Nochmal von Vorne

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P.o.V. Anni

Mit Schmerzen erfüllt, öffnete ich meine Augen und realisierte erst nach kurzer Zeit, dass ich mich nicht zu Hause bei Max und Noah befand, sondern in einem fremden Schlafzimmer. Mir war auch sofort bewusst, wo genau ich mich gerade aufhielt und es war die Hölle. Thornhill. Es gab keinen schlimmeren Ort, an dem ich aufwachen wollen würde. Immer noch schockiert wagte ich einen Blick unter die Decke und konnte erleichtert feststellen, dass ich angezogen war. Schon mal eine Sache weniger, worum ich mir Sorgen machen musste. Es war mir ein Rätsel wie ich in Jasons Bett geraten war. Unglücklicherweise konnte ich mich an fast nichts von gestern erinnern. Nur noch an den Moment, als ich mit Archie auf dem Balkon saß und wir uns über Musik unterhielten. Danach war alles schwarz.

Plötzlich lief mir ein kalter Schauer über den Rücken. Wenn Cheryl mich hier ins Jasons Bett sehen würde, könnte ich Abschied nehmen von meinem Leben. Ich wollte nicht noch mehr Probleme machen, als ich sie auch so schon hatte. Allein die Tatsache, dass Jason ja mit Liz zusammen war, brachte das ganze noch an die Spitze. Was wenn Cheryl und Liz mich hierher gebracht hatten, damit es so aussah, als hätte ich etwas mit Jason gehabt. Ein einziges Bild würde reichen, um alles zu zerstören. Wenn meine Theorie stimmte, dann war ich am Arsch und ich konnte nichts mehr dagegen tun.

Etwas zu schnell sprang ich aus dem Bett und bekam meine Kopfschmerzen viel stärker zu spüren, als zuvor, weshalb ich mich wieder erschöpft auf das Bett setzte. Auf einmal klopfte es an der Tür. Reflexartig lief ich hinters Bett und versteckte mich dort, doch anscheinend nicht gut genug. "Anni? Was machst du da?", fragte mich Jason, der hinter sich die Tür wieder schloss. "Du Arschloch! Was habt ihr mit mir gemacht?", rief ich wütend und kam aus meinem Versteck hervor. "Was meinst du? Niemand außer mir weiß, dass du hier bist", erklärte er irritiert und hob schützend die Hände vor sich. "Und das soll ich dir einfach so glauben?", meinte ich ernst und trat näher zu ihm. "Nach dem, was in der Sporthalle mit dir, Cheryl und Liz abgelaufen ist, kann ich verstehen, dass du mir nicht glaubst, aber ich sage die Wahrheit. Liz ist noch nicht mal hier und Cheryl schläft noch. Ich habe grade eben nachgeguckt." 

Wenn es stimmte, was Jason mir gerade erzählte, dann hatte ich doch noch eine Chance, um ohne Konsequenzen von hier weg zu kommen. "Auch, wenn Cheryl es jetzt noch nicht weiß, kann sich das ganz schnell ändern. Was mache ich überhaupt hier?" "Ich hab dich gestern auf der Party bewusstlos im Bad gefunden. Weil deine Freunde schon alle weg waren, hab ich dich halt hierher gebracht." "Und da ist dir nicht in den Sinn gekommen, dass Cheryl und Liz das völlig falsch aufnehmen werden oder das Ganze einfach so aussehen lassen, als hätte ich dich verführt?", fragte ich entsetzt. Perplex sah Jason mich an und verstand wohl worauf ich hinaus wollte. Nach ein paar Sekunden schüttelte er den Kopf. "Nein, nein. Falls, dann klär ich das mit ihr. Vertrau mir." "Ich hab genug von euch Blossoms! Ich fahre jetzt", sagte ich und sammelte meine Sachen zusammen. "Ich fahr dich nach Hause." "Vergiss es", antwortete ich ihm und verließ sein Zimmer. "Du hast kein Auto und zu Fuß ist es viel zu weit", versuchte er mir weis zu machen, während er mir folgte. 

Gerade, als ich in den Hauptraum lief, kam mir Vincent entgegen. Ohne zu zögern nahm ich seine Hand und zog ihn mit mir. "Vincent fährt mich", machte ich deutlich und spürte Vincents verwirrte Blicke auf mir. "Ach und du glaubst, dass Cheryl es nicht falsch verstehen wird, wenn du mit ihrem Freund davon fährst", fragte er abfällig, was Vincent nun noch mehr irritierte. Für eine kurzen Moment hatte ich vergessen, dass Vince mit Cheryl zusammen war. Enttäuscht ließ ich seine Hand wieder los und lief weiter zur Haustür. Vince fackelte nicht lang und hatte mich wieder eingeholt. "Ich bring dich nach Hause. Cheryl wird nichts erfahren", sagte er und öffnete mir die Tür. Bevor ich raus ging, blickte ich noch einmal zu Jason. Als sich unsere Blicke trafen, fühlte es sich an, als hätte ich einen Stromschlag bekommen. Diesen intensiven Blick hatte ich schon lang nicht mehr gesehen. Jedoch wusste ich was er bedeutete. Es war ein Zeichen, dass er Cheryl von nichts erzählen würde. Hoffentlich schoss ich mir damit nichts selbst ins Bein, wenn ich ihm Glauben schenkte.  

Während Vince und ich zu seinem Auto liefen, schwiegen wir uns gegenseitig an. Das selbe auch im Auto, nachdem wir uns hineingesetzt hatten. Erst, als mein Handy vibrierte und ich auf den Bildschirm sah, "sprang" ich auf und konnte meine Freude kaum verstecken. "Was ist los?", fragte Vince direkt und blickte mich an. "Meine Mutter ist aufgewacht!", sagte ich sprachlos. "Was meinst du mit-" "Du musst mich ins Krankenhaus bringen!", unterbrach ich ihn. "Ins Krankenhaus?" Ohne ihn anzugucken, nickte ich. Der einzige Grund, warum ich mit ihm gefahren bin, war, dass ich es nicht mehr in diesem Haus ausgehalten hatte und keine Angst mehr haben wollte, dass Cheryl jeden Moment runter kommen könnte. 

"Wir haben uns schon lang nicht mehr gesehen", unterbrach Vince die Stille während der Fahrt. "Stimmt", meinte ich nur und blickte weiter aus dem Fenster. "Wie geht es dir?" "Lass uns jetzt bitte nicht so tun, als wären wir Freunde. Ich fahre nur mit dir, weil ich noch weniger Lust auf Thornhill hatte", erklärte ich genervt und fügte noch hinzu: "Ist ja nicht so, dass du mich nicht hintergangen hast oder so." Da wir beide so nah nebeneinander saßen, konnte ich spüren, wie Vince sich anspannte. Eigentlich wollte ich nicht mehr mit ihm reden, doch ich hatte ein paar Fragen an ihn. "Hast du mich nur benutzt, um eine Möglichkeit zu haben, um an Cheryl ranzukommen oder hattest du Spaß daran mich leiden zu sehen... Oder ich hab noch eine Idee: Vielleicht hast du das Ganze von Anfang an zusammen mit Cheryl geplant. Zuerst nett zu mir zu sein und mein Vertrauen für dich zu gewinnen und, als du dann weit genug warst, dein wahres Gesicht zu zeigen. Ich war so dumm, dir dein ganzes Geschwafel im La Bonne Nuit abzukaufen!" Erst jetzt sah ich Vince ins Gesicht und konnte sehen, dass er verletzt war, sehr sogar. Doch warum sollte er? Ich war nicht Diejenige, die ihn verletzt hat. Das dachte ich zumindest. 

"Anni... es tut mir Leid, für alles. Ich dachte, dass ich dir mit dem, was ich tat, helfen würde. Scheinbar, war es genau das Gegenteil", flüsterte er und es sah so aus, als würde er mit den Tränen kämpfen. Ich verstand überhaupt nicht wovon er sprach, doch ich beließ es dabei und hakte nicht nach. Wir waren sowieso schon am Krankenhaus, weshalb ich mich bedankte, aus dem Auto ausstieg und die Tür hinter mir zu schloss. Jedoch tauchte Vince einige Zeit später neben mir auf und fragte: "Auch, wenn du es wahrscheinlich nicht willst, aber... können wir später reden?" "Da hast du recht, ich will es nicht. Da verbringe ich lieber den ganzen Abend allein zu Hause", gab ich zu. Trotzdem folgte Vince mir weiter, warum auch immer. 

Bevor ich die Tür zum Krankenzimmer meiner Mutter öffnete, drehte ich mich zu ihm um und fragte ernst: "Ich habe seit zwei Wochen nicht mehr mit meiner Mutter gesprochen. Heute habe ich endlich wieder die Chance dazu. Warum bist du also noch hier?" "Ich muss dir etwas Wichtiges sagen. Es geht um meine Beziehung mit Cheryl... Ich bin nur für dich mit ihr zusammen gekommen. Cheryl versprach mir im Gegenzug, das sie dich verschonen würde." Noch bevor ich Vince antworten konnte, öffnete jemand die Zimmertür meiner Mutter. Als ich sah, wer es war, konnte ich meinen Augen nicht trauen.

Losing YourselfWo Geschichten leben. Entdecke jetzt