton gegen sie in der Hand gehabt haben, um sie davon abzuhalten, ihn bei seiner Frau zu verpfeifen !"
Die Augenbrauen wissend nach oben gezogen sah Lestrade einen Moment zu mir, ehe er das Lenkrad erneut herumriss :" Keine Ahnung, woher er das wissen sollte, aber Vera Reynolds könnte man durchaus erpressen. Sie saß wegen fahrlässiger Tötung ihrer Schwester hinter Gittern."
Daraufhin schloss ich kurz die Augen.
Natürlich. Es würde sie sozial ruinieren.
Mittlerweile waren wir nur noch wenige Meilen von Queensway entfernt und wenn ich mich nicht getäuscht hatte, musste Hamilton dort einen Zwischenstop eingelegt haben.
Schließlich ist sein Plan schiefgelaufen. Er hat einen Fehler gemacht.
"Dr. Watson war also nur zur falschen Zeit am falschen Ort ?", hakte der Inspector dann jedoch noch einmal nach und mir blieb nichts anderes übrig, als ein knappes Nicken.
Das alles hätte nicht passieren müssen. Hätte ich nur früher nach John gesehen. Hätte ich nur selbst die Tür geöffnet.
Resigniert schnaubend ließ ich den Ellenbogen auf die Innenseite der Autotür sinken und ballte meine Hand zur Faust.
"Hamilton hat einen Fehler gemacht. Er hätte John nicht mitnehmen dürfen. Nur so konnten wir ihm so schnell folgen.", presste ich dann angespannt hervor, versuchte zwanghaft, meine Stimme fest klingen zu lassen.
Lestrade sah einen Augenblick zu mir hinüber, dann wandte er sich wieder der Straße zu und murmelte nur :" Queensway. Wir sind drin. Wohin jetzt ?"
Unschlüssig ging ich vor meinem inneren Auge alle Informationen durch, die ich hatte sammeln können. Es gab mehrere Möglichkeiten.
Zum einen wäre da Hamiltons Haus, die neue Villa, die er sich gekauft hatte.
Zu auffällig. Nie im Leben könnte er John dort unbemerkt loswerden. In der Nachbarschaft ist alles videoüberwacht.
Er hätte den Fluss nehmen können, um John dort loszuwerden.
Bist du verrückt ? Im Fluss wird man nur Leichen los. John lebt.
"Fahren sie zum anderen Ende des Ortes. Er ist bei der alten Scheune.", schlussfolgerte ich dann, es war die einzige logische Lösung, der einzige öffentliche aber verlassene Ort, zu dem Hamilton unerkannt Zutritt hatte.
"Natürlich.", murmelte der Inspector nur, drückte das Gaspedal erneut voll durch und bog ab.
Die nächsten Minuten schwiegen wir beide und mit jedem Meter, den wir die Stadt verließen und der Scheune näher kamen, begann mein Brustkorb sich enger zusammenzuziehen, bis ich das Gefühl hatte, gleich keine Luft mehr zu bekommen. Er muss einfach noch da sein. John. John muss einfach dort sein.
Die kalte, schwitzende Faust an die Lippen gelegt, sah ich angestrengt aus dem Fenster, als das heruntergekommene Gebäude in Sicht kam, das von altem Holzzaun umgeben war, der durch die Kälte komplett eingefroren in der Mittagssonne schimmerte.
Und dann erblickte ich ihn, den nagelneuen, weiß glänzenden SUV mit Hamiltons Kürzel auf dem Kennzeichen. Er ist hier.
Doch dann riss mich Lestrade bereits aus meinen Gedanken, während wir in seinem Wagen auf die Rasenfläche rasten :" Sherlock.", murmelte er nur, sah mich verbissen von der Seite an, als der Motor mit einem letzten Brummen ausging und wir vor dem Zaun zum Stehen kamen.
Und in diesem Moment erkannte ich, warum er mich so ansah.
Der Kofferraum des weißen Wagens stand sperrangelweit offen. Und es lag nur eine Person darin.
Sie trägt einen kobaltblauen Schal.
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It is what it is - Johnlock
FanfictionJohn Watson und Sherlock Holmes jagen seit einiger Zeit den Verbrechern Londons hinterer. Beide ergänzen sich dabei so gut, dass sie Freunde werden - ein für Sherlock bisher unbekannter Zustand. Doch dann versucht der Consulting Detective ungelenk...
