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Die ganze Zeit sehe ich Lisa an. Sie tut so als wäre nichts und vielleicht bilde ich mir das ganze auch nur ein, aber ich hätte nie gedacht, dass ausgerechnet sie mich hintergehen würde. Sie schaut zu unserem Dozenten, der gerade ein paar letzte Worte sagt, bevor wir heute alle gehen können. Dieser Montag zieht sich endlos hin. Sie grinst und lehnt sich zu Miri die ihr etwas ins Ohr flüstert. Eigentlich sollte ich wütend auf sie sein, weil sie mit Dylan geschlafen hat, wissend das er mit mir zusammen ist. Dass er mit anderen rummacht, daran habe ich mich mittlerweile gewöhnt, aber als eine Freundin ist sie einen Schritt zu weit gegangen. Ich bin viel mehr enttäuscht darüber, dass sie mir so etwas antut. Wir waren nie beste Freunde, aber wir haben uns immer gut verstanden. Jetzt sehe ich sie in einem ganz anderen Licht. Sie respektiert weder mich, noch meine Beziehung. Von anderen hätte ich das auch nicht erwartet. Viele der Frauen, mit denen Dylan schläft, wissen nicht ein Mal, das ich existiere. Aber Lisa hat die Latte angehoben und ist Limbo darunter getanzt. Auf ihrem Hals zeichnen sich noch immer blaue Knutschflecken ab.

Vielleicht bin ich ja auch ein bisschen selbst dran Schuld, dass mich jeder so behandelt. Immerhin sage ich nie ein Wort. Und das ist falsch, aber wie soll ich etwas sagen, wenn mir doch nie jemand zu hört. Meine Stimme verschwindet immer in der Masse, wird überhört oder im Keim erstickt. Niemand interessiert sich für das, was ich zu sagen habe. Es ist als wäre ich unsichtbar.

„Kommst du?" Miri grinst mich an. Ich blinzle mehrmals und nehme meinen Blick von dem Stuhl, auf dem Lisa die ganze Zeit noch saß. Jetzt steht sie neben Miri, schaut auf ihr Handy und grinst. Es könnte Dylan sein, der ihr gerade geschrieben hat. Ich schaue auf mein Telefon. Nichts, keine Nachricht, kein Anruf. Nur wenige Leute interessieren sich genug für mich, um mir auch zu schreiben. Ich bin nicht interessant genug. Der Hörsaal leert sich mehr und mehr, bis irgendwann nur noch wir und ein paar andere hier sind. Nickend verstaue ich meinen Laptop und meinen Notizblock und folge den beiden raus. Die Kälte schlägt mir gegen die Wangen. Obwohl die Sonne immer noch so schön scheint wie heute Morgen, ist es trotzdem unglaublich kalt. Ich binde meinen Mantel zu und folge den beiden auf das Unigelände. Mein Blick fällt zu einer Gruppe von Studenten die rauchend am Eingang stehen und sich unterhalten.

„Die Damen", begrüßt uns jemand. Bevor ich realisieren kann, wer es ist der da spricht, legt Dylan schon seinen Arm um mich und gibt mir einen Kuss auf mein Haar. Ich lächle leicht und lehne mich an ihn. Miri beobachtet ihn mit einer Mischung aus Abneigung und Abschätzung. „Hey", murmelt sie knapp und sieht auf ihren dicken Ordner. Sie mag Dylan nicht, ich weiß es. Sie macht kein Geheimnis aus der Sache. Lisa sieht immer noch, oder schon wieder auf ihr Telefon, es wirkt fast schon als würde sie es meiden, ihn anzusehen. „Was machst du hier?" Frage ich und drehe mich in seine Richtung. Er lächelt mich an und zuckt mit den Schultern. Er wirkt heute so gelassen und glücklich, dass sich das auf mich überträgt. Mein Herz fühlt sich ein bisschen leichter an, an solchen Tagen. „Ich dachte ich hole dich ab und wir gehen zusammen was Essen." Schlägt er vor. „Klingt gut", stimme ich zu und grinse. Weil ich heute nichts zu Essen dabei hatte, konnte ich bis jetzt auch noch nichts essen. Mein Magen knurrt schon bei dem Gedanken daran.

„Du hast doch bestimmt nichts dagegen wenn ich mit komme?" Wirft meine beste Freundin mit frechem Grinsen ein. Ich sehe sie schmunzelnd an. Die beiden können sich gegenseitig nicht riechen. „Ich habe heute noch nichts gegessen", fügt sie theatralisch hinzu. Dass das gelogen ist weiß ich. Sie liebt essen viel zu sehr, als das sie es auch nur ein paar Stunden ohne aushalten würde. Mein Blick wandert zu Dylan, dessen Kiefer vor Wut mahlen. Ich hoffe, das hat seine gute Laune für heute noch nicht ganz verdorben.

„Na gut", stimmt er bissig zu. Ich stelle mich auf die Zehenspitzen und gebe ihm einen Kuss, quasi als kleines Dankeschön dass er Miri mit uns essen lässt. „Kommst du auch mit?" Meine beste Freundin widmet sich jetzt Lisa, die die Unterhaltung nur am Rande mitbekommen hat. Ich schnappe kaum hörbar nach Luft und hoffe dass sie nein sagt. Auch Dylans Griff um meine Hüfte wird fester. Er will auch nicht das sie mit kommt aber aus anderen Gründen als ich.

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