01 | Roboter

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K A P I T E L 01

Nach der Toilette wusch ich meine Hände. Zufällig warf ich einen Blick in den Spiegel, die Person, die mir entgegenblickte, war mir zugleich zwar schon so bekannt, aber auch so fremd. Ihre grünen Augen blickten ausdruckslos und die langen braunen Haare vielen genauso ausdruckslos über die Schultern. Ihre Mundwinkel zeigten leicht nach unten, die sonst feinen und sanften Gesichtszüge wirkten verhärtet, der Körper verspannt. Mein Ebenbild wirkte viel älter. Obwohl es nur zwei Jahre waren, hatten diese mich gezeichnet.

Kurz über meinem Schlüsselbein zog sich eine zarte Narbe, die mich immer an den Verlust meines Mates erinnern sollte. An das, was ich hatte, was ich gehabt haben könnte und das, was ich aus eigener Dummheit verloren habe. Ich habe ihn verloren, weil ich zu achtlos und zu langsam gewesen bin. Ich habe es nicht geschafft, ihn zu beschützen. Ich war schwach.

Und ich war noch schwächer, weil Cara, meine innere Wölfin ebenfalls fort war. Mit dem Verblassen des Matebandes, welches seinen Tod gekennzeichnet hatte, war auch sie verschwunden. Ich wusste nicht, wo sie hin war, ob sie überhaupt noch lebte und sich vielleicht in die tiefsten Ecken meines Bewusstseins zurückgezogen hatte. Ich fühlte mich leer. Die zwei wichtigsten Teile meines Lebens, die, die mich ausgemacht haben, waren einfach verschwunden, wurden mir entrissen. Und mit ihnen, ist auch ein Teil meiner Selbst gegangen.

Ich durchlebte jeden Tag wie eine Maschine, wie ein Roboter. Tag ein, Tag aus. War nur noch da, um zu funktionieren.
Aufstehen, wenn ich denn dann überhaupt mal schlafen konnte - meistens suchten mich, sobald ich schlief, Alpträume heim -, für den Tag fertig machen, Schule, essen, Trainieren und schlafen gehen. Zwischendurch machte ich noch Hausaufgaben oder lernte für Klausuren. Ich war achtzehn und in der zwölften Klasse. Nächstes Schuljahr, würde ich mein Abitur schreiben.

All diese Handgriffe, hatte ich automatisiert und führte sie, ohne viel Zutun aus. Ich sprach selten und lachte nie. Ich wüsste nicht, was es zu bereden gäbe. Mein Leben war langweilig und eintönig, trostlos und nicht länger lebenswert ohne meinen Mate. Nicht nur einmal habe ich seit seinem Tod daran gedacht, mir das Leben zu nehmen. Es verging bis heute kein Tag, an dem ich mir sehnlichst wünschte, wieder bei ihm zu sein.

Aber dann rief ich mir unsere Mondgöttin Luna vor Augen - sie hatte mich nicht zu sich geholt, hatte mich den Tod meines Gefährten überleben lassen, obwohl dies ziemlich selten vorkam. Meine Aufgabe hier auf Erden, war anscheinend noch nicht getan, was auch immer das für eine sein mochte. Nur deswegen lebte ich noch.

Das Training brauchte ich, um mich auszupowern und um auf andere Gedanken zu kommen. Es waren die einzigen Momente, in denen ich weder an Noah, noch an Cara dachte. Auch wenn ich ohne meine innere Wölfin unmöglich weiterhin eine Soldatin sein konnte, trainierte ich weiterhin, machte Kraft- und Ausdauertraining und forderte mich selbst im Nahkampf, sowie in dem Umgang mit Waffen. Täglich trieb ich mich an meine eigenen Grenzen und darüber hinaus, weil nur das mir wirklich helfen konnte. Vielleicht lief ich so vor dem Schmerz und den Gedanken, den Erinnerungen davon. Vielleicht wäre es besser, wenn ich mich ihnen stellte, vielleicht.

Ich konnte mir nicht erklären, wie das möglich war, doch der Mörder von Noah konnte entkommen und ich hatte es mir selbst zur Aufgabe genommen, ihn irgendwann zu finden und meinen Gefährten zu rächen. Vielleicht war das ja auch der Grund, weshalb ich noch lebte. Vielleicht war genau das meine Aufgabe.

Die Tür wurde aufgestoßen und zwei kichernde Mädchen kamen auf die Toilette. Ruckartig drehte ich das Wasser ab und trocknete meine Hände. Was hatte ich für ein Bild abgeben müssen, vor mich hin in den Spiegel starrend, und das minutenlang.

Ich ignorierte die anderen Schüler, denen ich im Flur, auf dem Weg zur Cafeteria begegnete. Die Cafeteria war ein großer Speisesaal unserer Schule, in welcher in der Mittagspause warmes Essen an der Essensausgabe ausgeschenkt wurde und in allen anderen Pausen gab es dort sogar einen kleinen Kiosk, an dem man allerlei Süßkram kaufen konnte. Außerdem gab es zahlreiche bequeme Sitzgelegenheiten - am Rande des Raumes standen überall Sitzecken aus Sofas, wo man zudem auch seine Freistunden verbringen konnte und in der Mitte des Raumes standen überall runde Tische mit Stühlen. Dort würde ich meine Freunde treffen. Denn auch, wenn ich mich gewissermaßen von dem Rudel fern hielt und nicht besonders viel redete, war ich trotzdem noch gerne unter meinen Freunden. Manchmal schafften ihre idiotischen Gespräche es auch, mich für einen kurzen Moment abzulenken.

***

Meine Lungen brannten, genauso wie meine Muskeln. Meine Füße taten ebenfalls bereits weh und ich spürte, wie mir die Kraft aus den Armen und Beinen wich, doch ich trieb mich zum äußersten. Wie immer. Ich zwang mich sogar, noch schneller zu laufen. Natürlich war mein Tempo nichts im Vergleich zu dem eines Lykaners, denn mit Caras Verschwinden, schwanden auch all die Fähigkeiten, die einem als Lykaner geschenkt wurden.

Jeden Tag aufs neue, trieb ich mich zum äußersten, holte immer noch ein kleines Stück mehr aus mir heraus, trieb es manchmal sogar viel zu weit, aber ich brauchte das. Ich brauchte diesen Schmerz und die körperliche Erschöpfung. So konnte ich danach wenigstens ein paar Stunden schlaf finden. Meistens ging ich nach der Schule trainieren. Am Ende eines jeden Trainings folgte zum Abschluss meist ein Lauf durch den Wald, denn auch, wenn ich mich eigentlich nicht mehr als Lykaner bezeichnen konnte, liebten diese es, in Wolfsgestalt durch den Wald zu laufen und auch liebte es noch immer, auch wenn ich dabei ein Mensch sein musste. Nach diesem Lauf war ich dann in der Regel so k.o, dass ich beinahe schlafend in mein Bett fiel. Dann schlief ich einige Stunden, bis diese schrecklichen Alpträume mich wie jede andere Nacht auch, wieder heimsuchten und aus dem Schlaf rissen. Nach einiger Zeit, habe ich es mir angewöhnt, duschen zu gehen und den ganzen Schweiß und den Dreck vom Sport von meinem Körper zu waschen, nachdem ich aufgewacht bin, denn nach einem solchen Alptraum, konnte ich bisher nie einschlafen. Zu lebendig waren dann noch die Bilder. Nach dem Duschen machte ich dann meine Hausaufgaben oder lernte und dann klingelte mein Wecker und der Tag begann von neuem. So hatte ich in den letzten Jahren eine neue Routine entwickelt. Eine Routine, bei der mir eigentlich keine Zeit bleiben sollte, groß an das Geschehene zu denken und trotzdem tat ich es.
Manchmal kam ich mir vor, wie ein Roboter, der dazu programmiert war, um all diese Aufgaben zu erledigen.

Auch jetzt trieb ich meinen Körper an den äußersten Rand der Erschöpfung. Aber ich war bald zu Hause, nur mehr fünf Minuten Sprint und dann würde ich einige Stunden, vielleicht fünf - wenn es gut lief - haben, um mich erholen zu können.

Plötzlich und vollkommen unerwartet traf mich ein Geruch. Er war fremd und wunderschön. Er war erfrischend, wie der Wald nach einem Regenschauer oder wie eine Blumenwiese im Sommer. Und zugleich war er so männlich und dominant, eine seichte Spur von Aftershave und etwas herben schwang ihm mit. Der Geruch war so wunderschön, dass ich die Augen während des Laufens schloss und sogleich, von einem leisen Aufschrei begleitet, zu Boden segelte und einige Meter weiter über diesen rutschte. Sofort schoss mir Schmerz durch einige Stellen meines Körpers, kein Wunder, ich hatte trotzdem ein ganz schönes Tempo draufgehabt.

Und ganz leicht, das Gefühl wurde immer stärker, nahm ich wahr, wie sich etwas vertrautes und zugleich fremdes in den Tiefen meines Unterbewusstseins regte. Seine Präsenz wurde immer stärker und stärker, das rumoren in meinem Körper ebenfalls und plötzlich spürte ich, wie die Leere, die meine innere Wölfin mit ihrem Verschwinden hinterlassen hat, vollständig ausgefüllt wurde. Ich spürte, wie ich einen Teil meiner Selbst zurückerlangte und dieser ganze Prozess und die Erkenntnis, trieben mich an den Rand zur Bewusstlosigkeit.

Und dann hallte die Stimme meiner Wölfin, begleitet von einem Knurren in meinem Kopf wieder.

MATE!

forever mate *pausiert*Wo Geschichten leben. Entdecke jetzt