Anfänger

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John PoV

"Stuart Hamilton kennt sich nicht aus mit Sportwetten. Der Wettschein, den wir hier haben, war sein erster. Jemals. Und er hat direkt auf 500Pfund gesetzt. Was sagt uns das, John ?", begann Sherlock plötzlich, wie ein Wasserfall zu sprechen, bevor er die Handfächen vor seinen Lippen aneinanderlegte und ein paar Schritte in der Küche herumlief.

Mit offenem Mund starrte ich den Detektiv an, den Mann, der soeben das gesamte Bild, das ich bisher von ihm hatte, vollkommen verschoben und neu angeordnet hat. Und jetzt stolzierte er einfach in der Küche herum und sprach über seine Ermittlungen in Queensway, als wäre nichts geschehen.
Unfähig zu antworten, blieb ich regungslos stehen, doch das schien Sherlock nicht zu kümmern, er sprach bereits weiter :" Natürlich hat er verloren, direkt Schulden gemacht. In der Woche danach war er wieder am Wettstand, setzte auf das Pferd mit dem Namen 'Pariser Wunder', dieses Mal ganze 1000 Pfund !"

An dieser Stelle blieb er kurz stehen, hob erwartungsvoll den Blick. "Nun denken sie doch nach, John, es ist offensichtlich ! Rufen sie Lestrade an, jetzt.", gab er mir Anweisungen, doch ich war noch immer zu sehr geschockt, um logische Schlussfolgerungen zu ziehen. Sherlock Holmes hatte Weihnachtskekse backen wollen. Für... ? Ja, für wen genau, John ? Für wen sollte Sherlock BACKEN ?

"John ! Ihr Smartphone !", rief der Consulting Detective noch einmal lauter, mich dabei eindringlich anstarrend. Wie in Trance griff ich in meine Hosentasche und zog das Smartphone hervor und als ich auf Lestrades Kontakt drückte, bemerkte ich, dass meine Hand wieder leicht zitterte. Als Lestrade sich meldete, bemühte ich mich darum, gefasst zu wirken :" Lestrade ? Hier ist Dr. Watson. Es geht um Stuart Hamilton, den verschwundenen, zukünftigen Ehemann von Emily Wilder."

Angestrengt achtete ich auf meine Stimme, vermied es dabei bewusst, meinen Mitbewohner direkt anzusehen. Was passierte hier gerade ? "Frag ihn, ob in der letzten Woche Daten von Hamilton erfasst werden konnten.", zischte Sherlock mir zu, wobei er einen Schritt auf mich zutrat. Nervös wiederholte ich die Frage laut für Lestrade und stellte diesen auf Lautsprecher, bevor er antwortete, damit ich nicht jedes Wort für Sherlock wiederholen musste.

"Hamilton hat seit sechs Tagen weder seine Bankkarte genutzt, noch irgendeinen Ausweis oder Pass benutzt, um sich irgendwo zu registrieren.", erklärte der Komissar nach einer kurzen Pause, in welcher er die Daten überprüft hatte. Abwartend sie ich Sherlock an, zumindest, wenn es zählte, dass ich seinen obersten Hemdknopf aus dem Stoff zu brennen wollen schien, der Verbissenheit meines Blickes nach zu urteilen.
"Wunderbar... einfach wunderbar !", murmelte Sherloch dabei grinsend, nahm mir in einer schnellen Bewegung mein Handy aus der Hand und legte auf. Offensichtlich hatte er den Fall bereits gelöst, doch meine Gedanken rasten noch immer, konnten sich nicht wirklich ordnen, weshalb ich gar nicht daran dachte, mich auch nur eine Sekunde lang mit dem Fall zu beschäftigen.

"Ist das ihr Ernst, Sherlock ?", schaffte ich es dann endlich, hervorzustoßen, ein leicht wütender Unterton war aus meiner Stimme herauszuhören.
Da tat dieser gefühlskalte Mensch einmal in seinem Leben so etwas nettes, zuvorkommendes, liebevolles und man freute sich darüber, war unglaublich stolz und wie genau reagierte er darauf ? Gar nicht. Er lenkte einfach komplett vom Thema ab !

"Sherlock. Ich rede mit ihnen !", wiederholte ich mit Nachdruck, als eine Antwort ausblieb und machte ebenfalls einen Schritt auf meinen Mitbewohner zu, sodass ich ihm mit dem Zeigefinger vorwurfsvoll gegen den warmen Brustkorb tippen konnte. Schweigend sah Sherlock zu mir hinunter, er versuchte nicht mehr, über den Fall zu sprechen. Wahrscheinlich wusste er, dass ich jetzt niemals locker lassen würde. Ich musste erfahren, warum er das getan hatte. Ich musste es einfach verstehen.

"Ich bin nicht taub, John.", murmelte der Lockenkopf jedoch nur, während er seine Hand hob, um sie vorsichtig um mein Handgelenk zu schließen. Dort verweilte sie einen Moment, Sherlocks warme Finger sandten Stromschläge durch meinen Arm, dann schob er meinen Zeigefinger von seinem Brustkorb und ließ meine Hand geradezu fallen. Ich schluckte, schaute nur weiterhin zu meinem Freund nach oben. "Warum, Sherlock ? Warum wollten sie etwas backen ? Wofür ?", fragte ich dann eindringlich, suchte in den unergründlichen Augen des Detektivs nach einer Antwort, die zu begreifen war.

Wie wir so völlig regungslos dastanden und uns gegenseitig in die Augen sahen, schien die Zeit stillzustehen und fast hatte ich das Gefühl, dass ich zu ertrinken drohen würde, sollte sich die Spannung in meinem Inneren nicht bald verflüchtigen. Doch eine Antwort sollte ich heute wohl nicht mehr bekommen.

"Sherlock ! John ! Sind sie zuhause ?", erklang plötzlich die helle Stimme von unserer Haushälterin im Treppenhaus, was Sherlock und mich ruckartig auseinanderfahren ließ. "Mrs Hudson. Kommen sie nur herein.", rief Sherlock laut und deutlich zurück, wobei er ohne einen weiteren Blick zurück aus der Küche trat, um die ältere Dame hereinzulassen. Ich hatte keine Ahnung, ob ich sie in diesem Moment verfluchen oder ihr dankbar sein sollte, dass sie die Situation gestört und der angespannten Stimmung damit ein Ende gesetzt hatte.

Ich folgte Sherlock aus der Küche und erblickte Mrs Hudson auf der Treppe, die ein Tablett mit einer Kanne Tee und einem Teller perfekt gebackener Weihnachtskekse die Wohnung betrat, die ich mir mit Sherlock teilte. Doch der Anblick dieser Kekse war mir einfach zu viel.

Niemals setzte ich mich jetzt hin und drinke mit Sherlock eine Tasse Tee.

"Entschuldigen sie mich.", murmelte ich schnell, griff nach meinem Mantel neben der Tür und quetschte mich mit diesem in der Hand so schnell an der konzentrierten Haushälterin vorbei, dass diese eine Sekunde drohte, das Gleichgewicht zu verlieren und den Tee im Treppenhaus zu vergießen.
Doch auch darüber konnte ich mir gerade keine Gedanken machen, eine Erklärung für die arme Frau musste ich mir später überlegen. Aber jetzt musste ich hier raus.

Weg. Einfach nur weg. Ganz weit weg von Sherlock Holmes.

It is what it is - JohnlockWo Geschichten leben. Entdecke jetzt