Rettung

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Sherlock PoV

146 Minuten nach Johns Verschwinden

Ohne ein weiteres Wort riss ich die Autotür auf und sprang aus dem Wagen, erst in diesem Moment realisierend, dass ich die ganze Zeit nicht angeschnallt gewesen war. Das ist gefährlich, Sherlock !
Es war Johns Stimme, die diese Worte in meinen Gedanken flüsterte, nicht meine eigene.
John.
Ohne auf Inspector Lestrade zu warten, eilte ich auf den brüchigen Holzzaun zu, sprang über einen der zusammengefallenen Pfosten und blieb im nassen Gras schlitternd stehen, als ich das Auto Hamiltons erreicht hatte.

Lestrade hat Recht.
Nur Vera Reynolds lag im Kofferraum des SUVs, einen Knebel zwischen die Lippen geschoben, Hände und Füße waren hastig zusammengebunden worden und der blaue, lange Schal umrahmte das blasse Gesicht der Frau  in einem Wirrwar aus Fusseln.
All das hatte ich blitzschnell registriert, bekam dabei jedoch gar nicht mit, wie Lestrade schwer atmend neben mir ankam, eine Hand vorsichtshalber am Holster seiner Dienstpistole liegend.

"Verdammt, Sherlock.", stieß er dann zwischen zwei angestrengten Atemzügen hervor und schüttelte hilflos den Kopf. Sie atmet nicht.
Erschrocken streckte ich meine Hand nach ihr aus, schob Zeige- und Mittelfinger vorsichtig unter den Schal und legte diese abwartend auf ihren warmen Hals. Mit jeder Sekunde, die verstrich, spürte ich das Engegefühl in meinem Brustkorb zurückkehren und schließlich hielt ich es nicht länger aus und zog meine Hand ruckartig zurück.
"Kein Puls.", murmelte ich mit großen Augen, schüttelte dabei leicht den Kopf, doch Lestrade schloss nur für einen Moment die Augen, ehe er Vera an der Schulter packte und mit kräftigem Ruck herumrollte.

Blut. So viel Blut.
Eine große Platzwunde klaffte am Hinterkopf der Frau, das braune Haar war von warmem, dunkelroten Blut verklebt, welches von Veras langem Schal aufgesaugt worden war.
John. Wo ist John ?
Ohne weiter darüber nachzudenken, dass Miss Reynolds offekundig tot war, riss ich den Blick von ihrer Wunde los und wandte mich vom Auto ab, einen gehetzten Ausdruck auf dem Gesicht.

"John ! Jooooohn !", brüllte ich mit vor dem Mund zum Trichter zusammengelegten Händen in die Weite hinaus, während ich auf die schräg in den Angeln hängende Scheunentür zurannte. In diesem Moment war all meine Vorsicht vergessen, es war mir egal, dass Hamilton mich definitiv hören würde, es war mir egal, dass ich unseren Vorteil damit aufgab.
Alles woran ich denken konnte, war John.
John mit Knebel im Mund.
John mit Platzwunde am Hinterkopf.
John. Tot.

"John !", rief ich erneut, stolpernd, als ich das Tor erreichte und unachtsam zur Seite stieß, um die Scheune zu betreten. Ich wusste nicht, ob Lestrade mir folgte, Verstärkung anordnete oder sonst was tat. Es war mir egal.
Finde ihn, Sherlock. Finde ihn.

Außer Atem kam ich schlitternd zum Stehen, meine Augen zuckten unruhig hin und her, als ich versuchte, so viel wie möglich gleichzeitig aufzunehmen.
Altes Stroh, Lichteinfall von allen Seiten, Fußabdrücke, zwei Spuren.
Eine Spur hört auf.
Blut.
Auf dem Boden ist Blut.
Schnell atmend machte ich ein paar Schritte nach vorne, kniete mich auf den Boden und strich mit dem Zeigefinger über die Blutstropfen im Holz. Sie waren frisch.
Es sind nur Tropfen. Beruhige dich. Du musst dich beruhigen.

Einen Moment gelang es mir, mich zu konzentrieren, mich darauf zu fokussieren, was vorgefallen war. John war zu Boden gestoßen worden. Er musste bewusstlos geworden sein, denn seine Fußspur hörte auf, stattdessen wurde Hamiltons breiter und das Stroh auf dem Boden war auf einer Bahn verschwunden.
Er hat ihn hinter sich hergezogen !

Dann hechtete Lestrade an mir vorbei, die Pistole in den ausgestreckten Armen vor sich haltend, der Spur auf dem Fußboden in die hintere Ecke der Scheune folgend. Ohne ein Wort zu sagen, folgte ich ihm, bog hinter einem verschimmelten Strohballen ab und ein kleiner Schuppen erschien in unserem Blickfeld, der durch einen leeren Türrahmen mit der Scheune verbunden war.

"John !", stieß ich erschrocken aus, als ich meinen Freund erblickte, wie er zusammengesunken auf einem alten Stuhl saß, gefesselt an Händen und Beinen, ein faulig aussehendes Tuch als Knebel im Mund. Nein !
Meine Augen waren erleichert und gleichzeitig verängstigt aufgerissen, denn Johns Kopf hing bewegungslos auf seinem Brustkorb, der sich nur langsam hebte und wieder senkte.
Er hat Schläge auf den Kopf bekommen aber er atmet. Eindeutig.
Oh John.

"Achtung, Sherlock !", schrie Lestrade dann plötzlich, gerade als ich auf John hatte zueilen wollen und bevor ich mich umdrehen konnte, stieß mich der Inspector hinter einem Strohballen unsanft zu Boden und das Nächste, was ich vernahm, war ein schnell erfolgender Schusswechsel. Regungslos verharrte ich auf dem Boden, ein weiterer Schuss wurde abgefeuert, dann erklang ein langezogener Schmerzensschrei und kurz darauf klapperte ein dumpfer Gegenstand zu Boden, gefolgt von einem noch dumpferen Schlag.
Lestrade hat ihn getroffen.

Ruckartig sprang ich vom Boden auf und hinter dem Strohballen hervor, nur um einem schwer atmenden Lestrade in die Augen zu blicken, der mir kurz zunickte, ehe er die Handschellen von seinem Gürtel löste und den Schuppen betrat, hinter dessen Eingang sich Stuart Hamilton mit schmerzverzerrtem Gesicht auf dem Boden krümmte und seine Hände auf den Oberschenkel gepresst hatte, aus dem dickflüssiges Blut quoll.

Ohne ihm weiter Beachtung zu schenken, hetzte ich an ihnen vorbei zu John und kniete mich vor dem Stuhl auf den Boden. Schnell streifte ich meinen Mantel ab, schmiss ihn unachtsam zur Seite und hob Johns Kinn vorsichtig mit meiner Hand an, um ihm ins Gesicht sehen zu können. "John ? John, kannst du mich hören ?", flüsterte ich außer Atem, deutliche Sorge in der Stimme.
Seine Wange ist komplett aufgeschürft. Er hat überall blaue Flecken. John. Komm schon, John.

Obwohl er anscheinend keine schwerwiegenden Verletzungen zu haben schien, fiel es mir schwer, mich zu beruhigen. John. Ich dachte ich habe dich verloren. Weil ich zu faul war, die Tür selbst zu öffnen.
"Es tut mir leid.", murmelte ich flehend und ließ meine Hand langsam sinken.
Doch in diesem Moment schlug mein Gegenüber langsam blinzelnd seine Augen auf und mit einem schmerzverzerrten Stöhnen hob er vorsichtig den Kopf.
"Sie haben mich geduzt, Sherlock.", murmelte er nur, die Augen immer noch nicht ganz geöffnet und mir blieb nichts anderes übrig, als mit Erleichterung in den Augen grinsend den Kopf zu schütteln.

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[ Ich wünsche euch allen ein Frohes neues Jahr und alles alles Gute für dieses 😊🎉 ! ]

It is what it is - JohnlockWo Geschichten leben. Entdecke jetzt