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Wir begaben uns zu meinem Wagen. Ich stieg auf der Fahrerseite, Adriana auf der Beifahrerseite ein. Sobald wir beide angeschnallt waren startete ich den Motor und verliess die Garage. Ich wusste nicht, wohin Adriana so plötzlich wollte, aber es schien für sie sehr wichtig zu sein.

"Also wo soll's hingehen?", fragte ich sie, hielt meinen Blick aber auf die Strasse gerichtet.

"Auf... Auf den Friedhof", sagte sie. Ich konnte kaum erkennen, was sie machte, aber aus dem Augenwinkel sah es so aus, als würde sie den Kopf hängen lassen. Ich nahm meine Hand von der Gangschaltung und legte sie ihr auf den Arm.

"Möchtest du darüber reden?", fragte ich sie und sah sie kurz an, die Aufmerksamkeit aber trotzdem noch auf die Strasse gerichtet. Sie nickte schwach.

"Erzähl mir doch etwas über deinen Bruder", sagte ich und behielt meine Hand auf ihrem Arm. Ich nahm sie nur weg, wenn ich den Gang wechseln musste.

"Tommy, so heisst... Nein... Hiess er...", sagte sie und hielt inne. Ich hörte sie leicht schniefen.

"Im Handschuhfach sind Taschentücher, falls du sie brauchst." Auf Knopfdruck öffnete ich das Handschuhfach und Adriana nahm sich eine Packung Taschentücher.

Dann fing sie wieder zu Reden an.

"Tommy war mein kleiner Engel. Er und ich hatten so vieles gemeinsam und immer, wenn es mir schlecht ging, war er für mich da, auch wenn er nicht verstand, was nicht in Ordnung war. Er sagte immer zu mir: 'Wenn ich gross bin, dann verdresche ich jeden, der dir weh tut!' Er sah zu mir auf. Für ihn war ich die Grösste, seine Heldin. Unsere Mutter starb, als er noch ganz klein war. Ich war damals gerade mal zehn Jahre alt, er drei, also konnte er sich kaum an sie erinnern. Daher war ich für ihn nicht nur seine Schwester, sondern auch eine Art Mutter..."

Adriana hatte Mühe damit, zu erzählen, das war ihr anzumerken, denn sie schluckte zwischendurch immer schwer und immer wieder tupfte sie sich die Augen mit einem Taschentuch.

"Das ging auch für ein paar Jahre gut, aber letztes Jahr... Da geschah es... Es war gerade ein paar Tage nach meinem achtzehnten und vor Tommys elften Geburtstag. Tommy, mein Dad und ich waren auf dem Weg zu meinen Grosseltern, weil wir dort seinen Geburtstag feiern wollten. Das Wetter war zwar nicht sonderlich schön, aber auch nicht so grauenhaft, dass man eine schlechte Vorahnung gehabt hätte... Tommy sass gemütlich hinten auf dem Rücksitz in seiner Sitzerhöhung, mein Dad am Steuer und ich auf dem Beifahrersitz. Die Strasse war nass von dem Platzregen, der plötzlich vom Himmel fiel. Das Auto wurde ein wenig langsamer, weil mein Dad das Tempo drosselte, um nicht ins Schleudern zu geraten. Durch das viele Wasser bildeten sich viele Pfützen auf der Strasse. Bis wir bei meinen Grosseltern wären, dauerte es noch gut eine Stunde und wir dachten auch, dass wir gut vorankämen, aber da wussten wir noch nicht, was zehn Minuten später passieren würde. Wenige Kilometer später kam eine scharfe Rechtskurve, mein Dad verlangsamte den Wagen, schaltete auf die Abblendlichter um und fuhr vorsichtig um die Kurve.

Doch der entgegenkommende Fahrer hatte nicht nur das Fernlicht an, sondern raste mit einer ungeheuren Geschwindigkeit auf uns zu. Ich konnte nichts sehen, meinem Dad ging es genau so. Ehe wir wussten wie uns geschah, befanden wir uns schon im Sturzflug nach unten. Der andere Fahrer hatte uns mit voller Wucht erwischt und uns von der Strasse verfrachtet. Der Wagen überschlug sich mehrere Male und der Air-Bag vorn wurde ausgelöst. Als der Wagen zum Stillstand kam, befand er sich auf dem Dach. Mein Dad war bewusstlos auf dem Fahrersitz, seine Arme hingen schlapp nach unten. Ich versuchte mich aus meinem Sitz zu befreien um nach Tommy zu sehen...", sagte Adriana. Sie hielt inne. Dann atmete sie einmal tief ein und aus und setzte fort.

"Ich kroch aus dem Wagen und versuchte, Tommy aus dem Wagen zu holen. Er hatte die Augen geschlossen und nirgends war Blut bei ihm zu sehen, also ging ich davon aus, dass er auch bewusstlos war, wie Dad. Ich zog ihn aus dem Wagen und legte ihn behutsam auf den Boden. Dann holte ich meinen Dad aus dem Wagen. Bei ihm fiel es mir nicht so leicht wie bei Tommy, aber das war auch kein Wunder. Dad war ein erwachsener Mann, wog etwa 75 Kilo. Tommy war nur ein kleiner, zehn-jähriger Junge mit etwa 40 bis 45 Kilo. Ich schleifte Dad neben Tommy und legte ihn ebenfalls hin. Ich selbst setzte mich neben sie und musste erstmal verschnaufen und zu Atem kommen. Dann suchte ich mein Handy. Es war unbeschadet und Empfang hatte ich auch. Das hiess ich konnte Hilfe rufen, was ich dann auch tat.

Als das Telefonat beendet war, widmete ich mich wieder meinem Bruder und meinem Dad. Er war aufgewacht, aber Tommy lag immer noch bewusstlos da. Ich kniete mich neben ihn und legte seinen Kopf auf meinen Schoss. Dabei fiel mir auf, dass er ganz blass war... Daher legte ich mein Ohr über seine Lippen, um zu hören ob er noch atmete oder ob ich einen Lufthauch spüren konnte, aber da war nichts.

Dann legte ich meinen Kopf auf seine Brust. Es war kein Herzschlag zu hören... Und mit einem Mal wurde mir klar, dass mein kleiner Bruder tot war... Der Schock über diese Tatsache war riesig. Aber ich konnte nicht weinen. Ich wollte es, aber ich konnte nicht. Mein Dad bekam gar nichts mit, denn er legte seinen Kopf wieder hin und schloss die Augen. Dann kam auch schon die Hilfe und brachte meinen Dad, mich und... Tommys toten Körper weg..."

Mir lief ein kalter Schauder über den Rücken. Adriana hatte mittlerweile angefangen leicht zu weinen. Doch sie hörte nicht auf und erzählte weiter.

"Als wir alle im Krankenhaus waren, wurde ich untersucht. Mehr als einen Schock und eine geprellte Rippe hatte ich glücklicherweise nicht davongetragen. Dad hatte einen gebrochenen Arm und sein rechter Oberschenkel war leicht angeknackst, aber ansonsten trug auch er keine grösseren Schäden davon. Was Tommy angeht, so wurde mir bestätigt, dass er bei dem Sturz ums Leben kam. Bei dem ersten Aufprall brach eine seiner Rippen und durchbohrte sein Herz... Er verblutete innerlich... Dad und ich wurden entlassen, mussten aber in der nächsten Woche nochmal vorbei für eine Kontrolluntersuchung. Tommy wurde in die Leichenhalle gebracht und verwahrt, bis wir alles für seine Beerdigung vorbereitet hatten. Im Endeffekt fand die Beerdigung zwei Wochen nach dem Unfall statt... Und heute ist es genau ein Jahr her seit seiner Beerdigung. Am 14. Juni 2017 wurde er begraben...", sagte Adriana und liess ihren Tränen freien Lauf. Während sie erzählte, hatte ich am Strassenrand angehalten und hielt ihre Hände. Sie zitterte fürchterlich. Der Verlust sass ihr noch immer tief in den Knochen. Ich löste meinen Sicherheitsgurt und den von Adriana auch. Dann zog ich sie zu mir auf den Schoss und schloss sie in meine Arme. Sie versteckte ihr Gesicht an meiner Schulter und liess all ihren Kummer raus. Ihr Schluchzen zerriss mir fast das Herz.

Am Anfang der EwigkeitWo Geschichten leben. Entdecke jetzt