15I Cohesion is the key

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Ich schaute ihm in die Augen. Ich war mir nicht mehr sicher, ob ich es ihm noch sagen sollte. Er schien selbst zur Zeit im Stress zu stehen und hatte viel um sich, mit dem er klar kommen musste. Wenn ich ihm dann noch erzählen würde, dass ich in einem Monat Tod sein würde, würde es ihn zerbrechen. Ich schätzte George nicht als eine schwache Person ein, doch diese Sache war nun mal nicht harmlos.
,,Hm?'' machte er nun, da ich noch immer nichts gesagt hatte.
,,Ich...nichts, schon gut'' murmelte ich. Er musterte mich und wusste, dass ich ihm etwas verheimlichte.
,,Warum willst du es mir nicht mehr sagen?'' fing er an.
,,Ich dachte du würdest mir nun vertrauen?'' fuhr er fort und klang schon verletzter. Sein Blick fühlte sich an, als würde er mich durchbohren. Nun senkte ich meinen Blick, ich konnte ihm einfach nicht mehr in die Augen schauen.
,,Clay'' flüsterte er meinen Namen, ich schaute ihn wieder an.
,,Ich werde sterben'' haute ich es einfach heraus. Ich beobachtete seine Mimik, doch sie veränderte sich nicht.
,,Ja...das weiß ich doch...'' murmelte er und kratze sich am Hinterkopf. Er dachte vermutlich, dass ich über Allgemeines sprach und nicht von demnächst.
,,Nein, du verstehst nicht...'' murmelte ich nun. Er schaute mich etwas irritiert an.
,,Ich habe noch einen Monat, höchstens zwei...'' nun weiteten sich langsam seine Augen. Er schien nun zu verstehen, was ich wirklich gemeint hatte.
,,Wir...wir bekommen das schon hin...'' fing er hektisch an.
,,Wir...du könntest doch in Therapie oder so etwas gehen...und dann k - '' ich unterbrach ihn.
,,George'' sagte ich seinen Namen, doch er war total in seinem Film. Er lief hin und her und bekam sich überhaupt nicht mehr ein.
,,Wir könnten auch Spenden sammeln, damit du irgendeine Operation machen kannst, wenn das nötig ist...'' fuhr er fort.
Ich packte ihm an seinem Handgelenk und zog ihn an mich heran, so bekam ich seine Aufmerksamkeit.
,,Es bringt nichts'' hauchte ich ihm gegen seine Lippen, während wir uns in die Augen schauten. Ich sah, wie ihm eine Träne herunter lief, die ich mit meinem Daumen von seiner Wange wischte.
,,Wir wussten, dass das kommen würde'' murmelte ich. Er schüttelte seinen Kopf und wollte einfach nicht zuhören.
,,Es muss doch irgendetwas geben, dass wir machen können...'' nuschelte er. Nun schüttelte ich meinen Kopf.
Er schaute mir tief in die Augen.
,,Ich werde Anity beschützen, für dich - koste es was es wolle'' sagte er. Ich schenkte ihm ein Lächeln und zog ihn daraufhin in einen Kuss. Ich war froh, dass man in Anity spüren konnte. So konnte ich nämlich diesen Kuss auch voll und ganz mit jeder Emotion, die sich dadurch aufbaute, genießen.

Am späten Abend lag ich wie immer auf meinem Bett und starrte gegen die Decke, während Musik im Hintergrund lief.
Die Lyrics dieses Liedes, ließen mich durch meine Gedanken nur noch weiter herunter ziehen.
I'm an open book
Typically I feel misunderstood
No one could know me the way you could
No, I don't keep nothin' inside
I believe in love like it's a fire, it's a feelin'
It's a touch, it's a reason
It's a light, it's a healin'
I love to love, I love all the ways
I feel so much, I get carried away
I love to love, I just wanna stay
Manche Lieder konnten einen oder eine bestimmte Situation einfach zu gut beschreiben. So wussten wir aber auch, dass wir nicht alleine in dieser Welt waren, die so etwas durch machen mussten - egal, was es war oder worum es ging. Es gab immer Menschen, die dasselbe oder etwas ähnliches zur selben Zeit wie du durchmachten.
Aber es änderte auch nichts an der Tatsache, dass mein Leben bald vorbei sein würde. Ich war einfach noch nicht bereit zu gehen - zu sterben. Ich war einfach noch zu jung. So vieles gab es, dass ich durch meinen Unfall nicht mehr tun konnte, nach dem ich unterhalb meines Körpers gelähmt war.
Wäre das wenigstens nicht, könnte ich mit George Abends durch die Stadt auf meinem alten Bike fahren. Ich könnte ihm die Orte zeigen, an denen ich mich oft befand um nachdenken oder einfach herunter kommen zu können. Er hätte diese Orte geliebt - so, wie ich sie einst geliebt hatte.

Ich wollte nicht nur ein weiteres totes Hologramm in Anity werden, doch ich entschied mich dennoch dafür - für George.
Für George würde ich den Rest meiner Existenz - wo auch immer, da sein.
Ich hatte mich zuletzt in den Schlaf geweint, als mein Hamster gestorben war, als ich acht Jahre alt war und nun tat ich es nach so langer Zeit erneut. Ich war immer relativ stark - doch, wenn man dem Tod so nah wie ich war, kratzte es schon echt sehr an den Nerven.
Aber wer kannte es nicht? Sich Nachts in den Schlaf zu weinen, weil man tagsüber stark sein musste. Irgendwann verließ diese Stärke einen einfach und das meistens, wenn man Nachts alleine war. Wenigstens konnte mich niemand so sehen. Niemand sollte mich jemals so schwach sehen - nicht meine Eltern, nicht mein Bruder, nicht einmal George - einfach niemand.


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