Kapitel 4

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Nach dem Training wollte ich noch etwas im Park rum laufen. Ein bisschen frische Luft. Beim Training bekam ich nicht genug. Wenn ich schon dabei war, dann nahm ich auch gleich meinen Hund mit. Ich sah ihn ja so selten, da mein Bruder ihn sich gerne klaute und für sich behielt. Twix, unser Shiba Inu. War das Muster zu erkennen? Damian taufte mich Milkyway und unseren Hund gab er den Namen Twix. Eher gesagt inspirierte er meinen Bruder dazu. Joel mochte Damian sowieso mehr als mich.

Twix war sehr schlau und gut trainiert. Ich brauchte ihn nicht an der Leine zu halten, er lief brav neben mir. Dann hörte ich vom Skatepark aufgeregtes Klatschen. Da gab wohl jemand mit seinen Künsten an. Ausnahmsweise sah ich es mir auch mal an. Twix folgte natürlich. Als ich am Geländer stand, wollte ich wieder gehen. Natürlich war es Aurelian, so wie mich das Schicksal lieb hatte. Ohne Zweifel sah ich ihn hasserfüllt an. Aber er hatte Talent... War aber ganz schön gefährlich, ohne Schutzkleidung solche Stunts zu machen, wie an der Wand zu fahren. Er fuhr bestimmt schon ganz schön lange. So zerkratzt, wie die Unterseite seines Skateboards war. Außerdem sah das so reibungslos aus, richtig professionell. Wenn er nichts Besseres im Leben zu tun hatte...

An sich war ich nicht beeindruckt, aber bei einem Mal musste ich genauer hinsehen. Bei einem Geländer sprang er so ab, dass das Skateboard genaustens seitlich durch das enge Geländer flog und sich wieder so drehte, dass er drauf landete und weiter fahren konnte. Das sah aber echt verdammt knapp aus. Na gut, genug gesehen. "Komm Twix", wollte ich mir den Hund greifen, doch er schien nicht zu wollen. Er fing an zu bellen. So erlangten wir Aurelians Aufmerksamkeit. Na super... Seine Augen leuchteten auf und er flog vom Skateboard. Dass er sich sämtliche Stellen prellte und aufschrammte war ihm egal. Er kam einfach nur auf mich hinzu gelaufen, eher gesagt auf Twix: "Ein Hündchen!". Er kletterte aus dem Stuntpark und kroch durch das Geländer auf unsere Seite. Völlig fasziniert streichelte er ungefragt meinen Hund: "Oh bist du niedlich! Und flauschig! Und sabberig!". Ich schnauzte ihn an: "Hör mal, hast du noch nie zuvor einen Hund gesehen?!". Er schielte mich von dort unten an: "Doch, dich".

Die Leine, welche ich zur Sicherheit in der Hand hielt, warf ich auf den Boden und ich ging ihn an. Er war ziemlich stark, daher konnte ich ihn nicht schlagen. Aber wir wrestelten miteinander. "Was erlaubst du dir, mich einen Hund zu nennen?!", fragte ich, während wir angestrengt miteinander "kämpften". Dabei lag er unter mir und war ebenfalls angestrengt: "Entschuldigung, du hast ja Recht. Du besitzt einen Hund, bist aber selbst ein Köter!". Ein Mal alles zusammen gerissen und ich schaffte es, ihn zur Seite zu reißen. Dabei nur mich selbst mit und wir rollten die Rampe gemeinsam runter. Dann lag er über mir und wir rangelten weiter. Er knurrte: "Ich wollte nur in Ruhe mein Leben hier leben! Du kannst das ja nicht akzeptieren!". -"Du hast mich doch beleidigt!". -"Du hast meine ganze Gemeinschaft beleidigt! Ohne Rechtfertigung!". -"Ich habe aber ein Recht auf Meinungsfreiheit!". -"Ich habe ein Recht auf freie Sexualität! Die Seite im Gesetzbuch kann ich dir mit Paragraph und Absatz auswendig aufsagen!". -"Warum zur Hölle hast du zu allem einen Gott verdammten Konter?!". -"Weil ich schon oft so konfrontiert wurde! Und ich habe Hoffnungen darauf, dass du mich wenigstens akzeptieren könntest!".

Ich gab nach. So lockerte ich meine Arme und er fiel fast auf mich drauf. Direkt an meinem Gesicht sah er mir in die Augen. Ich schluckte einmal: "Zu. Nah...!". Er stützte sich etwas nach oben und erzählte: "Es ist nicht leicht, damit zu leben Shiro. Aber das ist, was ich bin. Ich wurde oft dafür schikaniert. Hier in Amerika habt ihr extra einen ganzen Monat, um die Akzeptanz zu zeigen. Ich habe nicht immer hier gelebt. Bitte, Shiro. Tu mir einen Gefallen und behandel mich wenigstens nicht wie Dreck. Denke einfach ich sei... normal...". Unwohl sah ich ihn an. Vom Geländer riefen die Leute: "Du bist normal!", "Auch du bist ein Mensch, wie jeder andere auch!", "Ignorier diesen Deppen!", "Denk nicht so falsch über dich!". Damian hätte mir gesagt, ihn zu akzeptieren... Also knurrte ich laut auf: "Na schön! Aber erzähl da meinen Eltern nicht von! Denn sie können wirklich zur Hölle werden, wenn es um so was geht!". "Ist ok...", war seine Stimme glasig. Er stand auf und half mir aus.

Ich sah ihn nicht mehr an. Vom Geländer hörte ich nur: "Entschuldige dich!", "Mach das wieder gut!", "Küss ihn!". "Auf keinen Fall!", schrie ich rot werdend nach oben. Aurelian schüttelte mit dem Kopf: "So was kann ich auch nicht von dir verlangen. Ich kann deine Position wirklich nachvollziehen. Ich war zwar mal wie du. Aber das heißt nicht, dass du wie ich werden wirst. Es ist ok. Akzeptiere mich bitte von nun an einfach nur. Das reicht mir aus". Derweil wurden diese Aufforderungen von oben weiterhin gerufen. Es setzte mich unter Druck. Das sprach sich sicherlich in der Schule rum... Ich wurde schon so ohne Damian geneckt. Wenn ich mich jetzt nicht entschuldigte... 

Mit zusamen gezogenen Schultern schielte ich Aurelian knapp an. Ganz schnell und flüchtig gab ich ihn einen Kuss auf die Wange. Dann schnappte ich mir aber Twix und rannte ganz schnell davon. Ganz, ganz schnell! Doch neben mir holte ein Skateboard auf, darauf ein großäugiger Aurelian. Ich rannte weiter, schneller. Plötzlich zog er rüber und schnitt mir den Weg ab. Ich musste abbremsen, sonst wäre ich gestolpert und das wollte ich Twix in meinen Armen nicht antun. Als ich stehen blieb und so auch Aurelian abbremste, bellte Twix einmal. Aurelian drehte sein Board etwas und stieß leicht an. Somit drängte er mich nach hinten. Irgendwann kam ich an einem großen Baum an und ich wurde wieder von ihm gefangen gehalten. Seinen rechten Arm legte er über meinem Kopf am Stamm ab. Er stieß sein Board nach hinten und sprang ab. Leise fragte er: "Was sollte das werden? Deine Entschuldigung?". Ich sah wieder zur Seite weg: "Was denkst du denn? Dass ich das gerne tu? Für mich ist das Verletzung der Würde. Ich akzeptiere dich jetzt und Punkt".

"Ich habe gesagt, dass ich das von dir nicht verlangen kann - aus einem Grund. Ich weiß, dass du auch deine Würde hast. Deswegen wollte ich das von dir nicht verlangen. Wirklich, ich weiß, was vor mir steht", redete er auf mich ein, "Somit hast du dich nicht entschuldigt, sondern nur uns beide beleidigt". "Was willst du jetzt?! Dass ich dich auf den Mund küsse?!", regte ich mich auf. "Ganz ehrlich, wärst du nicht so Anti, würde ich es wollen. Du bist süß", gab er zu. Ich riss meine Augen auf. "Aber nicht so. Du willst das nicht, also will ich es erst Recht nicht", schüttelte er mit dem Kopf. "Ich will... mich entschuldigen...!", knurrte ich sauer, "Wie es die Leute vom Skatepark sagen, werden ein paar Worte wohl nicht ausreichen...!". "Du sprichst von der Zukunft...", merkte er an, "Denkst du wirklich, dass das eben nicht ausgereicht hätte?". "Sobald ein Foto an meine Eltern gerät, bin ich am Ende...", umging ich die Frage.

"Hier ist keiner, beantworte meine Frage...", forderte er auf. Ich sah ihn kaum an: "In menschlicher Moral betrachtet...". Vorsichtig griff er nach meinem Kinn und drehte meinen Blick zu sich: "Heute Morgen war deine menschliche Moral anders...". Ich sank etwas in mich ein und zappelte dann leicht: "Mein Gott! Tu es doch einfach!". Er sah Twix in meinen Armen an: "Schüttel deinen Hund nicht. Der kann da nichts für". Ich knurrte ihn an. Der ärgerte mich doch! Der nutzte das doch vollstens aus! Aber er kam mir dann doch noch näher. Im letzten Moment zog ich weg und stotterte: "W- weißt du... Ich habe noch n- nie jemanden g- geküsst...". Unter mir bellte Twix auf einmal. Aurelian schnurrte: "Selbst dein Hund sagt dir, dass du zu viel redest". Wieder drehte er meinen Blick zu sich. Ich kniff meine Augen zusammen und ließ es einfach passieren. Was war ich froh, als es vorbei war.

Ich hielt mir die Hand vor den Mund und quietschte kurz auf. Er sah mich unsicher an. Dann schüttelte ich mit dem Kopf und nahm den Fluchtweg unter seinem Arm durch. Wieder rannte ich so schnell ich konnte. Zurück Zuhause setzte ich Twix ab und kramte die Flasche mit dem Weihwasser raus. Nicht für Gott, sondern für meine Eltern. Meine Mutter trat besorgt um die Ecke: "Shiro? Was ist denn los?". "Sünde! Ich habe eine Sünde begangen!", schüttelte ich atemlos mit dem Kopf. Erschrocken hielt sie sich die Hand vor den Mund: "Shiro... Wir müssen in die Kirche und du wirst auf den Beichtstuhl gehen!". Ich nickte. So lange sie nicht erfuhr, was es war...

Oh Lord I'm GayWo Geschichten leben. Entdecke jetzt