16. Geheimnisse

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Ich fasste all meinen Mut zusammen und klopfte an diese Tür. Ich besuchte Jamie in den vergangenen Wochen zwar häufiger, aber jedes Mal war Steven dabei und wir spielten oft nur zusammen, als wirklich miteinander über Ernste Dinge zu sprechen. Nun war es aber an der Zeit zu reden. Jamie brauchte Hilfe und ich war die einzige Person, zudem er vertrauen hatte. Bereits damals im Wald wollte er lieber alleine mit einer Person über seine Probleme sprechen. Wenn er wirklich wusste, wo Tyson sich aufhielt, dann wird es einen Grund geben, warum er dies niemanden sagen kann.

Ich klopfte dreimal aber bekam keine Reaktion. Nur Stille. Ich wartete noch ein paar Sekunden bevor ich ein viertes Mal klopfte. Was ist, wenn etwas passiert war? Oder Jamie in Gefahr ist? Eigentlich hatte ich nicht vor dies zu tun, aber meine Sorgen waren einfach zu groß. Ich drückte die Klinke herunter und trat ungefragt in sein Zimmer ein.

"Tut mir leid. Hey, bist du da? JAMIE", war ich geschockt als ich sah in welchem Zustand sein Zimmer war. Der Boden war belegt mit einem regelrechten Teppich aus Klamotten, neben seinem Bett stand ein Turm aus gestapelten Tellern, das Fenster hatte er mit einem Vorhang verdeckt, sodass es stockduster war. Jamie lag in seinem Bett, eingedreht in seiner Decke. Auf meine Rufe reagierte er gar nicht erst. "Jamie! Hey, alles gut?", fragte ich und stupste seinen leblos wirkenden Körper an. Er brummte nur und drehte sich zur Seite, damit er mir nicht ins Gesicht sehen musste.

Ich riss die Vorhänge auf, um etwas Licht in den Raum zu lassen. Mit der Hoffnung, dass mein Freund dann aufstehen würde. Er raunte nur und versuchte sich noch tiefer in seine Decke zu vergraben. "Geh Weg. Ich will alleine sein", wimmerte er. In dem Zustand konnte ich ihn auf keinen Fall alleine lassen. Das heruntergekommene Zimmer war eindeutig ein Hilferuf. "Ich will dir helfen Jamie", sagte ich und setzte mich zu ihm auf das Bett. "Du würdest es nicht verstehen. Niemand kann das", wisperte er und drehte sich wieder zu mir. Seine Haut war völlig verblasst. Seine Augen wiesen dicke Ränder auf. Es schien, als ob er seit Tagen kein Licht mehr gesehen hätte. "Was ist denn los? Ich kann dir aus eigener Erfahrung berichten, dass dein Schmerz gelindert wird, wenn du dich jemandem anvertraust", redete ich auf ihn ein.

"Ich glaube, wenn ich es dir erzähle, bist du nur abgeneigt. Es ist eine Sache, welche ich schon lange mit mir rumtrage, aber ich kann es einfach nicht erzählen. Tut mir leid", vertröstete er mich. Armer Kerl. Auch wenn Jamie sein Geheimnis als höchst unangenehm erschien, konnte ich ihn einfach nicht aufgeben. Er brauchte eine Person, welche ihm das Gefühl gab, dass sein Geheimnis, egal wie schlimm es war, auf Verständnis stoßen würde. Mir fiel es auch verdammt schwer die Worte: "Ich bin schwul", in den Mund zu nehmen.

"Wie wäre es mit einer Abmachung? Manchmal fällt es einem schwer die richtigen Worte zu finden und dann auch auszusprechen. Also schreibe mir dein Geheimnis auf ein Zettel, ich werde ihn öffnen, ohne es auszusprechen und ich verspreche, ich werde nicht weglaufen", schlug ich vor und nahm dabei seine zittrige Hand. Er blickte mir kurz in die Augen und nickte zustimmend. Anscheinend erschien es ihm eine gute Lösung zu sein. Er richtete sich auf, nahm Zettel und Stift von seinem unaufgeräumten Schreibtisch und schrieb etwas auf. Anfangs zögerte er noch ein bisschen. Als er es schließlich vollbracht hatte, kniff er die Augen zusammen und drückte mir das zugefaltete Papier in die Hand.

Langsam öffnete ich es und las mir die Worte in Gedanken vor. Die erste Tatsache seines Geheimnisses überraschte mich zwar ein wenig und die andere schockierte mich zutiefst.

"Wie lange weißt du das schon?", beschloss ich ihm eine Frage zu stellen. Ich wollte dieses Gespräch langsam und sensibel angehen. Denn so eine Sache war weder für den Betroffenen noch für ihr Umfeld leicht. "Seit meiner Kindheit. Ich fühlte schon immer anders als die anderen Jungen in meinem Alter", erklärte er. Seine Hände zitterten noch immer, wenn er über dieses Problem sprach.

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